• Steckbrief
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  • Hanna Hohenthal
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  • 15.07.2011

Berufsbild Betriebsmediziner - nur ein Halbarzt?

Werden Medizinstudenten gefragt, in welchem Bereich sie später arbeiten möchten, nennen sie selten die Arbeitsmedizin. Dass das Fach spannender als sein Ruf ist, erklärt Hanna Hohenthal.

Die Gesundheit der Arbeiter beschäftigt die Menschen schon seit langem. Bereits die alten Ägypter machten sich 3000 v. Chr. Gedanken darüber. 1500 v. Chr. wird auf Papyrus festgehalten, dass Bergleute an der Staublunge litten. Hippokrates betonte um 400 v. Chr. den Einfluss des Berufes auf Erkrankungen. Paracelsus untersuchte die Erkrankungen der Bergarbeiter, die häufig an Arsen-, Blei- und Quecksilbervergiftungen litten. Als Begründer der Arbeitsmedizin gilt heute Ramazzini, der um 1700 in einer Schrift berufstypische Erkrankungen von 50 Berufsgruppen darstellte. 1839 wurde in Preußen das erste Arbeitsschutzgesetz erlassen, das Kindern unter acht Jahren die Arbeit Verbot und auch älteren Kindern mehr Schutz zugestand. Bismarck verankert 1884 das erste Unfallversicherungsgesetz. 1996 wurde das Arbeitsschutzgesetz verabschiedet.

Warum überhaupt Arbeitsmedizin?

Arbeit nimmt einen Großteil unserer Zeit ein. Unser Selbstbild definiert sich in hohem Maße über die Beschäftigung, der wir nachgehen. Unsere Zufriedenheit hängt zwar nicht ausschließlich, doch sicher zu einem großen Teil damit zusammen, ob wir einen Beruf ausüben können, den wir ausüben möchten. Sind wir darin aufgrund von Beschwerden eingeschränkt, ist das tragisch für das einzelne Schicksal. Aber auch im gesellschaftlichen und politischen Kontext sind die Themen krankheits- oder unfallbedingter Arbeitsausfall und Arbeitsunfähigkeit brisant. Gerade auch weil sie einen enormem volkswirtschaftlichem Stellenwert haben.

Es geht also darum, dem Einzelnen zu helfen, aktiv am Berufsleben teilnehmen zu können. Und das in einer für ihn passenden Form. Dabei muss auf aktuelle Themen im größeren Kontext reagiert werden: Der Anteil der älteren Arbeitnehmer steigt und wird weiterhin steigen. Das Rentenalter wird wahrscheinlich angehoben. Dies erfordert angepasste Bemühungen um die Arbeitsfähigkeit. Arbeitnehmer sind häufig und mehr als früher, repetitiven und damit belastenden Tätigkeiten ausgesetzt. Das Niveau des empfundenen Stresses ist zumindest in Deutschland hoch und steigt weiter an. Unter anderem auf Grund von Zukunftsangst und zunehmender Mehrfachbelastung. Damit nimmt auch der Anteil an Arbeitsunfähigkeit und krankheitsbedingtem Arbeitsausfall zu. Das Verhältnis von Belastung und Belastbarkeit gerät aus dem Gleichgewicht. Was die Arbeitswelt angeht, greift hier das Berufsbild des Betriebsmediziners. Dieses Fach wird somit in den folgenden Jahren auch weiter an Bedeutung gewinnen.

Die Ausbildung zum Betriebsarzt

Die Ausbildung zum Betriebsarzt erfolgt auf zwei Wegen. Zum einen besteht die Möglichkeit den Facharzt für Arbeitsmedizin zu absolvieren. Dafür sind 24 Monate in der Inneren Medizin/ Allgemeinmedizin zu machen und 36 Monate in der Arbeitsmedizin, wovon 12 Monate in anderen medizinischen Gebieten angerechnet werden können. Zusätzlich beinhaltet dieser Facharzt einen Kurs Arbeitsmedizin im Umfang von 360 Stunden.

Entscheidet man sich erst nach einer Facharztausbildung für die Arbeitsmedizin, kann man eine so genannte Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin erwerben. Dieses Modell ist auch interessant für jene, die einen Facharzt in einer anderen Richtung anstreben, sich aber zusätzlich in Betriebsmedizin weiterbilden wollen, ohne gleich einen doppelten Facharzt zu erwerben.

Für die Zusatzbezeichnung werden gefordert: 12 Monate in der Inneren/Allgemeinmedizin, 24 Monate in der Allgemeinmedizin und der Kurs Arbeitsmedizin von 360 Stunden. Wer vorher schon einen Facharzt Innere gemacht hat, beziehungsweise Teile seines Facharztes auf der Inneren absolviert hat, kann diese anrechnen lassen.

Was beinhaltet der Beruf Arbeitsmediziner?

In der Arbeitsmedizin/Betriebsmedizin stehen Prävention, Gesundheitsberatung und die Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefährdung im Mittelpunkt. Ziel ist der Erhalt und die Förderung der Erwerbsfähigkeit. Arbeitsmedizin kann als gesetzlicher Auftrag, als Dienstleistung und als Managementmethode in der Wirtschaftsmedizin aufgefasst werden.

