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  • Kerstin Petrat
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  • 22.03.2005

Fachgebietsreportage Anästhesie

Anästhesisten wird oft nachgesagt, gelangweilt hinter ihrem Monitor zu sitzen und ständig Kaffee zu trinken. Doch der Arbeitsalltag eines Narkosearztes ist alles andere als eintönig. Via medici-Autorin Kerstin Petrat hat einem jungen Anästhesisten einen Tag lang über die Schulter geschaut.

 

Anästhesist führt Tubus ein - Foto: K. Petrat

 

OP-Schwester Heike schiebt die verängstigte Endvierzigerin in den HNO-OP der Klinik Köln-Holweide. Ein bösartiger Tumor hat deren Zunge in eine rot-weiße Hügellandschaft verwandelt. Die Frau kann kaum noch sprechen. „Tut’s weh?“, wispert sie ängstlich Stephan Scholz zu. Der 33-jährige Anästhesist beugt sich über die Patientin: „Sie werden gleich einschlafen und keine Schmerzen mehr spüren. Wenn Sie wieder aufwachen, ist alles vorbei.“ Damit hat er einen wichtigen Schritt seiner Arbeit bereits getan: Die meisten Patienten wollen vor der Operation erst einmal beruhigt werden. Dann leitet Stephan Scholz die Narkose ein: Dazu spritzt er zunächst ein leichtes Kurzzeitnarkosemittel und ein Analgetikum in eine Unterarmvene der Patientin. Die folgende Intubation ist anders als üblich: Da er den Tubus wegen des Tumors nicht durch den Mund in die Luftröhre einlegen kann, führt er ihn mittels einer optischen Hilfe über die Nase ein.

Diese so genannte fiberoptische Intubation wird bei dem noch selbst atmenden Patienten durchgeführt. Bevor der junge Arzt Sauerstoff und Inhalations-Anästhetika über den Tubus einführt, lokalisiert er die Stimmbänder mit einer Videosonde und betäubt sie mit Lidocain, damit die Stimmritze während der Intubation weit bleibt. Die Operation selbst ist einfach: Die Patientin bekommt eine Magensonde, damit sie während ihrer Strahlentherapie künstlich ernährt werden kann. Zusätzlich sollen Proben aus dem Tumor entnommen werden. Während der HNO-Arzt zusammen mit dem OP-Team die Sonde legt und den Tumor untersucht, sitzt Stephan Scholz vor seinem Tower. Zwei Monitore zeigen die Vitalzeichen der Patientin an: Mit dem oberen kann er Herzfrequenz und Blutdruck kontrollieren. Außerdem läuft ein EKG über den Bildschirm, mit dem er schnell eventuelle Herzrhythmusstörungen erkennen könnte. Der untere Monitor dokumentiert den Gehalt an CO2, O2 und Narkosegas in der Ein- und Ausatemluft. Ferner liefert er Daten über Atemfrequenz und -volumen. „Der technische Aufwand macht mir Spaß“, erzählt der junge Anästhesist.

Interesse an Technik und manuelles Geschick:

Neben Technikkenntnissen sollten zukünftige Narkoseärzte ein geschicktes Händchen mitbringen. „Wir müssen jede noch so kleine Vene punktieren und routiniert zentrale Venenkatheter oder Periduralkatheter legen können“, berichtet Stephan Scholz. „Auch das Intubieren will oft geübt sein, bis es gut klappt.“ An der Anästhesie gefällt dem jungen Arzt neben der Technik und dem Handwerk, dass die Arbeitszeiten überschaubar sind. „Man verrichtet sein Tagwerk und geht nach Hause. Es gibt keine Station, für die ein Anästhesist verantwortlich ist“, sagt er. Das hat auch Nachteile: Manchmal betrachtet sich Stephan Scholz als „Erfüllungsgehilfe“ der Chirurgen. Und hin und wieder kann es sogar ein wenig langweilig werden hinter dem Tower. Dafür ist das Patientenspektrum so breit wie in kaum einem anderen Fach – schließlich werden Anästhesisten bei jeder Art von Operation benötigt.

Klinikalltag: Narkosen, Gespräche und Protokolle:

Im Krankenhaus Holweide rotieren die Narkoseärzte innerhalb der Klinik. Lieblingsbereiche werden dabei berücksichtigt. Stephan Scholz wechselt zwei- bis dreimal pro Jahr die Abteilung; momentan ist er für HNO-Patienten zuständig. Sein Arbeitstag beginnt morgens um 7:30 Uhr mit der Dienstbesprechung. Viele Kollegen haben sich bereits vorher im Gemeinschaftsraum getroffen und auf einem der alten Ledersofas einen Kaffee getrunken. Jetzt stehen alle im Kreis um Chefarzt Dr. John Lynch und besprechen die Fälle des Vortages. Der Dienst Habende erzählt von einer schwierigen Einleitung bei einem Kind, das nicht einschlafen wollte: Das Narkosegas ließ sich einfach nicht höher dosieren, dadurch wurde nicht genügend Narkosemittel frei. Der Grund fand sich schließlich in einem klemmenden Hebel. Dr. Lynch und die anderen Ärzte hören zu, stellen Fragen, geben Tipps. Alle gehen freundlich miteinander um. Dramatische Vorfälle kommen zum Glück nur selten vor: Stephan Scholz erinnert sich an eine Patientin, die auf dem OP-Tisch verstarb: „Die Patientin sollte an ihrem diabetischen Fuß operiert werden. Sie war zwar schon alt und hatte viele Vorerkrankungen, doch niemand hat erwartet, dass sie während der OP kardial dekompensiert und wir sie reanimieren müssen.“ Inzwischen wird der zweite Patient in den Operationssaal geschoben.

