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  • Tanja Jähnig
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  • 13.01.2015

Karriere-Tipps für Frauen in der Medizin - Stolperfallen auf dem Weg nach oben

In Zeiten der Gleichberechtigung sollte die Anzahl der X-Chromosomen eigentlich keine Bremswirkung auf die Karriere mehr haben. Doch die Realität sieht anders aus: Viele junge Ärztinnen, die darauf vertraut haben, dass die meist männlichen Chefs ihre Leistung gerecht beurteilen, sind schon schmerzhaft auf die Nase gefallen. Hier eine Auswahl von Tipps, die solche Erlebnisse vermeiden helfen.

 

 

 

Illustration Karriereleiter, Quelle: Susi Schaaf

 

Weiblich war DIE Medizin schon immer. Bislang galt das aber nur in grammati­­kalischer Hinsicht. Tatsächlich waren die in ihr ­handelnden Personen mehrheitlich Männer. Jetzt scheint sich dieser kleine „Geburtsfehler“ auszugleichen. Knapp 100 Jahre nachdem in Deutschland die ersten Frauen zum Medizinstudium zugelassen wurden, übernehmen die Trägerinnen der beiden X-Chromosomen rein zahlenmäßig das Regiment. Heute sind 60 Prozent der Ab­solventen Frauen, Tendenz steigend.

 

Doch eigenartig: Schaut man sich die Führungsriegen der Kliniken an, wird diese Veränderung kaum sichtbar. Laut Deutschem Ärztinnenbund haben ­Ärztinnen – besonders mit Kindern – kaum Chancen, bei gleicher Qualifikation gegenüber männlichen Kollegen zum Zug zu kommen, wenn es darum geht, eine leitende Position zu be­setzen. Anders als für Männer ist es für Frauen keineswegs selbstverständlich, dass sie ihre Weiterbildung erfolgreich abschließen, voll berufstätig sind und ihre Wunschposition im „Unternehmen Krankenhaus“ erreichen.

 

Für diesen Missstand gibt es keine einzelne Hauptursache – es sind viele kleine „Stolpersteine“, die in der Summe dazu führen, dass Frauen sehr viel häufiger als Männer ihre Karriereziele verfehlen. Damit Dir das nicht auch passiert, geben wir Dir hier Hinweise, wie Du in speziellen Situationen reagieren solltest. Übrigens: Männer sollten an dieser Stelle bitte weiterlesen. Dann begreifen sie nämlich, was Frauen an ihrem Verhalten manchmal ein bisschen aufregt.

 

Du machst PJ in deiner Lieblingsklinik. Bei der Visite stellt dir der Chefarzt eine Frage. Du weißt bestens Bescheid, antwortest aber etwas zögerlich und blickst dabei aus Nervosität ständig den Stationsarzt an. Als du eine kurze Pause machst, fällt dir ein anderer PJler ins Wort, der (genau wie du) in der Abteilung seine Weiter­bildung absolvieren möchte. Er antwortet kurz und knapp – wobei er Dinge, die du schon gesagt hast, noch einmal wiederholt – und erntet vom Chef großes Lob.

 

Falsch: Du sagst keinen Ton mehr und verlässt weinend das Zimmer.

 

Richtig: Im Gespräch mit mehreren Kollegen gilt: Gib keinesfalls klein bei, wenn du unterbrochen wirst, sondern unterbrich deinen Kollegen ebenfalls und fordere ihn bestimmt, aber freundlich dazu auf, dich ausreden zu lassen. Wenn der Chef eine konkrete Frage an dich stellt, solltest du darauf achten, dass du deine Antwort direkt an ihn richtest. Schaue ihm in die Augen und spreche laut und deutlich. Wenn du nur leise in die Runde sprichst, wird niemand deinen Beitrag wahrnehmen. Hört dir der Chefarzt zu, wirst du auch von den anderen gehört. Viele Frauen glauben, dass gute Leistungen im Berufsleben ausreichen, um die entsprechende Anerkennung zu erhalten. Ebenso wichtig ist jedoch auch Durchsetzungsvermögen. Lerne außerdem, zu unterscheiden, ob du oder deine Leistung kritisiert werden. Dr. Julia Jacobs, Fachärztin für Pädiatrie aus Freiburg berichtet aus eigener Erfahrung: „Harte Worte unter Männern sind häufig nicht persönlich gemeint, sondern rein sachlich kompetitiv. Frauen verstehen das oft falsch.“ Auf keinen Fall solltest du bei Kritik an deiner Arbeit vor deinen Kollegen weinen – dies wird immer als ein Eingeständnis eigener Unzulänglichkeit gewertet.

