• Interview
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  • Aki
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  • 04.09.2012

Was macht eigentlich ... ein Katastrophenmediziner?

Prof. Bernd Domres hat einiges gesehen in seinem Leben. Seit knapp drei Jahrzehnten ist der Facharzt für Chirurgie und Unfallchirurgie in den unterschiedlichsten Krisengebieten weltweit unterwegs. Im Interview erzählt er von seinen Eindrücken.

 

 

>Katastrophenmedizin hört sich dramatisch an. Ist es das auch?

Prof. Bernd Domres: Ja. Es geht um zahlreiche Menschen und um enorme materielle Werte. So war Fukushima im vergangenen Jahr die teuerste Katastrophe überhaupt. Der Schaden wird mit einem ungefähren Wert von 335 000 Millionen US-Dollar beziffert. Dabei gab es nur sehr wenig schwerverletzte Personen, denn die Betroffenen waren entweder sofort tot oder sind glimpflich davon gekommen.

 

>Und welche Fachrichtungen schließt die Katastrophenmedizin mit ein?

Domres: Die Weiterbildung "Katastrophenmedizin" gibt es an sich nicht. In einem Einsatz müssen die unterschiedlichen Disziplinen deshalb Hand in Hand arbeiten. Früher dachte man immer, dass alleine die Chirurgie im Vordergrund steht und in vielen Kriegsgebieten ist das natürlich auch so. Aber man darf nicht vergessen, wie wichtig auch die Disziplinen Innere Medizin, Infektiologie, Anästhesie, Pädiatrie und auch die Gynäkologie sind. Gerade bei Seuchen und Pandemien spielen Infektiologen eine große Rolle. In vielen Krisengebieten steht das Thema "Public Health" im Sinne der klassischen Sprechstunde im Vordergrund, ohne Internisten würde man da nicht weit kommen. Bei den unzähligen Flüchtlingslagern weltweit sind es gerade Frauen und Kinder, die am meisten leiden und fachärztliche Hilfe brauchen.

 

>Wann wird ein Unglück zu einer Katastrophe?

Domres: Es gibt eine allgemeingültige Definition dafür: Wenn mehr als 50 Verletzte oder mehr als 10 Tote anfallen, spricht man von einer Katastrophe. Und das stellt durchaus auch schon das deutsche Gesundheitssystem vor Herausforderungen. Denn die Krankenhäuser stehen alle unter einem immensen Kostendruck, wodurch gerade Intensivbetten sehr knapp kalkuliert werden. Wichtig ist aber auch zu sagen, dass in Deutschland bei einem Massenanfall von bis zu 50 Verletzten immer und überall die Behandlung nach Individualverletztenstandards erfolgt. Individualverletztenstandard heißt, dass zum Beispiel ein Patient mit einem akuten Herzinfarkt den Einsatz eines Rettungsfahrzeuges samt Arzt erfordert. Im Katastrophenfall darf der Transport eines so Schwerkranken mit dem überhaupt noch verfügbaren Rettungsmittel jeglicher Art durchgeführt werden.

 

>Und was hat Sie persönlich an dem Fachgebiet gereizt?

Domres: Kurz gesagt die Planung, Organisation und Improvisation. Das hört sich sehr sachlich an, ist es aber nicht. Was die Improvisation anbelangt, muss man als Arzt damit umgehen können, ohne Wasser und Elektrizität zu arbeiten. In Afrika ist das nicht nur in Krisenzeiten so, sondern der ganz normale Alltag. Es ist schön, wenn es bei Katastrophen viele ehrenamtliche Helfer gibt. Aber damit alleine kommt man nicht weit. Organisation und Planung erfordern viel Know-How, schließlich geht es um das Leben vieler Tausender. Deshalb ist es meiner Ansicht auch notwendig, dass für die Katastrophenmedizin ein eigener Lehrstuhl eingerichtet wird. Bislang konnte ich mich mit meinen Ansichten aber noch nicht durchsetzen.

 

>Welcher Ihrer Einsätze ist Ihnen am meisten in Erinnerung geblieben?

Domres: Ich bin jetzt 74 Jahre alt und seit beinahe drei Jahrzehnten regelmäßig im Ausland, um bei den unterschiedlichsten Katastrophen zu helfen. Angefangen von Einsätzen in Afrika, über den Bürgerkrieg im Kambodscha, gefolgt von beinahe allen Erdbebengebieten, die sich in den vergangenen Jahrzehnten so ergeben haben. Im Frühjahr dieses Jahres war ich zuletzt zweimal Brazzaville in der Republik Kongo, als ein Munitionslager detonierte und mehrere hundert Menschen getötet und verletzt wurden. Während ich bei meinen letzten Einsätzen immer nur rund ein bis zwei Wochen als Vorhut vor Ort war, um die notwendige Koordination zu übernehmen, Infrastruktur aufzubauen und natürlich vor allem die Erstversorgung zu gewährleisten, verbrachte ich bei meinem ersten Einsatz in Afrika mehr Zeit im Land und lebte dort auch gemeinsam mit meiner Familie.

