• Kommentar
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  • Dr. Yvonne Kollrack
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  • 02.05.2018

#Me(dizin) too?

Hollywood, Politik, Fernsehanstalten – überall geht es um #metoo. Überall, wo ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen mächtigen Männern und abhängigen Frauen besteht. Also auch in der Medizin?

 

Universitäten sind bei Betrachtung der Medienlage durchaus Stätten des Sexismus (u.a Tagesspiegel 24.10.17). In dem Artikel erzählen fünf Frauen von sexueller Belästigung an deutschen Unis. Aufgrund des hohen Machtgefälles zwischen Dozenten und Studenten ist es oft schwierig für die Betroffenen sich zu wehren. Schließlich will man ja weiterhin Kurse belegen und seine Noten nicht riskieren.

Eignet sich das Medizinstudium besonders zur unerwünschten Anmache und Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen? In manch einem Anatomie-Seminar oder Untersuchungskurs fallen immerhin regelrecht die Hüllen – und Mediziner sind berufsbedingt nicht unbedingt körperbezogen schamhaft.

Aus eigener Erfahrung und Berichten von KollegInnen kann ich folgende Situationen schildern:

Im Untersuchungskurs Schulter bot sich diesmal eine Studentin als Modell an. Sie trug einen Sport BH. Der Dozent musterte sie und grinste: „Da haben wir ja mal ein schönes Versuchsobjekt!“

„Ich interessierte mich seit Beginn meines Studiums für die Orthopädie und wollte unbedingt eine Famulatur in einer renommierten Sportorthopädie machen. An meinem ersten Tag musterte mich der ältere Oberarzt und sagte dann: „Frauen gehören an den Herd, nicht in den OP!“

„Eine Schulpraktikantin wurde eines Morgens in ein 4-er Männerzimmer geschickt, weil dort jemand geklingelt hatte. Sie wollte schauen, was los ist und dann ggf. eine Pflegekraft informieren. Als sie aus dem Zimmer wieder herauskam, war sie völlig geschockt und weinte. Sie hatte den Patienten gefragt, was er denn bräuchte und er hatte die Bettdecke zurückgeschlagen und um Hilfe beim Masturbieren gebeten. Das Mädchen war 15…“

 

Ein Leserbrief zum Thema im Marburger Bund weist darauf hin, dass #metoo auch in Kliniken wahrscheinlich ist. Eine Patientin schreibt, Ärztinnen und Pflegerinnen seien „verbalen Angriffen, Grapschen, Versuchen zu Küssen und Schlimmerem ausgesetzt“.

Folgende Aussagen legen dar, was in Kliniken geschieht:

„Als Oberärztin gehe ich am ersten postoperativen Tag immer zu den Patienten, die ich operiert habe. Einige kenne ich bis dahin nur aus dem OP, weil es ein Notfall im Dienst war. Das Reaktionsspektrum reicht von: 'Sie haben mich operiert? Wirklich? Sie sind doch noch so jung!' über 'Sie? Haben Sie das denn schon mal gemacht?' bis 'Aber Dr. XYZ ist doch der Chefarzt!'. Und ich sehe, wie sie geistig schon eine Wundheilungsstörung entwickeln. Bedanken tut sich kaum einer, beschweren, dass es noch weh tut, viele. Während mein Kollege (bei gleichem Operations-Spektrum und mindestens gleich guten Ergebnissen) mit Weinflaschen und Schokolade überhäuft wird.“

 

„Bei der Röntgenbesprechung wird das Bild einer BWS und ein Thorax gezeigt, bei einer Patientin mit Schmerzen im Brustwirbelbereich und den Rippen. Da auf dem Thorax die Mammaschatten ausgeprägt zu sehen sind, ruft ein Kollege in den Raum, die Frau solle halt ihr Doppel D reduzieren…“


„Bei Visiten kommt es regelmäßig vor, dass Patienten aufgefordert werden, das operierte Knie, den Fuß oder die Wunde seitlich an der Hüfte zu zeigen. Ein nicht unerheblicher Teil der Patienten (Männer wie Frauen) reißen sich dann die Bettdecke komplett weg und präsentieren mit gespreizten Beinen nicht nur das Op Gebiet sondern – ALLES!“

 

„Für viele Patienten sind Frauen im Krankenhaus automatisch 'Schwestern'. Auch wenn ich jeden Tag bei denen Visite mache, bitten sie mich immer wieder um die Bettflasche oder ein neues Wasserglas. Und viele fragen nach drei Tagen, wann denn nun endlich mal ein Arzt zu ihnen käme…“

 

Frühstück im „Schwesternzimmer“: Eine - offensichtlich - schwangere Pflegekraft schmiert sich ein Nutellabrötchen. Der leitende Oberarzt sagt zu ihr: „Iss` nicht soviel, du wirst zu fett!“
Und überhaupt: Wieso heißt es eigentlich Schwesternzimmer, wenn da Pfleger arbeiten? Wieso heißt es immer noch, auch in journalistischen Reportagen „Die Schwestern“ und „Der Arzt?“

 

Wie seht ihr das? Ist das normal oder Sexismus? Was ist euch schon passiert?

Schreibt an: via.online@thieme.de

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