• Kommentar
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  • Ines Elsenhans
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  • 13.04.2015

Von der Sitzbank zum offenen Herzen – Berufseinstieg Medizin

Endlich Klinik! Sarah freut sich bombastisch, nun im Weißkittel zu arbeiten. Doch ihre Freude hält nicht lange und sie fragt sich: Warum wehrt sich denn keiner?

 

Ärztin liest EKG - Foto: Dmitry Naumov / iStockphoto

In der Klinik zu arbeiten bedeutet vor allem eines: Stress und Überstunden. Foto: Dmitry Naumov / iStockphoto

 

Die ersten Sektkorken knallten schon, als ich die Zusage für die „Staats-Party 2012 – Feiern bis der Arzt kommt“ auf meiner Facebook-App annahm. Staatsexamen 2012 - Das war ein Gaudi! Wie leicht und befreit ich mich gefühlt habe. Ready for action und voller Energie und Elan für die berufliche Zukunft in der Klinik.

Jetzt, nachdem ich drei Jahre in der Klinik bin, ist von der anfänglichen Begeisterung nur noch so viel übrig, wie im Geldbeutel eines Studenten am Ende des Monats.

 

Zähne Ausbeißen – Uniklinik Medizin

Meine ersten klinischen Erfahrungen in der Uniklinik fühlten sich an wie ein zähes Steak. Zu Beginn roch alles nach saftigem Frischfleisch: In meinem weißen Kittel mit fettem „Dr. med.“ auf der Brusttasche, war ich schnell angefixt, mein Wissen endlich anzuwenden. Das Wasser stand mir im Mund und ich setzte an, genüsslich zuzubeißen und das Arztleben so richtig auszukosten. Aber schon nach den ersten Bissen habe ich gemerkt, dass ich hier ordentlich zu kauen haben werde.

Die Klinik-Maschine lief nur so vor sich hin und ich fühlte mich wie ein winziges Rad, das kurzerhand montiert und rastlos mitgedreht wird. Mein Perfektionismus kostete mich viel Kraft und meine Unsicherheit brachte mir viele Überstunden ein. Teilweise war ich am Rand der Verzweiflung und völlig überfordert mit der Verantwortung, die mein Job mit sich brachte. Unzählige Austrittsberichte stapelten sich auf meinem Schreibtisch und die endlosen Korrekturen, mit denen ich die Briefe vom Oberarzt zurückbekam, waren hart wie die rechte von Vladimir Klitschko.

Zum Glück stand ich mit meinem Frust meistens nicht allein da. Bei gemeinsamen Bartouren und ausgedehnten Abendessen mit den anderen Assistenten konnte ich meinem Ärger Luft machen. Die erfahrenen Kollegen machten mir Mut und versprachen, dass ich mich mit der Zeit daran gewöhnen würde.

Und tatsächlich! Nach und nach wurde mein Kiefer stärker und ich lernte, wie ich das Steak im Mund zermalmen musste, damit ich es schneller schlucken konnte. Ich lernte „Auszuhalten“, fand Hoffnung in den kleinen persönlichen Fortschritten und hielt mich daran fest, dass das nächste Steak bestimmt besser schmecken würde – und vielleicht sogar noch mit einer leckeren Barbecue-Sauce gewürzt wäre.

Aber irgendwie kann ich nicht anders, als dieses Klinik-Konzept immer wieder zu hinterfragen. Ist der Sinn an der Arbeit tatsächlich, sich an sie zu gewöhnen, damit sie irgendwann schmackhaft wird? Muss man alles akzeptieren, weil es sowieso keine Alternative gibt? Und ist man irgendwann wirklich zufrieden, oder einfach nur resigniert?

 

Revolution statt Durchhaltevermögen

Klar weiß ich, dass sicher nicht alle Klinikanfänger so schlechte Erfahrungen machen wie ich und viele bestimmt auch glücklich in der Klinik sind. Denjenigen, denen es aber genauso geht wie mir, möchte ich sagen: Für uns Assistenzärzte ist es wichtig, trotz des Druckes von oben, uns selbst treu zu bleiben und weiter für ein Berufsbild zu kämpfen, an dem wir wirklich Spaß haben. Sicherlich muss man in jedem Berufszweig gewisse Einbußen und Kompromisse in Kauf nehmen, aber ich bin dagegen, dass wir uns systematisch unterbuttern, ausnutzen und bevormunden lassen.

Generation X, Y, Z hin oder her. Die eingestaubte Hierarchie, die veralteten Computer-Programme und der unermüdliche Leistungsdruck vieler Vorgesetzter sind nicht mehr mit der schnellen, immer komplexer werdenden und vernetzen Zeit kompatibel. Wir grillen unser Steak ja auch nicht mehr auf dem Lagerfeuer, sondern auf einem Hightech-Grill mit einstellbarer Temperatur.

Neben einigen wenigen Kliniken, die sich immer mehr für ihre Mitarbeiter einsetzen, haben zahlreiche Start-Ups und Unternehmen außerhalb der Klinik längst bewiesen, dass es möglich ist, seine Mitarbeiter durch konstruktive Kritik, Teamgefühl und Wertschätzung ihrer Arbeit, zu Höchstleistung und überdurchschnittlichem Engagement zu motivieren. Die „von-oben-herab“-Mentalität und der respektlose Umgang mit Assistenzärzten, die immer noch an viel zu vielen Kliniken herrschen, sind veraltet und destruktiv.

Es liegt nun an uns, dass wir uns dagegen wehren. Wer unfair behandelt wird muss den Mund aufmachen. Sich mit seinen Vorgesetzen und Kollegen zusammensetzten und versuchen Lösungen zu finden, anstatt sich mit Sätzen wie „wir mussten da früher auch durch“ zufrieden zu geben.

Wenn wir ein Restaurant kennen, in dem es zarte Steaks geht, sollten wir aufstehen und dort hingehen, anstatt das ledrige Stück Fleisch immer und immer wieder hinunterzuwürgen. Wir haben endlich das Ass des Ärztemangels im Ärmel und sollten dieses auch spielen, wenn es darauf ankommt. Es ist unsere Verantwortung, die Position von Assistenzärzten und das Klima in den Kliniken nachhaltig zu verändern. Wer soll es sonst tun?

Ich fände es schade, wenn der Arztberuf zu einem „Aushalten“ von zu korrigierenden Berichtstapeln, unbezahlten Überstunden und endlosen Diensten verkommt. Es macht mich traurig zu sehen, wie die Freude an einem so dankbaren, abwechslungsreichen und spannenden Beruf unter den Hierarchien der Vergangenheit und dem bürokratischem Müllhaufen der Zukunft verkümmert.

Ich weiß, ich bin wie John Lennon „just a dreamer“, aber das tägliche Aus- und Durchhalten steht mir manchmal bis zum Hals. Ich träume davon, dass wir uns irgendwie wehren und gemeinsam eine Verbesserung erreichen!

Ich träume davon, dass für die Medizinstudenten der Zukunft, die Sektkorken aus gutem Grund knallen, die Party nach der Staatsfeier erst richtig anfängt und ich träume davon, dass die Studienabgänger von heute, endlich zu zufriedenen und ausgeglichenen Ärzten von morgen werden.

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