 

 

Am meisten in Erinnerung geblieben ist mir aber meine Zeit in Kambodscha in einem Flüchtlingslager an der Grenze zu Thailand. Damals war ich 41 Jahre alt und hatte mich beruflich schon etabliert. Doch die Eindrücke während des Fronteinsatzes der Bürgerkriegswirren rund um die Roten Khmer und den Diktator Pol Pot habe ich nie wieder vergessen und lassen mich heute auch noch regelmäßig davon träumen. Es gab unzählige Kinder mit Schussverletzungen, wir haben Tag und Nacht operiert und mussten uns überlegen, welche Operationen mit den vorhandenen Mitteln überhaupt noch gemacht werden sollen. Im Rahmen der "damage controll surgery" durfte eine Operation bei einer abdominellen Leberverletzung mit Blutung zum Beispiel nur 20 Minuten dauern. Wie das geht? Es braucht vier Minuten, um den Bauchraum zu eröffnen, die Blutung wird mit einem Bauchtuch gestoppt und die Schwestern nähen anschließend zu.

 

>Und wie sind Sie persönlich mit diesem psychischen Druck umgegangen?

Domres: Die seelische Beanspruchung ist immens und gerade wenn man Verantwortung für sein eigenes Personal trägt, fragt man sich hinterher immer: Habe ich alles richtig gemacht? Denn es gibt nicht wenige, die der psychischen Belastung während eines Einsatzes nicht standhalten. Mich persönlich haben die Eindrücke der letzten Jahrzehnte immer angetrieben weiterzumachen. Nach meinem Aufenthalt in Kambodscha hat mich das Thema "Sichtung und Triage" sehr beschäftigt. Auch heute noch setze ich mich dafür ein, dass unser technisches Know-How global eingesetzt wird. Zudem bin ich Mitglied der Schutzkommission, die im Innenministerium angegliedert ist, und die zur Aufgabe hat, die Regierung in Fragen des Schutzes der Zivilbevölkerung zu beraten. Und was meine sonstige Gesundheit anbelangt: Ich hatte immer einen Schutzengel und wurde auch selbst nie verletzt.

 

>Trügt das Gefühl, dass man sich in Europa vor großen Katastrophen in Sicherheit wägen kann?

Domres: Grundsätzlich nehmen die Katastrophen weltweit zu. Das ist nicht nur ein Gefühl, sondern lässt sich auch belegen. Wir in Europa hatten in den letzten Jahrzehnten das unsagbare Glück, von Kriegen verschont geblieben zu sein. Dennoch gibt es immer mehr Menschen auf der Welt, gerade der Klimawandel bringt die Katastrophen vor die eigene Haustür. Und vor der Haustür haben wir auch Dinge wie Atomkraftwerke oder moderne Transportmittel, die ein großes Potenzial für Katastrophen in sich bergen - auch wenn wir das in unserer zivilisierten Welt vielleicht nicht wahrhaben wollen.

 

Lebenslauf

Professor Bernd Domres wurde im Jahr 1938 in Dortmund geboren und es sollte kein Zufall sein, dass gerade diese ersten Kindheitsjahre während des Zweiten Weltkrieges sein Leben prägen sollte. Den Bombenangriff auf seine Heimatstadt Dortmund überstand der heutige Chirurg und Unfallchirurg unbeschadet, da er in dieser Zeit bei seiner Tante in Neuwied lebte. Und just diese Tante war es, die ihm die Arbeit und das Leben des Arztes und Theologen Albert Schweitzers nahe brachte. Eine Verknüpfung, die sich nie mehr lösen sollte. "Albert Schweitzer ist mein Vorbild", betont Prof. Domres. Nach dem Medizinstudium in Bonn und Freiburg und einer ersten Assistentenstelle im Breisgau wechselte der heute 74-Jährige an die Uniklinik Tübingen, der er bis zu seiner Emeritierung vor neun Jahren die Treue gehalten hat. Von dort aus wurde er auch im Jahr 1975 als Klinikleiter nach Nigeria entsandt.

Bis heute hat der habilitierte Chirurg mehr als 50 Einsätze hinter sich, die Katastrophenmedizin wurde zu seiner Berufung. Im Jahr 2011 wurde der Tübinger zum Arzt des Jahres gewählt. Der Titel wird im Rahmen des Gesundheitspreises "pulsus" verliehen, der von der Techniker Krankenkasse in Kooperation mit der "Bild am Sonntag" vergeben wird. Und auch an ganz anderer Stelle weiß man das jahrzehntelange
Engagement von Prof Domres zu schätzen: Mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse erhielt der 74-Jährige die höchste Auszeichnung, die es in der Bundesrepublik Deutschland gibt. Eine Ende ist für den Pensionär aber noch lange nicht in Sicht. Er möchte weitermachen, "solange ich noch 100 Meter laufen kann. Albert Schweitzer war mit 90 Jahren noch in Afrika und ich bin erst 74."

 

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