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  • Dr. med. Thomas Koch
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  • 02.10.2007

Organisation im Stationsalltag

Famulanten, Pjler und Assistenzärzte sind nicht gerade die beliebtesten Kollegen der Pflegekräfte. Wir geben Tipps, damit du schnell zum Liebling der Station aufsteigst!

 

 

 

 

"Tach, ich bin der Sven", antwortet Dr. Knecht. Bei dieser Antwort zuckt Professor Kaiser zusammen, doch das entgeht dem jungen Arzt (siehe Tipp 1). Sekunden später ist Sven allein auf Station.

 

"Schwester Anke, darf ich Sie kurz stören?" Die Angesprochene setzt eine interessierte Miene auf, als Chefarzt Professor Kaiser mit einem jungen Mann im weißen Kittel ins Stationszimmer tritt. "Darf ich Ihnen unseren neuen Mitarbeiter, Herrn Dr. Knecht vorstellen?" Ach so, wieder einer von denen, die keine Ahnung von Stationsarbeit haben und den ganzen Tagesablauf durcheinander bringen, denkt Schwester Anke und sagt lächelnd: "Herzlich willkommen, ich bin Schwester Anke, die Stationsleitung."

Chaos im Arztzimmer

Schwester Anke führt ihn über die Station: Funktionsräume, Schwesternzimmer, Aufenthaltsraum und Arztzimmer. Dort sieht es aus, als hätte seit Jahren keiner aufgeräumt: ein ungemachtes Bett, gebrauchte Kittel und weiße Hosen, eine halb aufgegessene Pizza in einem fettigen Pappkarton, Stapel von Büchern, die ungeordnet vor einem vollen Regal auf dem Boden stehen. Auf dem Schreibtisch ein Aschenbecher mit halb gerauchten Zigaretten und eine leere Coladose. Darüber und daneben liegen Stapel von Patientenakten. Hinter den Aktenbergen erkennt Sven einen Computer. Der Bildschirm ist blau, eine Fehlermeldung blinkt. Neben dem Monitor klebt ein Zettel: "EDV anrufen, dringend!!!!"

Schnell verlässt Dr. Knecht das Arztzimmer und geht zurück ins Stationszimmer. "Wo ist denn Dr. König?", erkundigt er sich bei Schwester Anna. Diese löst ihren Blick nur kurz von der Patientenkurve: "Keine Ahnung, haben wir seit Stunden nicht gesehen, ist wahrscheinlich im Sono. Er sagt uns nie, wohin er geht." (siehe Tipp 2) Schwester Anna schaut noch einmal von der Kurve auf: "Wo Sie grad hier sind, da stehen noch die Antibiosen von heute Morgen, die müssten angehängt werden, ist ja fast Mittag. Und Herr Schulze in Zimmer zwölf braucht dringend eine neue Braunüle." Sven macht sich auf die Suche nach Kanülen und Zubehör. Gute zwanzig Minuten später geht er mit Infusionsständer, Kanüle und Infusion bewaffnet in Zimmer zwölf (siehe Tipp 3).

"Tach, Herr Schulze, ich lege Ihnen jetzt mal 'ne neue Braunüle." Er fängt an, die Hand des Patienten zu desinfizieren. Der Patient zieht entrüstet seinen Arm zurück. "Moment mal, warum brauch ich denn schon wieder eine Infusion?" Darauf weiß Sven spontan keine Antwort. In der Kurve findet sich leider kein Eintrag, der die Antibiose begründet (siehe Tipp 4), auch die Aussage der Schwester ist wenig hilfreich: "Das ist eigentlich nicht mein Bereich und ich bin erst seit gestern wieder hier." Sven legt das "Projekt Braunüle" zunächst auf Eis. Es gibt auch sonst genug zu tun. Schwester Anna holt ihn ans Telefon. Dr. Wichtig, ein niedergelassener Kollege, möchte einen Patienten überweisen und braucht ein Bett auf Dr. Knechts Station. Hmmm, alles voll. "Können Sie den Patienten nicht ins St. Nimmerleinskrankenhaus schicken?", schlägt er dem Kollegen vor. "Hier ist nichts mehr frei." Dr. Wichtig reagiert ziemlich reserviert und sagt kühl: "Na, wenn das Ihr Chef wüsste..." und legt auf. Sven wird später erfahren, dass a) Dr. Wichtig der beste Zuweiser, b) das St. Nimmerleinskrankenhaus die schlimmste Konkurrenz und c) der Patient privat versichert und ein persönlicher Tennisfreund von Professor Kaiser ist.

