• Feature
  • |
  • Hendrik Bensch
  • |
  • 18.07.2016

Retter, die auf Wellen reiten

Das Meer kann für Surfer die perfekte Welle erschaffen – sie aber auch lebensgefährlich verletzen. Bei einem Kurs in Portugal lernen surfbegeisterte Mediziner, wie sie Wellenreitern helfen.

Surfing Medicine International

Foto: Surfing Medicine International

 

Es ist ein ruhiger Morgen an der Atlantikküste mit nur leichtem Wellengang, als plötzlich Hilferufe vom Wasser aus zu hören sind. Eine Gruppe junger Frauen und Männer mit schwarzen Neoprenanzügen treibt im Meer, reckt die Arme nach oben und winkt zum Ufer. Langsam zieht die Strömung sie weiter Richtung Süden. Es dauert nur kurze Zeit, bis Helfer bei ihnen sind, die sie zum Ufer bringen. Andere Helfer am Strand kommen schnell hinzu, jeweils zu zweit tragen sie die Leute strandaufwärts und legen sie vorsichtig in den Sand. Als die gerade noch um Hilfe rufenden Schwimmer auf dem Boden liegen, fangen manche an zu lachen. Spaß in der Not?

 

Surfende Docs für schnelle Hilfe

Was zunächst aussieht wie ein Rettungseinsatz, ist nur ein Training. Sowohl die „Ertrinkenden“ als auch die Helfer sind Ärzte, Krankenschwestern, Physiotherapeuten und Medizinstudenten. Hier in Ericeira, an der portugiesischen Atlantikküste, nehmen sie am „Advanced Surf Life Support“-Kurs teil – einem Kurs zu Surfmedizin, den die Organisation Surfing Medicine International (SMI) speziell für Mediziner entwickelt hat. Eine Woche lang lernen die Teilnehmer in Theorie und Praxis, wie sie Surfern helfen. Sie üben Rettungstechniken, gehen Notfallszenarien durch und lernen, wie sie surf-spezifische Verletzungen richtig behandeln.

Weltweit sind schätzungsweise 35 Millionen Surfer auf den Wellen der Meere unterwegs. Wenn sie sich verletzen, kommt es besonders oft zu Schnittwunden, wie eine Studie aus den USA mit mehr als 2.000 Surfern zeigt. Häufig sind es auch Verstauchungen und Dehnungen, Prellungen sowie Brüche. Meistens sind bei Verletzungen die Beine betroffen, gefolgt von Gesicht, Kopf und Nacken.

 

Surfing Medicine International

Foto: Surfing Medicine International

 

In Ericeira haben die Teilnehmer gerade gelernt, wie man Ertrinkende aus dem Wasser „abschleppt“. Sie haken sich mit einem Arm unter der Achsel der Verletzten ein – und haben so den anderen Arm frei zum Schwimmen. Ganz besonders wichtig ist für die Surf-Retter aber noch ein anderer Punkt, an den viele anfangs nicht denken. „Achtet vor allem auf eure eigene Sicherheit“, betont Hans, einer der Kurstrainer. Denn beim Rettungsversuch kann es zum Beispiel vorkommen, dass panische Ertrinkende ihre Retter mit unter Wasser ziehen. Wie man sich dagegen wehrt, haben die Teilnehmer bereits gelernt. Zum Beispiel: Dem Hilfesuchenden zwei Finger in die Achseln rammen oder Wasser ins Gesicht spritzen.

 

Rettung muss man üben

Die Kurteilnehmer kommen aus ganz Europa, zum Teil sogar aus Übersee. Sie sind Mediziner und Surfbegeisterte zugleich, so wie Gareth aus Liverpool. Der 26-Jährige steht schon seit mehr als zehn Jahren auf dem Brett. „Mir ist bislang zum Glück noch nicht viel passiert“, erzählt er. Bis auf eine Schnittwunde am Ellenbogen ist er glimpflich davon gekommen. Er hat aber schon erlebt, wie ein Surfer heftig mit dem Kopf aufschlug und bewusstlos wurde. „Wie man hilft, könnte ich mir anlesen“, sagt Gareth. „Aber das Entscheidende ist, dass ich es hier auch üben kann.“

 