Auch hier steckt hinter einer einfachen Operation ein drastischer Fall: Ein 70-jähriger Mann schnitt sich vor sechs Wochen in suizidaler Absicht die Kehle durch – er verletzte sich so tief, dass er Luftröhre und Nerven der Stimmbänder durchtrennte. Eine leicht wulstige, rosige Narbe zieht sich von links nach rechts über seinen Hals. In deren Mitte klafft ein zweieurostückgroßes, dunkles Loch, durch das die Ärzte prophylaktisch einen Tubus in die Luftröhre gelegt hatten. Durch diesen führt Stephan Scholz das Narkosegas ein, nachdem er den Patienten intravenös betäubt hat. Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt untersucht die Speiseröhre, um herauszufinden, warum der Patient nicht schlucken kann. Währenddessen sitzt Stephan Scholz vor seinem Tower. Er kontrolliert die Monitore und dreht die Narkosegasleitung auf oder zu. Nebenbei füllt er das Narkoseprotokoll aus. Hier werden alle Vitalparameter, die während der OP gemessen wurden, sowie die verabreichten Medikamente dokumentiert. Zusätzlich notiert der Anästhesist aktuelle Blutwerte, Größe und Gewicht des Patienten, seine Anamnese, die letzte Nahrungsaufnahme und andere wichtige Informationen über den Patienten.

Das Protokoll wird zehn Jahre archiviert, um Folgeoperationen besser planen zu können, und dient als rechtliche Absicherung. Stephan Scholz trägt die Narkoseart ein und führt während der OP alle fünf Minuten peinlich genau Protokoll. Mitten in der Operation versagt plötzlich der Monitor – der Bildschirm wird schwarz. Auf die Schnelle findet keiner die Ursache. Schwester Heike holt einen baugleichen Monitor aus einem unbenutzten OP-Saal nebenan, der sofort anspringt. Der Zwischenfall läuft unproblematisch ab, der Operateur blickt nicht einmal von seiner Arbeit auf. Stephan Scholz lehnt sich entspannt auf seinem Stuhl zurück, der Rest der OP verläuft ohne Zwischenfälle.

1.800 Narkosen für den Facharzt:

Stephan Scholz darf sich seit November letzten Jahres Anästhesist nennen. Vorher hat er fünf Jahre lang als Assistenzarzt in Holweide gearbeitet. Gemäß der Bundesärztekammer soll die fünfjährige Weiterbildung vier Jahre in der operativen und ein Jahr in der nichtspeziellen anästhesiologischen Intensivmedizin absolviert werden. Angehende Anästhesisten müssen unter anderem 1.800 Narkosen, darunter 50 bei Säuglingen und Kleinkindern, sowie 100 rückenmarknahe Regionalanästhesien und 75 periphere Regionalanästhesien und Nervenblockaden durchführen. Dazu kommt noch eine Vielzahl an Punktionen oder Katheterisierungen. Inzwischen ist der HNO-Arzt mit der Operation fast fertig. Der Operateur hat eine wulstige Vernarbung erwartet, die das Schlucken des Patienten erschwert, doch er entdeckt nichts Auffälliges. Stephan Scholz saugt Schleim ab und wechselt den Plastik-Tubus und das Sprechventil, das dem Patienten das Sprechen bei ungeblockter Luftröhre ermöglicht.

Dann kümmert er sich darum, dass sein Patient unbeschadet wieder aufwacht. Zunächst dreht er dafür die Zufuhr an Narkosegasen ab. Der Monitor zeigt an, dass O2- und CO2-Gehalt in der Lunge ansteigen und der Anteil an Narkosegasen abnimmt. Sobald der O2-Gehalt auf mindestens 40% gefallen ist und fast keine Narkosegase mehr nachweisbar sind, stellt der Anästhesist die künstliche Beatmung ab und der Patient schnappt nach Luft. Mittlerweile ist es 12 Uhr und der dritte und letzte Patient wird auf den OP-Tisch gelegt. Stephan Scholz schätzt, dass er an einem durchschnittlichen Tag ohne langwierige Operationen etwa drei bis vier Patienten in den künstlichen Schlaf versetzt. Der nächste Patient ist ein 33-jähriger Mann, der seine Mandeln entfernen lassen möchte. Er ist sehr nervös, was auch die Blutdruckanzeige auf dem Monitor widerspiegelt. Der Anästhesist scherzt mit ihm, um ihm die Aufregung zu nehmen.

