• Glosse
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  • Yvonne Kollrack
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  • 26.01.2009

Vorstellungs- oder Verstellungsgespräche?

Mit der Einladung in der Hand geht es zum Bewerbungsgespräch. Da der zukünftige Chef ja Gefallen am Bewerber finden soll, will dieser sich von seiner besten Seite präsentieren. Doch aufgepasst, zahlreiche Fallstricke lauern auf dem Weg zum Traumjob!

Die Anreise

Schon die Anreise zum Vorstellungsgespräch ist spannend. Reist der Bewerber mit der Bahn an, können ihm verpasste Anschlusszüge manchen Nerv rauben. Hektische Telefonate mit der Chefarztsekretärin sollte er nur vom stehenden Zug aus unternehmen, denn er könnte während der Fahrt in ein Funkloch geraten. Dies macht keinen guten Eindruck für eine kontinuierliche Mitarbeit.

Weitere Probleme können sich durch die angemessene Kleidung ergeben. Fußmärsche vom Bahnhof zum Krankenhaus in feinen, eventuell auch eigens neu angeschafften Schuhen verursachen gerne Blasen. Das hinkende Gangbild sollte die Bewerbungskandidatin tunlichst verbergen, wenn sie endlich den Weg ins Chefzimmer beschreitet. Schließlich stellt sie sich als künftige junge, dynamische und belastungsfähige Mitarbeiterin vor.

Autofahren im engen Kostüm oder Anzug verursacht nicht nur Falten, es ist bei längeren Strecken zudem unbequem. Eine Herausforderung ist es, sich auf dem Parkplatz im Auto aus Schlabberjeans in Nylonstrümpfe, Bluse und Rock zu zwängen. Die Tageszeit ist dabei zu beachten. Nach dem allgemeinen Dienstschluss könnten zukünftige Kollegen den Parkplatz bevölkern. Um Missverständnisse zu vermeiden ist es ratsam, zum Umziehen auf die Patiententoilette ausweichen. Sie ist geräumiger, leider nicht unbedingt hygienischer.

 

Eine besondere Spezies: Chefarztsekretärin

Ersten Anhalt für die Stimmung in der gewünschten Abteilung bietet die Chefsekretärin.
Nette Exemplare bieten je nach Jahreszeit kalte oder warme Getränke an. Sie erkundigen sich nach der Qualität der Anreise, versichern, der Chef freue sich schon und käme gleich, weisen einem ein lauschiges Plätzchen zum Warten zu und widmen sich dann wieder ihrer Arbeit.
Biestige Vertreterinnen dieser Spezies mustern den Bewerber zunächst wie ein störendes ekliges Insekt. Daraufhin erfolgt die despektierliche Aussage, der Chef sei noch in der Privatsprechstunde beschäftigt. Anschließend wird man in eine zugige kahle Ecke oder in den mit Patienten vollbesetzten Warteraum verfrachtet. Vorsicht auch, wenn einem zur Überbrückung von Wartezeit auf den Chef englischsprachige Fachliteratur gereicht wird.

 

Aufschlussreiche Zimmereinrichtung

Aufschlussreich ist es, die Einrichtung des Chefarztzimmers genau zu analysieren. Allerdings spiegelt sie nicht immer den wahren Charakter des Bewohners wieder. Ausgestellte Pickelhauben und historische Schusswaffen in einem sich über Tisch und Boden auftürmenden Chaos aus Fachzeitschriften, Briefen und Pharmainformationen gehören manchmal einem herzensguten aufgeschlossenen Chef, wohingegen Christusstatuen und Abbilder von Mutter Theresa samt Widmung Eigentum eines ausbeuterischen Sklaventreibers sein können.

 

Unterwürfigkeit tut selten gut!

Sitzt der Bewerber dann endlich vor dem Chefarzt, heißt es bei klarem Verstand zu bleiben! Auch wenn der Chef ihm aufmunternd zunickt, sollte der Kandidat nie behaupten, dass er DRGs und Kodierung wunderbar findet, gerne Transfusionsbeauftragter werden möchte und sich nichts Schöneres vorstellen kann, als sich am Wochenende experimenteller Grundlagenforschung zu widmen. Denn sonst sind die Weichen für die künftige Arbeitsaufteilung im Team schon gestellt!

 

Cartonn: C. Schnalke

 

Das Mittelalter ist vorbei

Mancher Chef wartet mit Sprüchen wie "Der Tag eines Chirurgen endet nie" oder "Nicht geschimpft ist Lob genug" auf. Spätestens da sollte der Bewerber nicht höflich lächelnd zustimmen, weil er ja gut erzogen ist. Richtig ist, sich mitleidig grinsend zu erheben, noch einen schönen Tag zu wünschen und die Flucht zu ergreifen. Das Mittelalter ist vorbei. Angesichts der heutigen recht guten Stellensituation hat es niemand mehr nötig, sich in Leibeigenschaft zu begeben.

 

Informanten suchen

Es empfiehlt sich, nicht nur mit dem Chef zu sprechen, sondern auch mit einem Informanten, zum Beispiel einem Assistenten. So manche Aussage gewinnt hier eine neue Bedeutung. "Bei uns gibt es keine Überstunden" heißt aus der Chefsprache in Assistentenslang übersetzt, dass Überstunden nicht dokumentiert werden. Auch der "reichliche Einsatz im OP" stellt sich bisweilen als stundenlanges Hakenhalten in 3. Assistenz heraus. Wer sich Informationen von dritter Seite einholt, erspart sich so manche böse Überraschung hinterher!

 

Arbeit ist nicht alles - die Umgebung

Wichtig ist es, nicht nur das Krankenhaus, den Chef und die Kollegen kennenzulernen, sondern auch die umgebende Stadt zu erkunden. Allerdings sollte man sich nicht allzusehr von mittelalterlicher Kulisse, ausgedehnten Grünanlagen und exzellenter Shoppingmeile beeindrucken lassen. Der Gedanke "Egal wie die Stelle ist - ich will in diese Stadt" ist zu vermeiden. Wenn man von Arbeit überhäuft, versklavt und ausgenutzt nur in der Klinik hockt oder apathisch entkräftet vor dem Fernseher liegt, nutzt einem das ganze attraktive Freizeitangebot nichts.

Dann hilft nur noch eines: Bewerbungen los schicken und erneut auf Vorstellungstour gehen.

 

 


 

Leserkommentar

Trefflich getroffen ... von Dr. Markus Lau

... nur das mit den Netzstrümpfen ist in Österreich unter den männlichen Kollegen nicht Usus.
Hätte ich nicht einen Traumjob mit geregelter Arbeitszeit und meiner Leistung entsprechender Entlohnung, ich wär beinah versucht mich mal wieder zu bewerben. Übrigens: In Österreich höre ich am Arbeitsamt: Leider können wir Sie nicht vermitteln, es besteht derzeit keine Nachfrage und zudem sind Sie überqualifiziert. Ist das nicht schön?

 

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