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  • Najib Ben Khaled
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  • 19.02.2019

Welcher Arzt willst du sein? - Gedanken zur Facharztwahl

Manche fühlen sich schon vor dem Studium berufen, Chirurg zu werden. Andere finden über die Forschung, über ihre Dissertation zum Fach. Wiederum andere möchten die Praxis ihrer Eltern übernehmen. Ein großer Teil jedoch - mich eingeschlossen - ist allgemein interessiert an der ärztlichen Tätigkeit und fragt sich, wie er am besten mit seinen Fähigkeiten, Talenten und Kenntnissen zur Patientenversorgung beitragen kann. Für all jene schreibe ich diesen Text.

Früher oder später stehst du im Laufe deines Studiums vor der Frage, welcher Arzt du sein möchtest. Eine wichtige Entscheidung, die dein weiteres Leben wesentlich beeinflussen wird. Wie auch schon der Beschluss Medizin zu studieren.

Keine Panik!

Zunächst möchte ich dir die Angst vor der Entscheidung nehmen. Der Zeitpunkt nach dem letzten Examen fühlt sich für viele wieder an wie die Zeit nach dem Abitur: Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten und entscheiden kannst nur du selbst. Du bist nur einer von vielen, die sich nach dem zweiten oder dritten Staatsexamen nicht eindeutig auf ein Fach festlegen können. Daher bewerben sich manche auf mehrere Fachrichtungen. Und nicht zuletzt ist es innerhalb der klinischen Weiterbildung möglich, von einem Fach in das andere zu wechseln. Oft kann abgeleistete Zeit angerechnet werden. Es ist daher nie zu früh oder zu spät, sich Gedanken über die Facharztwahl zu machen. Am Ende des PJs verfügst du über Selbstkenntnis, theoretisches und praktisches Wissen - zusammengenommen eine gute Basis, um eine Entscheidung zu treffen. Deine klinische Erfahrung ist unheimlich wichtig. Lass dir jedoch nicht die Lust an einer Disziplin nehmen, nur weil du bei einer Famulatur negative Erfahrungen machen musstest (beispielsweise wegen schlechter Stimmung auf Station, wenig Betreuung oder unangenehmer Studentenaufgaben). Hier ist Differenzierung gefragt!

Faszination am Fach

Bei der Facharztwahl gibt es einige Faktoren zu berücksichtigen. Am wichtigsten ist es, deinem Interesse, deinen Neigungen zu folgen. Die meisten von uns werden ihr Fach ein Leben lang ausüben. Frage dich: Was fasziniert mich? Welche Fächer machen mir Spaß? Erinner dich hierfür zurück an die zahlreichen Praktika, Famulaturen, Blockkurse und die Tertiale im PJ. Frag dich außerdem: Welches Fach habe ich gerne gelernt? In der Lernphase für das zweite Staatsexamen bist du alle Fächer durchgegangen. Welche Pathologien, Diagnostik- und Therapiemaßnahmen haben dich in den Bann gezogen? Falls du dich gerade in einer Lernphase befindest, notiere dir in Stichpunkten Gedanken zum jeweiligen Fach. Du kannst später darauf zurückgreifen. Helfen kann auch, die Frage umzudrehen: Welche Fächer interessieren dich nicht? Nach dem Ausschlussprinzip kannst du eine Liste aller möglichen Weiterbildungen erstellen und Uninteressantes streichen. Du wirst sehen, wie die große Masse schnell schrumpft.

J.D. oder Turk? Innere Medizin oder Chirurgie?

Eine grundsätzliche Frage ist, ob und in wie weit du in deinem Fach chirurgisch tätig sein möchtest. Auch hier sind deine klinischen Erfahrungen gefragt. Arbeitest du gerne mit deinen Händen? Hältst du dich gerne im OP auf? Fühlst du dich der physischen Herausforderung durch bestimmte chirurgische Disziplinen gewachsen? Falls du diese Fragen mit Ja beantworten kannst, solltest du ein chirurgisches Fach in Erwägung ziehen. Falls du dich im klinischen Abschnitt des Studiums befindest, ist eine frühe Famulatur in der Chirurgie sinnvoll, um dir deine Entscheidung für oder gegen diesen Fachbereich zu erleichtern. Bedenke, dass auch in der Inneren Medizin die Hände nicht nur zum Tippen von Arztbriefen verwendet werden, sondern durchaus invasive Eingriffe durchgeführt werden, beispielsweise Organpunktionen. Diese sind jedoch bei weitem nicht so komplex und invasiv wie die Eingriffe in der Chirurgie, Urologie, Gynäkologie oder anderen Fächern.