Netter Pharmavertreter und ärgerlicher Oberarzt

Sven zuckt die Achseln. Wie unfreundlich manche Leute doch sind! Als ihn ein Mann mit Aktentasche auf dem Flur freundlich anspricht und erst einmal fragt, wie es ihm geht, freut er sich daher sehr. Es ist Herr Lästig, Außendienstmitarbeiter der Firma Teuer-Pharma, der ihm über ein neues Medikament berichtet. Geheimnisvoll zeigt er Unterlagen "nur zum internen Gebrauch" und schenkt ihm zum Abschied einen versilberten Kugelschreiber und ein Notizbuch mit Ledereinband.

Inzwischen ist Dr. König auf Station zurückgekehrt. Sven hat noch nicht einmal Gelegenheit, sich vorzustellen, da der Oberarzt sofort anfängt zu meckern, warum denn die Antibiosen noch nicht gelaufen seien. Naja, das kann man ja bei der Visite gleich mit erledigen. Dr. König hat kaum Gelegenheit, den Patienten zu begrüßen, als sein Piepser (siehe Tipp 5) ein schrilles Geräusch von sich gibt. Station 2 fragt an, ob der Patient, den Professor Kaiser vor drei Tagen endoskopiert hat, auch mal wieder essen darf. Dr. König diskutiert zehn Minuten lang mit der Schwester verschiedene Menüvorschläge, während Sven und der Patient sich unsicher beäugen. Ohne ein Grußwort stürmt der Oberarzt danach aus dem Zimmer und sagt im Hinauseilen: "Knecht, muss mal telefonieren, klären Sie den Angina-Patienten schon mal auf."

Aufklären über die Koronarangiographie - das ist genau die richtige Aufgabe für Sven, schließlich hat er seine Dissertation über instabile Koronarplaques geschrieben. Mit Aufklärungsbogen, Stift und Papier geht er zurück ins Patientenzimmer. Schon fünfzig Minuten später ist der Patient bestens über die aktuellen Thesen zur Pathogenese von Koronarplaques informiert, bleibt aber mit der Frage, ob man denn jetzt daran stirbt, allein zurück (siehe Tipp 6). Sven Knecht hat keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, denn vor dem Zimmer stehen die aufgebrachten Angehörigen von Herrn Schulze, die jetzt "endlich mal einen Arzt" sprechen wollen. Leider hat Sven immer noch nicht klären können, warum der Patient die Antibiotika bekommt. So bleibt ihm nichts anderes übrig, als über die Wichtigkeit einer Antibiose im Allgemeinen und Speziellen zu referieren.

Überraschenderweise zeigen sich die Verwandten sehr beeindruckt: "Karl-Heinz, hab zwar nichts verstanden, aber ist bestimmt wichtig, dass du das Zeug bekommst!" Sven fragt nun doch bei Dr. König nach. "Ach, die Antibiose - war bloß ein Harnwegsinfekt. Den hatte er doch schon vor zwei Wochen, ist die immer noch nicht abgesetzt worden?" Sven verneint und überlegt krampfhaft, wie er das den Angehörigen und dem Patienten erklären soll.

Der lästige Papierkram

Sven Knecht beschließt, dieses Problem später anzugehen, denn auf dem Flur wartet Frau Müller ungeduldig auf ihre Entlassungspapiere. Ein leerer Kurzbrief liegt schon in der Akte. Sven wirft einen kurzen Blick auf die Diagnosen: Unklarer Schwindel, Übelkeit und Oberbauchschmerz. Er kritzelt Diagnosen und Untersuchungsergebnisse stichwortartig in den Brief. Als Entlassungsmedikation vermerkt er: "Bei Bedarf Metoclopramid-Tropfen". Fertig. Aber Frau Müller ist nicht zufrieden: "Und wie komme ich jetzt nach Hause? Ich brauche noch einen Taxischein. Und eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung!" (siehe Tipp 7) Also füllt er auch die noch aus.

Dr. König erscheint für den Bruchteil einer Sekunde auf Station und ermahnt Sven: "Aber nicht das Kodieren vergessen!" Ach ja, das hat doch irgendwas mit DRG zu tun, aber was ist das eigentlich? (siehe Tipp 8 und Artikel auf S. 40 in dieser Ausgabe 2/04) Der junge Arzt klemmt sich die Akte von Frau Müller unter den Arm und kämpft sich durch das Chaos im Arztzimmer. Der Computer lässt sich einwandfrei starten, auf die EDV-Abteilung scheint Verlass zu sein. Sven Knecht ruft die Daten von Frau Müller auf und beginnt mit der Eingabe:

Akute Gastritis, Codenummer K29.1, Schwindel, Codenummer R42, "Enter" drücken und fertig. War doch gar nicht so schwer - was haben die eigentlich alle?