Die Narkose ist Routine: Einleitung mit Injektionsnarkotika, orale Intubation. Eine PJlerin des Anästhesisten-Teams darf intubieren. Da der Patient einen langen Hals hat, ist die Arbeit etwas mühselig, aber mit dem Laryngoskop gelingt es und der Tubus sitzt am richtigen Ort. Stephan Scholz beatmet den Patienten zunächst mit dem Ambu-Beutel, denn eine letzte Fehlerquelle gilt es zu vermeiden: Der Arzt auskultiert mit dem Stethoskop, ob sich der Ober-körper des Patienten beidseitig hebt und senkt. Würde sich nur eine Seite bewegen, hätte die PJlerin den Tubus zu tief in die Lunge geschoben. Am häufigsten geschieht dies fälschlicherweise in den rechten Bronchus. Dieser verläuft im Gegensatz zum linken fast gerade. Stephan Scholz ist zufrieden: Der Brustkorb des Patienten hebt sich regelmäßig und über beiden Lungen auskultiert er ein Atemgeräusch. Erst jetzt kann er die Beatmung mit Narkosegasen und Sauerstoff den Maschinen überlassen. Um 12.30 Uhr wacht der erfolgreich Operierte schmerzfrei auf.

Das betrachtet Stephan Scholz als die Kunst des Anästhesisten: Eine Kombination aus Schmerzmitteln und Narkosemitteln zu geben, die den Patienten mit so wenig postoperativer Übelkeit und Schmerzen aufwachen lässt wie möglich. Kunst kommt bekanntlich von Können und das erfordert Training: „Es ist ziemlich schwierig, eine Narkose bei einer OP durchzuführen, deren Ablauf man nicht kennt, beispielsweise die Abklärung eines unklaren Abdomens: Ursache der Beschwerden kann ein einfach zu lösender Verwachsungsstrang sein. Manchmal entdeckt der Chirurg jedoch einen bösartigen Tumor und die Operation kann sich über Stunden hinziehen. So muss der Anästhesist mögliche Blutungen und Dauer der OP in seinen Medikamenten-Mix mit einbeziehen. Obwohl es auch an einer großen Klinik wie Holweide viele Routineeingriffe gibt, ist das operative Spektrum so breit, dass der junge Arzt häufig auch Narkosen bei anspruchsvollen Eingriffen durchführen kann. „Ich möchte mich noch nicht niederlassen“, erzählt der frisch gebackene Anästhesist, „ich mag die Herausforderung, neben den Routine-Narkosen Betäubungen bei OPs zu planen, die ich noch nicht kenne. Viele spannende und interessante Eingriffe wie das Legen vonzentralen Venenkathetern, Periduralkathetern oder Arterienzugängen kann man als Niedergelassener sehr selten durchführen. Ein Kollege ist vor kurzem in eine Praxisgemeinschaft einge-stiegen.

Ein Team von Anästhesisten stellt dort Chirurgen OP-Räume zur Verfügung und führt die Narkosen durch. Man ist zwar sein eigener Herr und kann sich die Zeit frei einteilen, aber es ist auch eine nicht unerhebliche finanzielle Belastung, die ich zurzeit noch nicht auf mich nehmen möchte“, erzählt der Vater zweier Kinder. Auch die andere Möglichkeit, sich als Anästhesist selbstständig zu machen, kommt für ihn noch nicht infrage (a Kasten). Narkoseärzte können sich als so genannte „mobile Anästhesisten“ selbstständig machen: Diese fahren mit ihrem eigenen Narkosegerät in Praxen und führen dort Narkosen durch, beispielsweise bei Laparoskopien für niedergelassene Chirurgen. „Man kann sich die Zeit gut einteilen und hat wie in einer Praxisgemeinschaft keine Dienste, aber man ist immer auf sich gestellt und arbeitet in fremder Umgebung“, beschreibt Stephan Scholz die Nachteile. Außerdem ist die Anschaffung einer eigenen Ausrüstung nicht billig: Rund 50.000 Euro müssen dafür veranschlagt werden.

Nach einer kurzen Mittagspause geht es an den zweiten Teil von Stephan Scholz‘ Tageswerk. Er bespricht mit den OP-Aspiranten des nächsten Tages die Narkoseart des geplanten Eingriffs. Er klärt über Risiken und mögliche Komplikationen auf und lässt die Patienten eine Einwilligungserklärung unterschreiben. Um 16.30 Uhr ist offiziell Feierabend. Natürlich kommen Überstunden vor – allerdings deutlich seltener als auf anderen Stationen. Und es bleibt nicht bei fünf Diensten in der Woche: Pro Monat kommen fünf bis sechs Nacht- und zwei Wochenenddienste hinzu. „Im Vergleich mit anderen Fachgebieten ist die Arbeitsbelastung erträglich“, erzählt Stephan Scholz. „Im Gegensatz zu den Kollegen in der Chirurgie habe ich nach der Arbeit oft noch Zeit, mit meinen Kindern zu spielen.“ Ein spannender Beruf und trotzdem Platz für die Familie. Der junge Anästhesist ist mit seiner Wahl sichtlich zufrieden.

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