Der Patient und die Beziehung zu ihm

Die Medizin verbindet Naturwissenschaft und Menschlichkeit, die Patienten stehen im Zentrum unserer Bemühungen. Stell dir die Frage: Welche Art von Patienten möchte ich betreuen? In der Inneren Medizin werden viele deiner Patienten älter als die Normalbevölkerung und multimorbide sein. In Fächern wie Neurologie, Urologie oder Gynäkologie betreust du ein breiteres Altersspektrum. Darüber hinaus können manche Patientengruppen durch die besondere Schwere ihrere Krankheit auch für dich eine psychische Belastung sein, beispielsweise kranke Kinder oder onkologische Patienten. Wie viel Patientenkontakt möchtest du? Welche Beziehung möchtest du zu deinen Patienten eingehen? Hier gibt es erhebliche Unterschiede je nach Disziplin und stationärem bzw. ambulantem Setting. 

In der Psychiatrie, Onkologie oder Allgemeinmedizin betreust du deine Patienten monate-, jahre- oder ihr ganzes Leben lang. Die Arzt-Patienten-Beziehung ist dort besonders intensiv. In der Inneren Medizin, Chirurgie, Neurologie und anderen Fächern pflegst du meist Kurzzeitbeziehungen für die Dauer des stationären Aufenthalts, wohingegen Disziplinen wie die Anästhesie, Radiologie oder Pathologie mit weniger Patientenkontakt auskommen. Ein Sonderfall ist die Pädiatrie. Arbeiten mit Kindern ist schön, aber oft auch anstrengend. Häufig können die Kleinen ihre Symptome nicht richtig erklären oder sich schreiend den einfachsten Untersuchungen verweigern. Außerdem sind neben dir und dem Kind auch die Eltern integraler Bestandteil der Arzt-Patienten-Beziehung. Manche Eltern können eine fantastische Unterstützung für dich sein, andere anstrengend, fordernd oder ihr Kind vernachlässigend. Liegt dir die Arbeit mit Kindern und ihren Eltern? Bringst du ausreichend Begeisterung und Geduld auf?

Persönlichkeit und Facharztwahl

Bei deiner spannenden Reise durch die Welt der Medizin hast du schon die merkwürdigsten Charaktere angetroffen: Die selbstverliebte Chirurgin, der schräge Psychiater, die entspannte Anästhesistin. Alles Klischees? Ja. Und Nein. Jedes Fach ist einzigartig, verlangt bestimmte Fähigkeiten und Charaktermerkmale. Bei der Frage, welcher Arzt du sein möchtest, kannst du dir also auch die Frage stellen: Welcher Mensch bin ich? In der Chirurgie ist schnelles und flexibles Denken und Handeln gefragt, insbesondere bei unvorhergesehenen Situationen im OP. In kurzer Zeit beseitigst du medizinische Probleme deines Patienten und siehst so schnell die Resultate deines Tuns. In der Inneren Medizin reizt die intellektuelle Herausforderung durch komplexe medizinische Probleme. Du triffst auf vielseitige Pathologien, musst durch kritisches Denken und Integration vieler Informationen zur richtigen Diagnose und Therapie gelangen. Dies sind nur zwei Beispiele dafür, dass bestimmte Fachrichtungen oft bestimmte Charaktere anziehen. Achte darauf, mit welchen Kollegen du dich gut verstanden hast bei deinen Klinikeinsätzen. Waren Ärzte dabei, die ähnlich ticken wie du? Verstehst du dich gut mit deinen Kollegen, wird dir das Arbeiten mehr Spaß machen und deine Patienten werden besser versorgt sein.

