• Interview
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  • Sarah Schroth
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  • 18.01.2016

Geregelte Arbeitszeiten und Work/Life-Balance

Leider sind die Arbeitsbedingungen an deutschen Krankenhäusern oft suboptimal. Das schlägt sich vor allem in der Kommunikation nieder. Ein Aufbegehren wird jedoch selten toleriert – vor allem wenn es von den schwächsten Gliedern der Hierarchiekette stammt. Sarah hat das Problem mit Chefarzt Prof. Steinhäuser* anhand eines konkreten Falls diskutiert.

© RioPatuca Images/Fotolia.com

In einem Operationsaal in Norddeutschland spielte sich vor kurzem folgendes Szenario ab: Während einer Blinddarmoperation dreht sich der hakenhaltende PJ-Student zum operierenden Chefarzt um und verkündet, dass er in einer Viertelstunde gehen müsse. Er habe auch schon seit fünf Minuten Feierabend. Daraufhin kommentiert der Chefarzt, sichtlich verärgert: "Wenn Sie das hier nicht interessiert, dann können Sie direkt gehen." worauf der Student antwortet: "Gut, dann schaue ich mir die Operation auf YouTube an, dort bekomme ich wenigstens auch etwas erklärt. Tschüss" und den Saal verlässt. (Quelle: DIE ZEIT Nr. 47/2015, 19. November 2015)

> Herr Prof. Steinhäuser*, Sie waren mehr als 20 Jahre lang Chefarzt einer der renommiertesten neuroradiologischen Kliniken Europas. Sie waren selbst einmal Student und haben sicher auch als Assistent, Oberarzt und Chefarzt Studenten betreut. Was sind Ihre ersten Gedanken zu diesem Fall?

Offensichtlich handelt es sich hier um eine gestörte Kommunikation mit negativem Ergebnis für beide Seiten. An wem das liegt, ist schwer zu sagen – in der Regel an beiden Seiten. Der Ältere und Erfahrenere sollte aber erkennen und gegensteuern, wenn ein Gespräch in die Sackgasse führt.

Hier gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Der Chef ist im Umgang mit seinem Team generell unfreundlich, erklärt nichts, verdient sehr gut, gibt nichts ab und man kann nicht mit ihm reden. Solche Situationen gibt es leider – deshalb sind Einrichtungen, über die man anonymisiert Kritik üben kann, die dann von einem Gremium aufgearbeitet und zur Sprache gebracht wird, ideal. Ansonsten kann es passieren, dass der, der sich wehrt, ggf. gemobbt wird.
  2. Der Student provoziert. Das halte ich aber im Normalfall für unwahrscheinlicher als Möglichkeit eins. Der Student hat immerhin Abitur, studiert Medizin und hat einige Examen erfolgreich bestanden – er ist also offensichtlich motiviert. Was kann ihn also bewogen haben, so zu reagieren? Ich denke, da ist einiges zusammen gekommen. Er muss Haken halten, der Chef erklärt nichts, er verdient kaum etwas oder gar nichts, der Chef nimmt nicht zur Kenntnis, dass eigentlich bereits Arbeitsschluss ist, fragt nicht höflich, ob er evtl. noch etwas länger bleiben könne – Zusammengefasst: Der Chef ist nicht informiert über die Situation seines Mitarbeiters – und ganz offensichtlich interessiert ihn das (und das Klima am Arbeitsplatz) auch nicht.

Fazit: Der Student hätte die Situation nicht so inszeniert, wenn die Arbeitsbedingungen in Ordnung wären. Dafür verantwortlich sind alle – vom Chef über den Personalausschuss bis hin zu denMitarbeiter einschließlich dem Studenten selbst. Offene Strukturen mit der Möglichkeit, Kritik anonym anzubringen sind wichtig.

Wäre mir als Chef das passiert, hätte ich erstmal zurück gefragt: Haben Sie denn einen dringenden Termin? Daraus hätte sich vermutlichein vernünftiges Gespräch ergeben, in dem der Student (nicht während OP, aber z.B. nachher beim Kaffee) hätte erklären können, was ihn dazu veranlasst hat und was ihn frustriert (zu wenig Erklärung, zu wenig Wertschätzung, zu viel Arbeit, zu wenig Perspektive etc.…)

> Was ist Ihnen wichtig an Ihrem Job?

Das Gefühl, eine sinnvolle Arbeit zu machen. Im Team abgesichert zu sein. In der Kommunikation mit anderen Experten, z.B. auf Kongressen, im eigenen Team oder durch Studium der Fachliteratur zu wissen, was nach dem derzeitigen Stand der evidence based medicine die optimale Behandlung ist. Und diese in der täglichen Arbeit im Team wenigstens partiell realisieren zu können.

> Was sind für Sie „gute“ Arbeitsbedingungen? Was denken sie über Überstunden, geregelte Arbeitszeiten für Ärzte, Nacht- und Wochenenddiensten im Krankenhaus?

Gute Arbeitsbedingungen sind die, die man selbst gestalten – zumindest mitgestalten – kann. Vorübergehende Überbelastungen kann man ggf. in Kauf nehmen, wenn es alle trifft, sie momentan erforderlich sind und der Sache dienen. Zugleich ist aber anzustreben, dass Arbeit und Freizeit im Gleichgewicht sind. Gegebenenfalls muss man das erkämpfen – wie es auch die Gewerkschaften mussten(von der 7 Tage zur 5 Tage Woche und 8 Stunden Arbeit).

> Wie stehen Sie zu den Hierarchien im Krankenhaus?

Ich halte nichts davon – wohl aber von Respekt vor Erfahrung, Einsatz und auch Begabung/Eignung/Fertigkeiten. Wichtig erscheint mir, dass Systeme regelmässig hinterfragt und auf Effizienz und Fairness überprüft werden und zwar nicht spontan, sondern im Rahmen eine Qualitätsmanagements. Es sollte angeregt werden, dass Missstände wie Mobbing oderasymmetrische Arbeitsbedingungen einer von den Mitarbeitern gewählt en Kommission gemeldet werde können. Die muss das Thema dann mit den Betroffenen erörtern und später Ursache, Auswirkung und Beilegung des Problems öffentlich machen.

> Was verstehen Sie unter Work/Life-Balance und wie wichtig ist Sie Ihnen?

Das muss jeder selbst für sich definieren. Wenn die Arbeit Spass macht und mit zwischenmenschlichem Austausch verbunden ist, fehlt zur Work-Life Balance evtl. nur die „sportliche“ Betätigung. Ist dies nicht der Fall, muss dies durch bessere Bezahlung, mehr Freizeit oder höhere Wertschätzung ausgeglichen werden.

> Was sind die Prioritäten in Ihrem Leben? Wie wichtig ist Ihnen Freizeit?

Dinge zu verstehen und sie soweit wie möglich zu realisieren. In meinem Alter gibt es nur freie Zeit – ich kann entscheiden, was ich damit mache. Ich möchte gerne gestalten. Im Moment überlege ich, ob ich das noch ein wenig in meinem Beruf mache. Das hat viele Vorteile: ich kenne mich aus und habe sozusagen den Pflichtteil hinter mir . Jetzt kann ich mehr oder weniger virtuos mit den erworbenen Fähigkeiten und Kenntnissen spielen – und sie zugleich erweitern.

* Name von der Redaktion geändert.

 

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