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  • Melanie M.
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  • 04.10.2016

Das solltest du wissen, bevor du in die Klinik gehst – Tipps für den Arztalltag

Das Studium soll zwar auf den Arztberuf vorbereiten, vieles lernt man aber eben nur "on the job". Hier die besten Tipps, damit der Klinikstart gut gelingt.

 

 

Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum: Der Perspektivwechsel vom Studenten zum selbstverantwortlichen Arzt (und vom Gefühl her ohne Vorwarnung) ist ein ziemlich harter. Plötzlich stehst du da auf DEINER oftmals brechend vollen Station und niemand schaut dir über die Schulter. Du hast gerade mal deinen Kittel, deinen Piepser und Schlüssel bekommen und schon findest du dich in der Hauptrolle deines eigenen Theaterstücks wieder. Wenn du Glück hast, steht dir ein erfahrener Kollege zur Seite. Wenn nicht, dann nicht.


Zu Anfang wird dir das Kurvenblatt der Patienten irgendwie heilig vorkommen, ich habe mich damals kaum getraut, außer meiner Anamnese und körperlichen Untersuchungsbefunden irgendetwas da rein zu schreiben. Doch mit der Zeit wird man mutiger und man fängt an, mal da 5mg Ramipril, mal da ein bisschen Jono oder Lasix aufzuschreiben und hofft einfach – etwas überspitzt gesagt – dass man keinen Patienten damit umbringt. Denn im Studium hat man ja nicht wirklich geübt etwas „zu verordnen“ – also ich jedenfalls nicht. Hilfreich ist es, wenn du noch jemanden fragen kannst. Ich bin immer gut damit gefahren zu sagen, wenn ich etwas nicht wusste. In der Regel wird einem „Frischling“ da kaum eine Antwort verwehrt. Und die Dokumentation in der Kurve ist das A und O. Nicht nur als Gedächtnisstütze für dich, zur Information für die Pflege, Physiotherapeuten, diensthabenden Ärzte, sondern auch aus rechtlichen Aspekten. Insbesondere Gespräche zu lebensverlängernden Maßnahmen und Therapieaufklärungen sollten immer klar und deutlich formuliert werden. Im Zweifelsfall muss nämlich immer reanimiert werden. Und zu wissen, ob das dem Wunsch des Patienten entspricht, ist einfach dem Patienten und auch dem Diensthabenden gegenüber nur fair. Denn irgendwann wird auch deine Zeit der Nachtdienste anbrechen und dann wirst du für solche Dinge extrem dankbar sein.


Wenn die Visiten- und Aufnahmezeit am Vormittag langsam ein Ende gefunden hat, ist es gut, wenn du es schaffst zu Mittag zu essen oder wenigstens einen Snack zu dir zu nehmen. Denn wenn du völlig hypoglykämisch keinen richtigen Gedanken mehr fassen kannst, ist weder dir noch den Patienten geholfen. Auf meiner Station haben wir versucht, geschlossen als Ärzteschaft zum Mittagessen zu gehen, wenn die Krankenschwestern ihre Übergabe gemacht haben. Da konnten wir mal kurz zur Ruhe kommen und der Austausch zwischen den Kollegen ist auch schön. Und manchmal ist das Mittagessen auch der kurze Dienstweg für Anliegen jeglicher Art an andere Fachdisziplinen.


Nach der Pause hatten wir unsere Mittagsbesprechung, in der auch die aktuellen Röntgenbilder präsentiert wurden. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist sehr hilfreich, vom Radiologen bekommt man oft den einen oder anderen Tipp zu Differentialdiagnosen oder weiterführenden bildgebenden Verfahren.
Wenn du Glück hast, kommt der Oberarzt nach der Präsentation zur nachmittäglichen Besprechung und du bist froh, dass endlich jemand da ist, der Ahnung hat. Ich habe mich so manches Mal an den Vormittagen überfordert gefühlt. Gerade am Anfang werden dir viele Handelsnamen der Medikamente nichts sagen, aber die Schwestern wollen von dir auch noch die Dosierungen von diesem unbekannten Zeugs wissen. Bis du alles in deinem Arzneimittelbuch nachgeschlagen hast, sind die Schwestern mit einem Kopfschütteln schon verschwunden und haben vermutlich „die übliche Dosis“ angehängt. Wenn du Glück hast, dann kommst du „unter die Fittiche“ einer erfahrenen Krankenschwester und diese kann gerade am Anfang wirklich ein Rettungsanker sein! Deswegen liebe Kollegen, respektiert die Arbeit der Pflege – sie arbeitet mindestens genauso hart und an der Grenze wie wir selbst und sie können uns vor allem am Anfang eine große Stütze sein. Denn sie sind es, die den Patienten mehrmals am Tag sehen und dann auch den Allgemeinzustand im Verlauf besser beurteilen können.