Setting

Dein Arbeitsalltag, die tägliche Routine unterscheidet sich je nach dem Ort, an dem du deinen Beruf ausübst. An einem Universitätskrankenhaus betreibst du Hochschulmedizin. Das Patientenkollektiv ist selektioniert und du behandelst auch seltene Erkrankungen. Lehre und Forschung werden einen wichtigen Platz in deiner Arbeit einnehmen. Letztere Aktivitäten finden - je nach Abteilung - auch an Lehr- oder Kreiskrankenhäusern statt, hier jedoch in kleinerem Maß. Die Erkrankungen repräsentieren eher den Durchschnitt der Bevölkerung und klinisch kannst du hier gut auf eine zukünftige Praxistätigkeit vorbereitet werden. War es schon immer dein Traum, dich selbstständig zu machen? Manche Disziplinen ebnen dir den Weg zur eigenen Praxis (z.B. Allgemeinmedizin), andere machen ihn hingegen unmöglich (Herzchirurgie).

Work-Life Balance

Die Wahl des Faches hat nicht nur Auswirkungen auf unsere Zeit während der Arbeit, sondern auch die davor und danach. Nacht- und 24-Stunden-Schichten, ebenso wie Rufdienste sind bei vielen chirurgischen und internistischen Disziplinen gängig. Fächer wie Radiologie, Dermatologie, Augenheilkunde oder Anästhesie hingegen haben geregeltere Arbeitszeiten. Das kann nicht nur für die Eltern unter uns einen wichtigen Faktor darstellen.

Gehalt

Das Gehalt während der Weiterbildung und bei weiterer Karriere am Krankenhaus ist tariflich geregelt und unterscheidet sich grundsätzlich nicht nach Disziplin, sondern nach Position, Dauer der Anstellung und Besonderheiten bestimmter Abteilungen. Bei den Gehältern der niedergelassenen Ärzte geht die Schere jedoch auf. Das Einkommen hängt neben unterschiedlichen Faktoren wie Größe von Praxis und Einzugsgebiet, Arbeitszeit etc. auch vom Fach ab. So beträgt der Reingewinn pro Jahr in Praxen für Neurologie pro Inhaber durchschnittlich 167.000 Euro, wohingegen ein Radiologe mit 373.000 Euro mehr als das doppelte verdient . Bedenke jedoch, dass auch Gebührenordnungen Veränderungen unterworfen sind. Daher sollten Verdienstmöglichkeiten insgesamt eine untergeordnete Rolle spielen. Deine Disziplin wird dich dein Leben lang begleiten und Geld allein macht bekanntlich nicht glücklich. Außerdem gehören Ärzte ohnehin zu den Besserverdienern in Deutschland. Entscheide dich lieber für die Fachrichtung, für die dein Herz am meisten schlägt.

Ich wünsche dir viel Erfolg und ein glückliches Händchen bei der Wahl deiner Weiterbildung. Bei Kritik, Fragen und Anregungen kannst du mich jederzeit unter benkhaled.najib@posteo.de kontaktieren.

Links/Tipps

  • The Undifferentiated Medical Student Podcast: Ein Medizinstudent aus den USA interviewt Ärzte aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen und bombardiert sie mit Fragen zur ihrer Disziplin und Karriere. Teilweise zugeschnitten auf die USA, daher sind nicht alle Inhalte übertragbar.
  • Schaue dich nach Veranstaltungen deiner Uni um zum Thema Berufswahl, beispielsweise das spannende Format Facharzt Duell an der LMU München.
  • Finde einen Mentor, mit dem du über deine Fragen und Vorstellungen reden kannst.
  • Gehe auf deine Ausbilder, Seminarleiter und Ärzte zu und stelle deine Fragen. Wieso haben Sie sich für Ihre Fachrichtung entschieden? Welche Faktoren spielten eine Rolle? Würden Sie es wieder tun?
  • Unterhalte dich mit deiner Familie, deinen Freunden und Kommilitonen. Sie kennen dich in manchen Punkten besser als du und können dir wertvolle Tipps geben.

Zum Autor: Najib Ben Khaled ist angehender Assistenzarzt in der Inneren Medizin. Aus zahlreichen Stationen im In- und Ausland hat er Tipps und Erfahrungen zur Facharztwahl zusammengetragen und sie für dich zusammengestellt.

 

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