Illustration Karriereleiter, Quelle: Susi Schaaf VIM

Du siehst am schwarzen Brett den Aushang für eine anspruchsvolle experimentelle Doktorarbeit, die genau deinem Interessengebiet entspricht.

 

Falsch: Du würdest die Promotion gerne machen, doch dir fehlt der Glaube, dass du das schaffen kannst. Deswegen rufst du einen guten Freund an, von dem du weißt, dass er in dem entsprechenden Bereich Karriere machen möchte – und gibst ihm den Tipp, sich das mal anzuschauen ...

 

Richtig: Verkaufe dich nicht unter Wert! Wenn du Karriere machen möchtest, solltest du ehrgeizig und zielstrebig handeln. Dr. Jacobs, die noch während ihrer Weiterbildungszeit habilitierte, berichtet von ihren Erfahrungen mit ­Doktoranden: „Viel mehr Frauen als Männer promovieren vor allem wegen des Titels. Kaum eine macht sich Gedanken, ob sie ihre Arbeit als Erstautor publizieren will und ob die Arbeit karriereförderlich ist. Bei männlichen Bewerbern ist das anders.“ Durch prestigeträchtige Doktorarbeiten, Papers und Vorträge auf Kongressen kannst du bei deinem Chef punkten, überregionale Verbindungen knüpfen und eventuell einen Mentor finden, der dich fördert.

 

Du machst gerade dein Chirurgie-Tertial. Der Oberarzt ruft aus dem OP an und fordert für eine knifflige OP einen PJler als Unterstützung an. Dein Kollege bittet dich wie selbstverständlich darum, die Stationsarbeit zu übernehmen, und vertröstet dich damit, dass bestimmt noch mehr OPs der gleichen Art in Zukunft folgen werden.

 

Falsch: Du sagst: „Toll, dass du dir das zutraust! Geh du ruhig, ich kann das sowieso noch nicht!“

 

Richtig: Ausgefüllte Anamnesebögen sind schön und gut, jedoch wirst du für diese Arbeit schwerlich Respekt und Anerkennung ernten. Deswegen solltest du versuchen, zusammen mit deinem Kollegen eine gerechte Aufgabenverteilung zu vereinbaren. Frauen übernehmen häufig Fleißaufgaben, die gemacht werden müssen, wohingegen Männer sich gern Prestigeaufgaben widmen. Versuche solchen Fleißaufgaben aus dem Weg zu gehen. Und wenn es gar nicht anders geht, bestehe darauf, dass die Aufgabe aufgeteilt wird. Dr. Imke Bruns, Assistenzärztin in der Gynäkologie und Mitglied im Bundesvorstand des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB), hat beobachtet: „Frauen trauen sich oft weniger zu. Wenn im OP gefragt wird, ob jemand einen Eingriff machen möchte, sagen Frauen oft nein und möchten lieber noch einmal zugucken. Männer sagen immer ja, auch wenn sie die OP noch nie gemacht haben.“

 

Dein künftiger Chef fragt im Bewerbungsgespräch, wie deine Familienplanung ausschaut. Was antwortest du darauf?

 

Falsch: Nach der Probezeit geht es los. Die Pille habe ich schon abgesetzt!

 

Richtig: Den Arbeitgeber geht deine Familienplanung nichts an. Wird dir diese verbotene Frage trotzdem gestellt, ist es legitim, den Fragenden anzulügen. Du kannst den Spieß aber auch umdrehen und den Chef fragen, wie die Klinik Eltern unterstützt. Gibt es Teilzeitstellen? Hat die Klinik eine eigene Kita? Frau Dr. Bruns hat von einer Bewerberin folgende Geschichte gehört: „Die Frage, ob die Wahrscheinlichkeit bei einer Dreißigjährigen nicht groß sei, bald schwanger zu werden, parierte sie mit einem Vergleich. Sie sagte zu dem fünfzigjährigen Chefarzt, dass es in seinem Alter ja auch wahrscheinlich wäre, einen Herzinfarkt zu bekommen, und sie dann eben beide für ein Jahr ausfallen würden. Sie bekam die Stelle!“

 

 

Du hast eine Idee für die Verbesserung der Abläufe auf Station. Du sprichst mit einem Kollegen darüber, doch dieser tut die Idee als noch zu unausgereift ab. Am nächsten Tag in der Morgenbesprechung lobt dein Chef genau jenen Kollegen für deine Idee – und erwähnt dich mit keinem Wort.

Falsch: Du rufst sofort eine Freundin an und beklagst dich lautstark über diesen Vertrauensbruch. Dann lässt du die Sache auf sich beruhen und hoffst, dass der Kollege das nächste Mal fairer handelt.