Surfing Medicine International

Foto: Surfing Medicine International

 

Routinen entwickeln und sich dadurch sicherer fühlen – das ist aus Mischa Göttingers Erfahrung einer der Punkte, der vielen Teilnehmer ganz besonders wichtig ist. Mischa ist Notfallmediziner und einer der Leiter des Kurses. „Einige haben die Erfahrung gemacht, dass Leute am Strand auf sie zukommen und gesagt haben: Hey, du bist doch Arzt. Bitte hilf mir.“ Doch während sie die Abläufe im Krankenhaus in ihrem Fachgebiet gut beherrschten, wüssten viele bei Surfunfällen nicht sofort, was zu tun ist. „In unserem Kurs entwickeln sie schnell Routine und kommen dann in einen Flow“, erzählt er.

Um Routinen zu entwickeln, lernen sie zum Beispiel einfache Schemata, so wie etwa das MARCH-Schema. MARCH steht für Massive Hemmorhaging, Airway, Respiration, Circulation, Hypothermia and Head Injury. Das Schema gibt den Notfallrettern einen Ablauf an die Hand, nach dem sie die Verletzten untersuchen können – und hilft ihnen dadurch die Abläufe zu automatisieren.

Im Kurs spielen die Teilnehmer unterschiedliche Szenarien durch – so wie etwa das Retten Bewusstloser. Und manchmal geht es darum, zu improvisieren. Denn häufig passieren Unfälle an Surforten, die unwegsam sind und weit entfernt vom nächsten Dorf oder der nächsten Stadt liegen. In der Woche gehen die Teilnehmer deshalb auch Szenarien wie diese durch: Eine Welle hat einen Surfer auf ein Felsenriff geschleudert. Er hat dabei möglicherweise eine Wirbelsäulenverletzung erlitten. Die Teilnehmer müssen ihn nun schnell bergen, denn ein Sturm zieht auf. Als Materialien für den Krankentransport können sie nur das nutzen, was in unmittelbarer Nähe liegt. „Los geht’s“, sagt Mischa und schaut auf die Stoppuhr.

Schnell machen sich drei Gruppen daran, Material zusammenzusuchen und zu basteln. Sie nutzen das Surfboard als Trage. Sie blasen das Beinteil eines Neoprenanzugs auf und machen daraus eine Nackenstütze für den Patienten. Und mit Turnschuhen und einem Schal fixieren und stabilisieren sie den Kopf. Eine andere Gruppe hat die Verletzte in ein Boardbag gepackt, in der Surfer normalerweise ihr Brett transportieren. Mit Gaffer-Tape fixieren sie sie. Wie eine Raupe in einem Kokon liegt die Verletzte jetzt fest verschnürt darin.

 

Surfing Medicine International

Foto: Surfing Medicine International

 

Als die Kurstrainer zum Schluss kritisch die Ergebnisse prüfen, lassen sie eine Gruppe das Board drehen. Die Verletzte bleibt kopfüber wie mit Pattex festgeklebt am Brett hängen. Die Trainer sind begeistert – und alle lachen.

 

Idealbedingungen im Surfcamp

Übungseinheiten wie diese absolvieren die Teilnehmer auf dem Kursgelände, das auf dem Kliff direkt oberhalb des Meers liegt. Hier stehen zwischen Palmen und Aloe-vera-Pflanzen Tische aus alten Surfbrettern. Wer über das Gelände läuft, geht an Bojen und Rettungsringen, Fischreusen und handtellergroße Muscheln vorbei. Aus einer übergroßen Tonamphore plätschert Wasser in einen Pool. In dem Schwimmbecken üben die Teilnehmer zunächst einige Einheiten, die sie später im Meer bei schwierigeren Verhältnissen wiederholen.

