• Facharztcheck
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  • Agnieszka Wolf
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  • 30.01.2006

Weiterbildung Innere und Allgemeinmedizin

Schon die alten Griechen kannten den Allgemeinarzt. Podaleiros, Sohn des griechischen Heilungsgottes Asklepios, übte die hausärztliche Tätigkeit aus: Er begleitete und heilte Kranke. Sein Bruder Machaon dagegen zog Pfeile heraus und führte Schnitte, war also eher chirurgisch tätig. Die Bezeichnung "Facharzt für Allgemeinmedizin" gibt es in Deutschland seit 1972*.

 

Bis in die neunziger Jahre hinein konnte man allein mit dem abgeschlossenen Medizinstudium ohne zusätzliche Facharztausbildung hausärztlich tätig sein und sich als sogenannter Praktischer Arzt niederlassen. Die Gesundheitsreformen, die Anfang der neunziger Jahre durchgeführt wurden, sorgten dafür, dass sich jetzt in der Bundesrepublik nur noch niederlassen kann, wer einen Facharzttitel hat.

Ab 2006 neue Facharztbezeichnung für Allgemeinmediziner

Die heutigen "Hausärzte" sind vor allem Allgemeinärzte und Internisten. Künftig soll es diese Doppelbesetzung aber nicht mehr geben. Auf dem 106. Ärztetag in Köln vom 20. bis 23. Mai 2003 wurde der Beschluss gefasst, dass ab dem Jahr 2006 nur noch "Fachärzte für Innere und Allgemeinmedizin" Hausärzte werden können. Die neue Weiterbildungsordnung ist mittlerweile in allen Landesärztekammern übernommen worden. Allerdings haben nach Angaben des Ärzteblattes vom März 2006 fünf Ärztekammern – Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Thüringen – darüber hinaus den Facharzt für "Allgemeine Innere Medizin" in ihrer Novelle verankert, weil sie sich nicht vom Allgemeininternisten ohne Schwerpunkt verabschieden wollen. Diese "Kleinstaaterei" (BDI-Präsident Dr. med. Wolfgang Wesiack im Ärzteblatt) wird natürlich nicht gerne gesehen und beide Berufsverbände, sowohl der Intenisten als auch der Allgemeinmediziner streben langfristig eine einheitliche Lösung an.

Die neue Weiterbildung zum Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin sieht mindestens zwei Jahre Tätigkeit in der stationären internistischen Versorgung vor - ein Jahr mehr Innere Medizin als in der ehemaligen Weiterbildung zum Allgemeinarzt. Des weiteren sind mindestens 18 Monate in der ambulanten hausärztlichen Versorgung vorgesehen. Die verbleibenden anderthalb Jahre kann der künftige Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin wahlweise auf Station in der Inneren oder ambulant in der hausärztlichen Praxis ableisten. Auch 6 Monate Chirurgie können hier angerechnet werden. Die halbjährige Tätigkeit in der Kinderheilkunde, die früher Pflicht war, entfällt. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Wartezeiten auf einen Ausbildungsplatz in der überlaufenen Pädiatrie bleiben künftigen Hausärzten erspart.

Internist oder Hausarzt?

Die neue Weiterbildung zum "Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin" hat zwei Ziele: Zum einen soll sie die stiefmütterliche Hausarzt-Rolle der Internisten aufheben. Wer künftig Facharzt für Innere Medizin werden möchte, muss nach der neuen Weiterbildungsordnung eine Subspezialisierung wählen. Er wird dann z.B. Nephrologe, Gastroenterologe oder Kardiologe. Laut Prof. Dr. Kochen, Direktor der allgemeinmedizinischen Abteilung der Universität Göttingen, gewährleistet die neue Weiterbildungsordnung, dass "Hausärzte einheitlich ausgebildet und nicht zu spezialisiert sind".

Zum anderen soll sie jungen Ärzten in ihrer Entscheidungsfindung zum Facharzt helfen. Viele Mediziner wissen nach dem dritten Staatsexamen nicht, ob sie als Facharzt für Innere Medizin eher spezialisiert tätig sein wollen oder ob sie lieber in der allgemeinen Patientenversorgung als Hausarzt arbeiten möchten. Laut der Bundesärztekammer sorgt das neue Konzept dafür, dass der junge Arzt bis zu drei Jahren lang Innere Medizin ausüben kann, ohne eine Entscheidung fällen zu müssen. Erst nach dieser Zeit muss er wählen, ob er nun Hausarzt oder Subspezialist der Inneren Medizin wird.

Rechtzeitig informieren!

Neben den Inhalten in Sachen Allgemeinmedizin ist auf dem 106. deutschen Ärztetag vieles andere an der Weiterbildungsordnung geändert worden. Die Zahl der ärztlichen Weiterbildungsbezeichnungen ist jetzt von bislang 160 auf rund hundert reduziert. Laut einer Meldung der "Marburger Bund Zeitung" sind alle Fächer von zumindest kleineren Änderungen betroffen. Da die beschlossenen Inhalte immer erst nach und nach in den Landesärztekammern umgesetzt werden, ist es dringend erforderlich, sich bei der zuständigen Ärztekammer über die Weiterbildungsordnung des Landes zu informieren!