Vorsicht ist jedoch geboten beim Unterschreiben irgendwelcher Verordnungen – unterschreibe nicht kopflos irgendwelche Dinge , nur weil man sie mal schnell unter deine Nase hält. Jeder Patient sollte ein Recht darauf haben, dass seine Verordnungen ärztlich geprüft sind. Natürlich gibt es auch unter dem Pflegepersonal richtig „fitte“, die viel Ahnung und Erfahrung haben. Dennoch sind nicht alle so und ein gewisses Maß an Kontrolle gehört einfach dazu. Hört sich komisch an, aber letztlich ist es deine Verantwortung als Arzt daran zu denken, ob der Patient beispielsweise Arzneimittelallergien hat und die aktuellen Blutwertentwicklungen zu verfolgen. Denn wenn etwas schief läuft, heißt es leider doch am Ende oft „Der Doktor hat aber gesagt…“.


Ein Punkt liegt mir noch besonders am Herzen und zwar folgender: Frauen im Arztberuf. Eigentlich ist die Medizin ja zunehmend weiblich und eigentlich sollte auch so etwas wie Gleichberechtigung herrschen. Aber uneigentlich werden männliche Kollegen, die von Natur aus natürlich nicht potenzielle Babybauchträger werden können, hofiert. Sei es, dass sie sämtliche Fortbildungen genehmigt bekommen oder aber auch Rotationen in beliebte Abteilungen im Steilflug erreichen. Das ist als engagierte Ärztin manchmal schon eine bittere Pille. Gerade als Ärztin solltest du dich da nicht unterkriegen lassen und für deine Rechte einstehen!


Von Patientenseite wurde ich als Frau nicht selten sofort in die Kategorie Krankenschwester eingeordnet und gebeten, die Urinflasche mitzunehmen oder das Essens-Tablet abzuräumen. Und das obwohl ich bereits die ganze Woche täglich fleißig visitiert und untersucht habe, wir zusammen Therapiepläne besprochen haben und ich mit den Angehörigen telefoniert habe. Deswegen stelle dich bitte zumindest bei jedem neuen Patienten mit deinem Namen und deiner Funktion vor! Wenn du das nicht tust, kann es dir wie mir gehen, dass du dann am Ende der Woche von den Patienten gefragt wirst, ob man in diesem Krankenhaus auch mal einen Arzt zu Gesicht bekäme. Da fällt einem schon manchmal die Kinnlade runter.


Aber trotz allem – versuche deinen Patienten mit Neugier zu begegnen. Jeder Patient hat eine Geschichte zu erzählen. Wenn wir im Stationsalltag auch oft wenig Zeit haben, können gerade diese Geschichten einen entscheidenden Hinweis für eine Differenzialdiagnose geben oder dem Patienten in seiner Krankheit positiv beeinflussen. Denn wenn ein Patient sich ernst genommen fühlt, dann erleichtert das die Arzt-Patienten-Beziehung ungemein und letztlich hat es jeder Patient verdient, wertgeschätzt zu werden.

Auch die Arbeitsbelastung ist gerade am Anfang hoch und die gern genannte „Work-Life-Balance“ oft ziemlich im Ungleichgewicht. Mir war es beim Antritt meiner Stelle extrem wichtig, dass Überstunden erfasst und ohne größere Rechtfertigung auch bezahlt oder durch Freizeit ausgeglichen werden. Das war in meiner Abteilung glücklicherweise auch der Fall. Aber ich habe von genügend ehemaligen Kommilitonen gehört, dass Überstunden gar nicht erst erfasst werden und somit quasi „nicht existent“ sind. Ich persönlich finde, dass das ein absolutes „No-Go“ ist. Wenn ich meine Arbeitskraft zur Verfügung stelle, dann möchte ich auch, dass diese wertschätzt und entsprechend vergütet wird. Denn ich bleibe ja nicht länger auf Station zu meinem eigenen Vergnügen, sondern weil gerade oft am Nachmittag noch etwas zu erledigen ist und man vielleicht wenn es etwas ruhiger ist auch vom Oberarzt etwas gezeigt bekommt (wie zum Bespiel eine Aszites-Punktion). Du solltest dich daher vorher informieren, wie es mit den Überstunden gehandhabt wird, ansonsten kann es ganz schnell ein böses Erwachen geben.


Ich möchte nichts beschönigen - anfangs geht leider oft alles nur im Schneckentempo. Manchmal fühlst du dich gelähmt durch die große Arbeitsbelastung und in anderen Momenten hast du das Gefühl, dass der Laden ohne dich nicht laufen würde.
Aber mit der Erfahrung wächst auch das Wissen und das Gefühl der Unsicherheit lässt nach, die Arbeitsabläufe werden routinierter, die Überstunden (hoffentlich) weniger und du bekommst nicht mehr bei jedem neuen Patienten feuchte Hände und tachykarde Anfälle. Versprochen!


Und wenn man sich wertgeschätzt fühlt, jedem Tag mit Neugier begegnet und sich seine Menschlichkeit bewahrt, dann bleibt der Arztberuf trotz aller seiner Widrigkeiten, einer der schönsten Berufe, die es gibt.

 


 

• Dieser Bericht basiert auf meinen persönlichen Erfahrungen,  die ich besten Wissens und Gewissens weitergeben möchte. Natürlich gibt es große Unterschiede von Klinik zu Klinik.

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