 

Richtig: Grundsätzlich gilt: Wissen ist Macht. Teile Ideen nicht mit jedem. Ist „das Kind schon in den Brunnen gefallen“, solltest du deinen Kollegen unter vier Augen darauf hinweisen, dass du ein solches Verhalten nicht duldest und in Zukunft nicht durchgehen lassen wirst. Sprich dabei in ruhigem, aber bestimmten Ton. Eventuell kannst du auch ein klärendes Gespräch mit deinem Kollegen und dem Chefarzt anberaumen. Dort solltest du dann klarstellen, dass es sich um deine Gedanken handelt und der Kollege etwas vorschnell war. Frauen sind häufig harmoniebedürftig, deswegen fällt es ihnen schwer, unfaires Verhalten zu ahnden. Doch viel wichtiger, als beliebt zu sein, ist es, respektiert zu werden.

 

Du trittst deine erste Stelle an. Gleich am ersten Arbeitstag erfährst du, dass dein ebenfalls neu eingestellter männlicher Kollege dank einer Zulage deutlich besser verdient.

Falsch: Du sagst dir: „Ist schon in Ordnung. Wahrscheinlich kann er manches einfach besser als ich.“

Richtig: Da auf Assistenzarztebene alle Klinikärzte nach Tarif bezahlt werden, sollte es eigentlich keine großen Gehaltsunterschiede geben. Allerdings weiß Dr. Bruns zu berichten: „Bei der Bezahlung von Fortbildungen und der Poolbeteiligung werden Frauen und Männer für die gleiche Arbeit häufig noch sehr unterschiedlich bezahlt.“ Lass dir das nicht gefallen! Geh aktiv auf deinen Chef zu und führe mit ihm Gehaltsverhandlungen, wenn du den Eindruck hast, dass du unfair behandelt wirst! Dies gilt auch für weitere Bereiche des Arbeitslebens. Dr. Jacobs berichtet: „Bei uns gibt es eher Streit um Räume und ­Kompetenzen. Auch hier muss man verhandeln, wenn man zu seinem Recht kommen möchte. Männer verlangen häufig mehr und denken oft, dass sie mehr wert sind als Frauen.“

 

Du stellst fest, dass du schwanger bist. Wann sagst du es deinem Arbeitgeber?

Falsch: Gar nicht. Der wird es schon selber sehen, wenn ich beim Operieren mit den Händen nicht mehr an den Patienten komme.

 

Richtig: Die Mutterschutzrichtlinien sind in Deutschland streng und schränken die tägliche Arbeit am Patienten stark ein – besonders in den chirurgischen Fächern. Wenn man das Gesetz 1:1 umsetzt, darf man nur noch Büroarbeiten erledigen, und der OP wird zur Sperrzone. Deswegen kommt es vor, dass Schwangere ihren Bauch verstecken, um weiter operativ tätig sein zu können. Das ist aber keine Lösung. Man muss den Arbeitgeber ordnungsgemäß informieren – und dann mit Betriebsarzt und Chefarzt abstimmen, ob das Beschäftigungs­verbot im Operationsbereich partiell aufgehoben werden kann. So können Schwangere beispielsweise noch minimalinvasive Eingriffe ohne Röntgenstrahlung durchführen und ihren Weiterbildungskatalog erfüllen. Manchmal muss dafür allerdings ein Sonderantrag beim Regierungspräsidium gestellt werden.

 

Nach der Geburt deines ersten Kindes willst du Elternzeit nehmen, aber gern auch früh wieder in den Klinik zurückkehren.

 

Falsch: Du kommunizierst deinen Vor­gesetzten, dass du jetzt erst mal dein Baby bekommen möchten. Vorher möchtest du dich auf keine Absprachen einlassen.

 

Richtig: Du sprichst noch während der Schwangerschaft mit deinem Chef mögliche Wiedereinstiegsszenarien ab. Auch in der Elternzeit kann es sinnvoll sein, ab und zu in der Klinik vorbeizuschauen, den Kontakt zu Kollegen zu halten oder zu Fortbildungen zu gehen. So bleibst du präsent. Zudem solltest du abklären, welche Möglichkeiten der Teilzeitbeschäftigung üblich sind. Dr. Bruns, selbst Mutter einer zehn Monate alten Tochter, weiß von Kolleginnen, die in Teilzeit arbeiten und deren Karriere seither ins Stocken geraten ist. „Das Problem ist, dass diese Ärztinnen nicht mehr als vollwertiges Mitglied der Abteilung ernst genommen werden und bei wichtigen Entscheidungen fehlen.“ Deswegen machen Frauen mit Kindern ihren Facharzt auch fast immer später als Männer. Wichtig: Auch mit Kindern kannst du alles erreichen – es ist aber härter.

