• Steckbrief
  • |
  • Sarah Schroth
  • |
  • 25.10.2011

Einblick in die Plastische Chirurgie

Plastische Chirurgen vergrößern den ganzen Tag Brüste, meißeln an Nasen rum und schnipseln die Falten weg? Weit gefehlt! Zwar ist die kosmetische Chirurgie ein wichtiger Bestandteil des Fachgebietes, aber der Alltag und die klinische Tätigkeit eines "Plastikers" beinhaltet weit mehr als nur Botox und Silikon.

Entstehung und Geschichte

Bereits der Name "Plastische Chirurgie" verleitet einen dazu, an unnatürliche Plastik-Barbies zu denken. Dabei geht es eigentlich um eine ganz bodenständige Kunst. Der Wortursprung stammt aus dem griechischen Wort "plastiké ", was soviel bedeutet wie "die Kunst des Formens". Eine sehr passende Bedeutung, denn exakt damit befasst sich die plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie. Sie formt und (re-)modelliert Körperteile und Oberflächen, die nicht dem normalen Aussehen entsprechen und oft mit starken Funktionseinschränkungen einhergehen. Solche Deformitäten oder Defekte können verschiedenste Ursachen haben: von Verbrennungen, über Tumoren und Traumen bis hin zu genetischen Malformationen.

Die ersten Aufzeichnungen der plastischen Chirurgie stammen aus indischen Sanskrit-Texten um 500 v. Chr. Damals war die Verstümmelung eine beliebte Form der Bestrafung. Vor allem aus Stirn und Backenhaut wurden remodellierte Ohren und Nasenplastiken gemacht. Auch im alten Rom und Griechenland gab es bereits Versuche, geschädigte Hautareale und Strukturen wiederherzustellen.

 

Skin Grafting

Eine der größten Gebiete der plastischen Chirurgie sind Hauttransplantationen (engl. Skin Grafting), wobei für die schlussendliche Deckung ausschließlich die autologen Transplantate eine Rolle spielen. Dabei stammt das Hauttransplantat vom Patienten selbst. Transplantate von Tieren werden selten und nur temporär zum Schutz vor Infektionen und Flüssigkeitsverlust auf eine Wunde gelegt. Am häufigsten wird Schweinehaut verwendet, die dann nach einigen Tagen von der Haut abgestoßen und entfernt werden muss.

Bei der definitiven autologen Hauttransplantationen, wird Haut von einer Stelle am Körper genommen, um einen Defekt an anderer Stelle zu decken. Je nach Ort des Defektes können diese von ganz unterschiedlichen Arealen kommen. Es gibt eine große Palette verschiedner Arten der autologen Hauttranslplantate, auch Lappen genannt:

Spalthaut
Spalthauttransplantate bestehen aus Epidermis und einem Teil der Dermis. Diese Technik wird vor allem bei größeren, oberflächlichen Hautdefekten eingesetzt. Meistens werden Löcher in die Haut gestanzt, wodurch eine Art Gitterstruktur (MESH) entsteht. Dadurch kann die Fläche um ein vielfaches vergrößert werden. Zusätzlich kann das Blut so durch die Löcher abfließen, um Hämatombildung zu vermeiden. Spalthaut wird sehr gerne vom Arm oder Oberschenkel entnommen. Prinzipiell eignet sich fast jedes Hautareal. Sogar Kopfhaut kann als Spalthauttransplantat genutzt werden. Da die Haarwurzeln dabei intakt bleiben, wird die typische Hautverfärbung von Haaren überwachsen und ist nach einigen Monaten nicht mehr sichtbar.

Vollhaut
Hier wird die gesamte Epidermis und Dermis transplantiert. Vollhauttransplantate werden vor allem bei tieferen Wunden und ausgedehnten Defekten verwendet. Auch an der Hand und im Gesicht hat Vollhaut gegenüber der Spalthaut den Vorteil, dass dabei weniger Spannung entsteht und so die Kontraktion und Deformation vermindert werden können. Besonders geeignet dafür ist zum Beispiel der Rücken. Gerade wenn zusätzlich Muskelmaterial gebraucht wird, kann der Latisimus dorsi als Ersatz dienen.

 

Ein Vollhautlappen wird vom Unterarm präpariert - Foto: S. Schroth

Ein Vollhautlappen wird vom Unterarm präpariert.

Mit dem Hautlappen wird im Gesicht ein Defekt verschlossen - Foto: S. Schroth 

Mit dem Hautlappen wird im Gesicht ein Defekt verschlossen.