Es gibt verschiedene Beschäftigungsverhältnisse als Arbeitsmediziner. Man ist zum Beispiel direkt in einem Betrieb oder einer Institution angestellt. Es gibt auch die Möglichkeit sich in einem überregionalen betriebsärztlichen Verbund zu organisieren und als externer Betreuer in verschiedenen Einrichtungen zu arbeiten. Manche Arbeitsmediziner entscheiden sich dafür, auf Honorarbasis zu arbeiten. Oder lassen sich nieder als eigenständiger Betriebsarzt. Ein besonders attraktives Modell beinhaltet die Mischung aus niedergelassener Hausarzt-Tätigkeit und zusätzlichem Einsatz als Betriebsarzt. Betriebsärzte besitzen keine Kassenzulassung, sondern werden über den jeweiligen Arbeitgeber bezahlt. Egal in welcher Form: Betriebsmediziner haben Kontakt mit vielen verschiedenen Krankheitsbildern, Menschen und Arbeitswelten. Sie verlassen den Mikrokosmos Krankenhaus oder die Praxis, um den Menschen in der Gesamtheit seiner Umgebungsbedingungen zu begreifen.

Tätigkeiten eines Arbeitsmediziners

Das Tätigkeitsfeld ist breit gefächert. Vorsorgeuntersuchungen, Impfprävention und Nadelstichverletzungen gehören ebenso dazu wie die Begehung von Arbeitsplätzen und Gefährdungsbeurteilung, die Pflicht für Betriebe ist. Seit einiger Zeit werden auch Tuberkulose-Umgebungsuntersuchungen von Betriebsärzten übernommen, wofür früher das Gesundheitsamt zuständig war. Dieser Fall tritt ein, wenn Ärzte oder Pfleger Kontakt mit Patienten hatten, bei denen erst im Nachhinein Tuberkulose diagnostiziert wurde. Weitere Bereiche sind die Wiedereingliederung von Arbeitnehmern, die längere Zeit krank gemeldet waren, Problemfalluntersuchungen und die Studentenausbildung.

Klassische Krankheitsbilder mit denen Betriebsärzte in Kontakt kommen, sind zum Beispiel Arthrosen, Arm- und Rückenschmerzen, Allergien und psychische Erkrankungen. Wobei die Aufgabe nicht in der Behandlung sondern in der Vorbeugung liegt, oder im Arrangieren mit der Einschränkung, um dem angestrebten Beruf so weit wie möglich trotzdem nachgehen zu können. Viele Berufsbilder weisen charakteristische Krankheiten oder Unfallrisiken auf, wie Infektionserkrankungen, Hauterkrankungen, Gehörschäden und Nasentumoren auf Grund von Holzstaubbelastung bei Möbeltischlern. Oder das so genannte "Bäcker- Asthma", das durch intensiven Kontakt mit Mehlstaub entsteht. Auch Mobbing und Stress am Arbeitsplatz spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Entstehung von Einschränkungen und Schmerzen. Man kann nicht alle Risiken vermeiden, aber es lohnt sich, genau hinzuschauen, wo Potentiale liegen.

Für wen ist die Betriebsmedizin interessant?

Arbeitsmedizin ist grundsätzlich für jeden praktizierenden Arzt interessant. Ein Patient darf nicht isoliert im Krankenhaus, sondern muss in seinem gesamten Umfeld betrachtet werden. Jeder Arzt kann in die Situation kommen, die Arbeitsunfähigkeit eines Patienten beurteilen zu müssen. Außerdem muss bekannt sein, dass jeder Arzt bei Verdacht auf eine Berufskrankheit, das heißt auf eine Erkrankung, die durch die Arbeit der betreffenden Person verursacht wurde, Meldung machen muss. Das ist wichtig für die Kostenübernahme und Versicherungs- bzw. Rentenansprüche des Patienten. Und jeder Arzt muss die von ihm verordneten Rehabilitationsmaßnahmen begründen, was häufig mit der beruflichen Belastung zusammen hängt.

Als Nachteil am Berufsbild des Betriebsarztes können die vielen Verordnungen und Gesetze betrachtet werden. Auch könnte der Arbeitsalltag weniger am Schreibtisch und noch stärker am Arbeitsplatz der Patienten orientiert sein. Dagegen stehen viele Pluspunkte: Zum Beispiel die planbaren und familienfreundlichen Arbeitszeiten, sowie die hohe Abwechslung und die Zusammenarbeit mit verschiedensten Disziplinen und an verschiedensten Orten. All dies macht die Arbeitsmedizin zu einem attraktiven Berufsfeld, das es sich lohnt, näher zu erleben. Der Sinn und die Notwendigkeit dieses Bereiches in gesundheitspolitischer und persönlicher Hinsicht zeigen, wie überholt das verstaubte Bild eines Halbarztes ist. Dieses Berufsbild hat eine spannende Zukunft vor sich.

Linktipps

Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

 

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