Das "Chefarztphänomen"

Es klopft an der Tür. Schwester Anke teilt mit, dass Herr Reich zur Aufnahme da sei. Sven geht auf den Flur und begrüßt Herrn Reich. "Dr. Wichtig hat mich angemeldet - ich komme zum Durchchecken." Bevor Sven antworten kann, unterbricht die Schwester: "Ja, Professor Kaiser hat schon angerufen - irgendjemand hat wohl gesagt, wir hätten angeblich kein Bett mehr frei. Wir haben aber noch mal nachgesehen." Herr Reich bezieht das Einzelzimmer mit Balkon, Internetanschluss und Minibar. Sven folgt ihm mit Aufnahmebogen, Kanüle und Röhrchen zum Blutabnehmen. Er stellt sich vor und fragt, wie im Anamnesekurs gelernt, nach den Beschwerden des Patienten. Die Antwort ist mit "Haben Sie meine Akte denn nicht gelesen, ich war doch vor vier Monaten hier?" allerdings nicht anamnesekurskonform. Peinlich. Sven macht sich auf die Suche nach der Akte. Diese sei im Archiv, da könne er sie holen. Mutig fragt der junge Arzt, ob das denn nicht der Hol- und Bringedienst erledigen könne. Nein, der habe gerade Pause und eine pflegerische Aufgabe sei das auch nicht. Sven trabt in's Archiv und bekommt eine Akte. Es ist die falsche. Sie bezieht sich auf eine Gallenblasenoperation aus dem Jahr 1986 und der Brief ist chirurgisch kurz gefasst. Die andere Akte ist weg.

Dr. Knecht kramt sämtliche Höflichkeitsformeln aus seinem Gedächtnis und kann Herrn Reich davon überzeugen, erneut seine Krankengeschichte zu erzählen. Immer mal wieder Schwindel und Unwohlsein, sonst nichts. Auch die körperliche Untersuchung ist unauffällig. Als Sven den Raum verlässt, steht dort bereits Professor Kaiser. Unter dem Arm hat er die gesuchte Akte - sie lag noch zur Unterschrift im Sekretariat (siehe Tipp 9). Dr. Knecht betritt zusammen mit dem Chef das Zimmer. Man begrüßt sich herzlich: "Und, wie klappt's mit der Blutzuckereinstellung?" "Schlecht, mal über- und mal unterzuckert, da muss was passieren." Diabetes?!?! Davon hatte Herr Reich gar nichts erzählt ... (siehe Tipp 10). In diesem Moment wird er glücklicherweise von Schwester Anke ins Stationszimmer gerufen. "Telefon, Wichtig."- Tatsächlich, es ist Dr. Wichtig und er tobt. "Haben Sie mir Frau Müller geschickt? Was soll das mit dem Metoclopramid? Wissen Sie eigentlich, wie es mit meinem Budget aussieht? Ihretwegen zahle ich keinen Regress! Und um die Krampfadern, derentwegen ich Frau Müller geschickt habe, haben Sie sich ja überhaupt nicht gekümmert." Sven legt mit den Worten "dringender Notfall" schnell den Hörer auf und bekommt anschließend von Schwester Anke zu hören, dass der Einweisungsschein für die Krampfadern irgendwo in der Anmeldung verloren gegangen wäre. Aber das sei jetzt nicht wichtig, denn im Arztzimmer warte Herr Genau, der Controller der Klinik.

Richtig Kodieren statt Ruinieren

Dieser empfängt ihn mit steinerner Miene. "Sie wollen uns wohl ruinieren!" Nichts liegt Sven ferner, auch wenn sein AiP-Gehalt nicht gerade zur Motivationssteigerung beiträgt. Herr Genau fährt fort: "Sie haben Frau Müller kodiert. Haben Sie sich Gedanken darüber gemacht, was das für unseren CMI (siehe Tipp 8) bedeutet? Das machen wir jetzt mal richtig: Schwindel also, dann wollen wir mal sehen. Die Patientin hat doch über Vergesslichkeit geklagt, oder? Stimmt. Vergesslichkeit kann Symptom einer Demenz sein. Stimmt auch. Also, Hauptdiagnose ist Demenz. Jetzt kommen noch Extrasystolen und Gastritis dazu. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Statt eines Erlöses von 1.850,20 Euro kommt das Programm jetzt auf 3.236,40 Euro." Herr Genau lehnt sich zurück und genießt das Gefühl, in fünf Minuten seinen halben Monatslohn gerechtfertigt zu haben. Sven hingegen überlegt, wie er die nächsten sechs Jahre in der Klinik überstehen soll.