Die  

Die "leere" Stelle am Unterarm wird mit einer MESH-Plastik gedeckt.

Lappenmanagment
Das Risiko der Abstoßung eines autologen Transplantates ist relativ klein. Viel eher kann es zu Infektionen oder Durchblutungsstörungen kommen. Eine gute Durchblutung des Lappens ist das A und O der Hauttransplantation. Diese wird, je nach Lappen, unterschiedlich gesichert. Da der Lappen der Spalthaut selbst keine Durchblutung besitzt, muss der Ort der Transplantation genug Granulationsgewebe enthalten, um sie von unten zu versorgen. Beim Vollappen hingegen müssen Gefäße im Lappen die Blutzufuhr und Abfuhr gewährleisten. Nach der Transplantation muss die Farbe und Rekapillarisierung des Lappens unbedingt engmaschig kontrolliert werden. Ein Durchblutungsmangel würde den Lappen absterben lassen und eine Reoperation mit einem neuen Lappen wäre nötig.

 

Kosmetische Chirurgie

Nach Unfällen oder Infektionen können grotesk aussehende Hautdefekte, starke Vernarbungen und offene Wunden entstehen. In solchen Fällen wird die Indikation für eine Rekonstruktion selten hinterfragt. Ganz anders sieht es bei rein kosmetischen Problemen aus. Sie stellen häufig keine offensichtlichen Einschränkungen für den Patient dar und werden als subjektives Problem gewertet. Aber auch hier sollte differenziert werden. Das es sich bei einer Brustvergrößerung von BH-Größe B auf E, oder der Injektion von Botox zur Faltenbehandlung um rein ästhetische Korrektur handelt, steht außer Frage. Das trifft aber bei einer 35-jährgen Frau nach Brustenfernung wegen Mammakarzinom nicht zu. Sie kann zwar auch ohne Brust ein normales Leben führen und hat prinzipiell keine Einschränkungen durch die fehlende Brust, aber wurde durch die radikale Mastektomie traumatisiert. Ein ästhetischer Eingriff könnte für sie therapeutisch sein. Und was ist mit der überschüssigen Haut, die dem 30-jährigem bis zu den Schenkeln hängt, nachdem er in den vergangen zwei Jahren die Hälfte seiner 150kg abgenommen hat? Hier teilen sich plötzlich die Fronten und es wird zwischen psychologischen Schäden und steigenden Gesundheitskosten hin und her diskutiert. Welche Operation durchgeführt wird und ob die Versicherung die Kosten übernimmt, ist schlussendlich vom Arzt und einem Quäntchen Glück abhängig. Letzten Endes muss jeder Arzt für sich entscheiden, was für Ihn vertretbar ist und die Leiden und Probleme jedes Patienten individuell betrachten.

 

Patientenzufriendheit an höchster Stelle

Zusammenfassend bleibt zu betonen, das die plastische Chirurgie ein breites und spannendes Feld darstellt. Die oft verzerrten und überzogenen Medienberichte überschatten die Tatsache, dass die plastische Chirurgie ein wichtiger und essentieller Bestandteil der allgemeinen Traumatologie und Wundversorgung ist. Aber auch was die ästhetische Chirurgie angeht, wird die Schuld zu oft auf die Medien und Glanzhefte geschoben. Tatsache ist - egal ob in Afrika, Europa oder Asien - das äußere Erscheinungsbild spielt überall eine wichtige Rolle. Sowohl in der westlichen Welt, aber häufig sogar noch verstärkt in Ländern mit weniger Bildung, werden Menschen, die nicht einer gewissen "Norm" entsprechen, gemieden, verstoßen und ausgeschlossen. Auf der Welt gibt es viele Menschen, die auf Grund ihres äußeren Erscheinungsbildes so verunsichert sind, dass sie sich kaum mehr aus dem Haus trauen. Menschen die von ihrer Umwelt verurteilt und Tag für Tag auf Verachtung und Ekel stoßen. Die plastische Chirurgie gibt diesen Menschen eine Chance, sich endlich selbst - innerlich wie äußerlich, als liebenswert - zu empfinden und das Leben für sie lebenswert zu machen. Denn wie schon der Genfer Schriftsteller Jean-Jaques Rousseau wusste: "Der höchste Genuss besteht in der Zufriedenheit mit sich selbst".

Mein Studienort

Medizinstudenten berichten aus ihren Unistädten

Werde Lokalredakteur Die Unistädte auf Google Maps
Medizin im Ausland

Erfahrungsberichte und Tipps aus über 100 Ländern

Erfahrungsbericht schreiben Auslands-Infopakete