 

Surfing Medicine International

Foto: Surfing Medicine International

 

Die Praxiseinheiten wechseln sich laufend mit Theorie ab. Dabei geht es zum Beispiel um Wundmanagement und muskuloskelettale Verletzungen, Vergiftungsbehandlung, Dehydrierung, Hyperthermie und Hypothermie und vieles mehr, was Surfern passieren kann. In einer der Theorieeinheiten zum Thema HNO geht es zum Beispiel darum, wie man mit typischen Problemen wie Nasenbluten umgeht. „Viele legen gleich den Hals in den Nacken, aber das bringt natürlich nichts“, sagte HNO-Ärztin Frédérique. Stattdessen hilft: Sich hinsetzen, den Kopf leicht nach vorne beugen, die Nase zuhalten und ruhig bleiben. Falls später eine Tamponade gebraucht wird, ist Helfern häufig unklar, wie sie diese in die Nase einführen müssen. „Die Leute müssen eine ‚Schweinenase‘ machen“, sagt Frédérique. Heißt: Mit einem Finger die Nasespitze leicht nach oben drücken – und erst dann die Tamponade einführen. Wichtig dabei: Sie muss waagerecht eingeführt werden – und nicht schräg nach oben. Sonst geht sie nicht ganz rein.

 

Surfing Medicine International

Foto: Surfing Medicine International

Engagement auch in der Forschung

Wissen wie dieses vermittelt Surfing Medicine International einmal pro Jahr in dem Kurs. SMI veranstaltet außerdem Konferenzen zu Surfmedizin. Zudem haben sich die surfenden Mediziner der Forschung verschrieben. Im Global Injury Register tragen sie Fälle zu Wassersportarten wie Wellenreiten, Kiten und Windsurfen zusammen. In einem Fragebogen können Unfallopfer eintragen, was ihnen wie passiert ist. „Wir wollen damit mehr über Muster und die Häufigkeit von Verletzungen herausfinden“, sagt Mischa. In dem Register sind bereits einige hundert Fälle zusammengekommen.

Ihr ganz eigenes Erlebnis hatte auch schon Lena. Die Österreicherin wäre vor einigen Jahren beinahe in den USA ertrunken. Gerade noch konnte sie sich ans Land retten und wurde dort gleich behandelt. „Zum Glück wusste der Rettungsschwimmer genau, was er tun musste“, erzählt die 26-Jährige. Dieses Wissen wollte auch Lena irgendwann erwerben, um sich im Notfall sicherer als Helferin zu fühlen. Der Kurs hat ihr dabei sehr geholfen. „Vorher hätte ich in vielen Situationen nicht gewusst, was ich machen muss. Jetzt habe ich die Situation in der Hand.“ Zum Beispiel, wie man Bewusstlose im Wasser aufs Brett hievt. Für sie steht deshalb fest: „Ich kann nur jedem Surfer raten, bei dem Kurs einmal mitzumachen.“

 


Der „Advanced Surf Life Support“-Kurs 

Am „Advanced Surf Life Support“-Kurs können Surfbegeisterte aus allen Medizinberufen teilnehmen, in der Regel gibt es auch zwei Plätze für Studenten. Am Ende des Kurses steht eine praktische und schriftliche Prüfung. Jeder Teilnehmer, der die Prüfungen erfolgreich meistert, erhält ein Zertifikat sowie 34 CME-Punkte. Die Kurskosten liegen bei 1.200 Euro. Darin inklusive sind die Kosten für Unterkunft, Essen und Getränke sowie eine Abschlussparty. Die Trainer und Referenten bei dem Kurs sind sehr erfahrene Rettungsschwimmer und Ärzte, so wie etwa der Ire Peter Conroy, der nach einem schweren Unfall den Irish tow surf rescue club aufbaute. Der kommende ASLS-Kurs wird in der zweiten Maihälfte 2017 stattfinden. Anmeldungen sind ab sofort möglich über ASLS@surfingmed.com. Wer einen Eindruck vom Kurs im vergangenen Jahr erhalten möchte, hier gibt’s ein Video dazu.

 

Weitere Angebote für Surfbegeisterte

Für Surfbegeisterte bieten die Surfdocs eine Weiterbildung für Sportmedizin an. Der Kurs ist von der Ärztekammer zur Weiterbildung Sportmedizin akkreditiert.

 

Schlagworte
Mein Studienort

Medizinstudenten berichten aus ihren Unistädten

Werde Lokalredakteur Die Unistädte auf Google Maps
Medizin im Ausland

Erfahrungsberichte und Tipps aus über 100 Ländern

Erfahrungsbericht schreiben Auslands-Infopakete
Cookie-Einstellungen