Kommt Ihnen diese Geschichte bekannt vor? Sie spielt sich episodenhaft täglich tausendfach in den Krankenhäusern ab. Was hat unser junger Dr. Knecht falsch gemacht? Medizinisch gibt's nichts zu bemängeln. Dennoch wird kaum jemand behaupten, dass es hier gut gelaufen ist. Wie man es besser machen kann, erfahren Sie in den Kästen auf Seite 37 und 38.

10 Tipps für Stationsneulinge

  • 1. "Du" oder "Sie"?

Heute ist das vertraute "Du" zwischen Ärzten und Pflegepersonal oft üblich. Aber Vorsicht: Mit dem Duzen nicht vorpreschen, sondern abwarten, wie Sie von anderen angesprochen werden.

  • 2. Den Tagesablauf organisieren

Ihre Mitarbeiter sollten wissen, wann Sie Zeit für sie haben und wann nicht. Feste Zeiten für Visiten oder Gespräche mit Angehörigen sorgen für gute Stimmung bei Patienten und Pflegepersonal.

  • 3. Delegieren muss man können

Infusionsständer zu besorgen ist keine ärztliche Tätigkeit. Viele Zeit raubende Tätigkeiten lassen sich delegieren. Delegieren sollte nicht "Abdrücken" von Arbeit sein. Tätigkeitsbereiche und Zuständigkeiten müssen klar definiert sein.

  • 4. Dokumentieren Sie Anordnungen und diagnostische Maßnahmen schriftlich.

Oft reichen wenige Worte, z.B. "Harnwegsinfekt, siehe U-Status vom 16.4., Antibiose mit ...". So ist die Behandlung auch für andere nachvollziehbar.

  • 5. Man ist auch ohne Piepser Arzt

Geben Sie Ihren Piepser vor der Visite einem Kollegen oder einer Schwester. Die Visite ist wichtig für ungestörte Gespräche mit den Patienten. Setzen Sie durch, dass Ihre Visite nur durch dringende Anfragen oder Notfälle gestört wird. Damit vermitteln Sie Ihrem Patienten, dass Sie während der Visite nur für ihn da sind.

  • 6. Für jeden die richtige Sprache wählen

Patienten interessieren sich nicht für neueste Erkenntnisse, sondern wollen wissen, was sie haben. Der Chef möchte kurze, präzise Infos über den Patienten. Schwestern und Pfleger sind an den Konsequenzen von Eingriffen interessiert, z.B. ob der Patient essen oder aufstehen darf.

  • 7. Mit Ansprüchen der Patienten umgehen

Viele Leistungen wie Taxischeine werden nicht mehr von den Kassen übernommen. Verweisen Sie auf die Gesetzesregelung. Damit stellen Sie sich auf die Seite des Patienten und werden nicht als verlängerter Arm der Krankenkasse betrachtet.

  • 8. Kodieren ist nervig, aber wichtig

Diagnosen korrekt zu verschlüsseln ist wichtig, weil das wirtschaftliche Überleben eines Krankenhauses von der Kodierqualität abhängt. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Abteilung wird anhand des CMI (Case-Mix-Index) ermittelt.

  • 9. Arztbriefe zeitnah schreiben

Verspätete Arztbriefe ärgern nicht nur den Chef, sondern vor allem die Niedergelassenen. Schreiben Sie Ihre Briefe möglichst bald nach der Entlassung. Dann erinnern Sie sich auch am besten an den Fall.

  • 10. Das Chefarzt-Rätsel

Warum manche Patienten erst dem Chef ihre gesamte Vorgeschichte erzählen, bleibt ein Rätsel. Viele Chefs wissen dies allerdings - sie haben es als Assistenten oft genug selbst erlebt.

Welcher Typ Stationsmanager bist du? Ein Test

Hast du deine Station im Griff? Prüfen deine Fähigkeit eine Station zu organisieren. Für angehende Pjler und Assistenzärzte eine unabdingbare Voraussetzung!

 

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