Die alte WBO ist noch 7 Jahre lang gültig

Derjenige, der Hausarzt werden möchte und jetzt überhaupt nicht mehr weiß, wie er sich weiterbilden sollte, braucht sich trotz der Erneuerungen keine Sorgen zu machen. Laut der Bundesärztekammer hat jeder das Recht, sich nach neuen Beschlüssen noch sieben Jahre lang nach der alten Weiterbildungsordnung auszubilden. Man wird dann eben wie bisher "nur" Facharzt für Allgemeinmedizin und nicht "Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin". In der Weiterbildungsordnung findet sich folgender Wortlaut
"Kammerangehörige, die bei Inkrafttreten dieser Weiterbildungsordnung eine Weiterbildung im Gebiet Innere Medizin sowie deren Schwerpunkten oder in Allgemeinmedizin begonnen haben, können diese nach den Bestimmungen der bisherigen Weiterbildungsordnung innerhalb einer Frist von 7 Jahren abschließen."

Probleme bei der Umsetzung

Da nicht nur die Ärztekammern sondern auch die Länderministerien der neuen WBO zustimmen müssen und auch das jeweilige Heilberufekammergesetz vom Parlament geändert werden muss, dauert das Genehmigungsverfahren entsprechen lang. Die Facharztbezeichnung "Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin" muss anschließend von der EU-Kommission anerkannt werden, erst dann können sich die neuen Fachärzte so nennen. Bis dahin gilt die alte Bezeichnung "Facharzt für Allgemeinmedizin", auch wenn die Weiterbildung nach der neuen WBO erfolgte.

Wie oben bereits erwähnt haben fünf Ärztekammern – Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Thüringen – weiterhin den Facharzt für "Allgemeine Innere Medizin" in ihrer Novelle verankert, weil sie sich nicht vom Allgemeininternisten ohne Schwerpunkt verabschieden wollen.

Das Ärzteblatt meldete am 6.12.06, dass es noch Probleme mit der neuen Facharztbezeichnung für Internisten seitens der EU-Kommission gebe. Zum einen wird moniert, dass deutsche Internisten in anderen EU-Ländern zukünftig die doppelte Anerkennung einfordern könnten - als Internist und als Kardiologe bespielsweise. Darüber hinaus merkt die Kommission an, dass es die Weiterbildung zum Internisten an sich (ohne Spezialisierung) nur noch in wenigen Bundesländern gebe. Es müsse aber gewährleistet sein, dass sich diese Internisten ebenso wie Kollegen aus EU-Ländern in allen Bundesländern niederlassen könnten.

Der Bund deutscher Internisten setzt jetzt die Wiedereinführung des Facharztes für Innere Medizin als Generalist für 2007 ganz oben auf die Tagesordnung, schreibt Dr. Wolfgang Wesiack, Präsident des Berufsverbandes, im Editorial des BDI aktuell vom Dezember 2006.

Das heißt, dass bezüglich der Facharztbezeichnungen noch nicht das letzte Wort gesprochen ist und weitere Verhandlungen abgewartet werden müssen, bis es endgültige Klarheit geben wird.

Weiterführende Links

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin e. V.

http://www.degam.de/

Aktuelles zum Thema Allgemeinmedizin in der Ärztezeitung:

http://www.aerztezeitung.de/medizin/fachbereiche/allgemeinmedizin/

Homepage der Bundesärztekammer:

http://www.baek.de

Leserkommentare

Von Malte Hinzpeter

"Die Bezeichnung Facharzt für Allgemeinmedizin gibt es in der BRD erst seit 1972. In der DDR wurde der Facharzt für Allgemeinmedizin bereits 1967 (verpflichtend) eingeführt.

Der FA Allgemeinmedizin der alten BRD war eine freiwillige Qualifikation, die man für eine Niederlassung nicht brauchte. Da diese Facharzt zudem wenig strukturiert war, war eine einheitliche Qualifikation nicht gegeben und eine Vergleichbarkeit mit dem DDR-Facharzt oder dem heutigen Facharzt für Allgemeinmedizin ist nicht gegeben."

Von Vera Schuster

Offenbar haben Sie bezgl. der Stellensituation in der Pädiatrie nicht ausreichend recherchiert. Ich (5.Jahr WB Pädiatrie) habe an allen "Wirkungsstätten" die Erfahrung gemacht, dass der Durchlauf der Kollegen sehr groß ist und immer wieder Stellen frei werden. Natürlich werden diese Stellen lieber mit Pädiatern besetzt, aber gerade die kleine Häuser suchen oft händeringend nach ärztlichem Personal. Vielleicht haben die Allgemeinmediziner auch nur Angst vor den "lieben Kleinen"´und deswegen ist diese Rotation lästig? Ich persönlich finde es sehr wichtig, dass Allgemeinmediziner auch etwas von der Pädiatrie mitbekommen.

Jedenfalls sieht man immer wieder sehr abenteuerliche Überweisungs/Einweisungsdiagnosen, die leider von großer Unwissenheit zeugen. Außerdem werden die Kinder älter, werden allgemeinmedizinisches Patientengut und -gerade chronisch Kranke- sollten ein Recht auf lückenlose Betreuung haben. Und das kann nur funktionieren, wenn der Allgemeinmediziner "pädiatrisch" aus der Vorgeschichte lesen kann. Ich finde es sehr schade, dass in Ihrem Artikel eins der größten Fachgebiete der Medizin durch dieses kleine Wörtchen überlaufen und der Erleichterung, das diese Rotation nun entfällt, so abgewertet wird.

 

 


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