Erfahrungen einer deutschen Ärztin und Forscherin - „Hierzulande gilt: Nur wer viel da ist, der arbeitet viel.“

 

 

 

PD Dr. med. Julia Jacobs hat in Mainz Medizin studiert. Bei einem Postdoc-Aufenthalt in Kanada hat sie zum Thema „EEG im Rahmen der prä-operativen Epilepsiediagnostik“ geforscht. Nach ihrer Rückkehr ging sie nach Freiburg. Dort hat sie sich in das Freiburger EIRA-Mentoring-Programm eingeklinkt, das sich speziell an junge Medizinerinnen wendet, die in der Forschung Karriere machen möchten. Heute ist Julia Jacobs habilitiert und hat ihre eigene Forschergruppe mit mehreren festen Mitarbeitern und Doktoranden.

 

> Welche kritischen Karrieremomente gab es in Ihrer Laufbahn?

Als es um die Bewerbung für ein Nachwuchsprogramm ging, habe ich den typisch weiblichen Fehler gemacht und meine eigenen Leistungen zu skeptisch beurteilt. Ich habe mich deshalb nicht beworben, und heute weiß ich, dass ich sehr wohl Chancen gehabt hätte.

 

> Warum streben Frauen eigentlich seltener nach Führungspositionen?

Das klassische deutsche Chefarztmodell, bei dem man gleichzeitig Kliniker, Forscher und Manager ist und 70 Stunden die Woche arbeitet, ist typisch männlich. Ich würde so einen Job jedenfalls nicht machen wollen. Aber nicht, weil ich glaube, dass ich das schlechter kann als ein Mann, sondern weil ich glaube, dass die meisten Männer darin auch nicht besonders gut sind. Mein Anspruch ist ein anderer, ich möchte etwas Sinnvolles machen. Auch dafür braucht man Macht und Einfluss. Aber das ist dann kein Selbstzweck.

 

> Werden Männer schneller befördert als Frauen?

Ja, denn das Problem ist, dass Frauen Forderungen nicht so direkt stellen wie die meisten Männer. Mir war zum Beispiel früh klar, dass ich vor dem Facharzt habilitieren möchte. Aber erst nachdem ich das EIRA-Mentoring-Programm gemacht hatte, habe ich mich getraut, meinen Chef darauf anzusprechen. Und siehe da: sechs Monate später war ich habilitiert. Frauen müssen einfach lernen, sich selbst besser zu vermarkten. Gegen einen anderen Nachteil kann man nur schwer ankämpfen: Chefs haben Angst davor, dass man auf Frauen nicht langfristig zählen kann, schlicht weil sie Kinder bekommen. Der derzeit grassierende Ärztemangel arbeitet jedoch für uns: Wenn die Chefs keine Wahl mehr haben, wird es für Frauen einfacher.

 

> Bedeuten Kinder immer einen Karriereknick?

Wenn man sich ein Jahr Elternzeit nimmt und unter 70 Prozent zurückkommt, ist das derzeit tatsächlich ein Karrierekiller – außer man arbeitet aktiv dagegen an. Manche meiner Kolleginnen haben zum Beispiel in der Elternzeit Papers geschrieben. Zwar nehmen auch immer mehr Männer Elternzeit, trotzdem erleiden die Frauen den Karriereknick. Denn Männer kommen meist zuverlässig zu 100 Prozent wieder.

 

> Was muss passieren, damit Mediziner Familie und Beruf besser unter einen Hut bekommen?

In Deutschland gibt es zwei kulturelle Probleme. Erstens: Für viele arbeitet nur der viel, der auch viel da ist. Zweitens: Von den Müttern wird ein völlig aberwitziger Einsatz erwartet. Kinder dürfen nicht zu viel fremdbetreut sein, Schultüten sollen selbst gebastelt sein, Kinder müssen zu ihren Freizeitaktivitäten gefahren werden … und so weiter. Wer diesen Vorbildern nicht nachkommt, gilt als Rabenmutter. In anderen Ländern ist es selbstverständlich, dass die Kinder bis spätnachmittags in der Schule sind.

 

> Welche Unterstützung wäre von Seiten der Klinik wünschenswert?

Geschulte und moderne Chefs, die flexiblere Arbeitszeiten und bessere Betreuungsmöglichkeiten durchsetzen. Wir brauchen nicht nur Krippen, sondern auch eine Art Notfallversorgung, die greift, wenn die Kita Ferien hat oder die Kinder krank sind.

 

Das Freiburger EIRA-Programm:

www.thieme.de/viamedici/weiterbildung/interessantes/eira.html

 

 

 

 

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