• Bericht
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  • Anastasia Reich
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  • 09.01.2013
  • Rucksackcheck vor Einsatz - Foto: A. Reich

    Nach jedem Einsatz muss Sascha den Rucksack überprüfen und ggf. neu auffüllen. Alle Fotos: A. Reich.

     
  • Der Rucksack - Foto: A. Reich

    Der Rucksack - ein kleines Krankenhaus

     
  • Die Küche - Foto: A. Reich

    Die große Küche in der Feuerwehrwache.

     
  • Notfallwagen - Foto: A. Reich

    Der Wagen

     
  • Vorne im NEF - Foto: A. Reich

    Vorne im NEF dürfen nur der Fahrer und der Notarzt sitzen.

     
  • Aufenthaltsraum Stützpunkt - Foto: A. Reich

    Der Aufenthaltsraum im Stützpunkt

     

Hospitation beim Notarzt

Notfallmedizin fasziniert. Auf das Verhältnis durchgeführte Maßnahmen/verbrauchte Zeit bezogen, ist es vielleicht der intensivste medizinische Bereich. Viele Medizinstudenten träumen davon, mal Seite an Seite mit einem echten Notfallmediziner Menschen retten zu dürfen. Für Anastasia hat sich dieser Traum bereits verwirklicht.

 

Im Februar 2012 bin das erste Mal auf einem NEF* mitgefahren, wie jeder Novize mit riesengroßen Augen und pochendem Herzen. Inzwischen habe ich schon acht Hospitationen absolviert, von denen jede ganz einzigartig und nicht wie die anderen war. Zwischen der siebten und der achten lagen allerdings mehrere Monate Pause, sodass ich am abgesprochenen Tag schon mit zittrigen Knien zum Notarztstützpunkt fuhr.

Dort angekommen öffnet mir ein Feuerwehrmann, dessen Gesicht mir schon bekannt erscheint. "Hallo, ich bin Anastasia, ich fahre heute mit", - sage ich, während ich meinen Arm für den obligatorischen Handschlag ausstrecke. "Hey, grüß Dich, wir kennen uns doch schon!!", - kommt die Antwort. Tatsache! Mit diesem netten Kollegen bin ich ja wirklich bereits mitgefahren, aber es ist eine schöne Überraschung, dass er sich noch an mich erinnert.

Im Stützpunkt ist alles wie gewöhnt. Ich bin kurz nach sieben Uhr morgens da, weil die Mitfahrer auch die Auswechselzeiten von den Feuerwehrmännern haben (7.00 Uhr - 19.00 Uhr), im Gegenteil zu den Ärzten, die ihre Schicht um 8.00 oder um 16.00 anfangen. Im Tagdienst kann man so als Mitfahrer gleich zwei Ärzte kennenlernen.

Ich bin also schon vor dem Arzt der Tagesschicht da. Zeit, um sich umzuziehen, sich eine schicke Praktikanten-Jacke auszusuchen und dort schon mal das Desinfektionsmittel, das Stethoskop und den Stauschlauch zu platzieren. Kurz vor acht kommt die Ärztin, mit der ich heute als erstes mitfahren werde. Wieder eine Überraschung: Ein bekanntes Gesicht, wir hatten uns auf der ITS kennengelernt, wo sie mich die ersten zwei Wochen meiner Famulatur als erster Ansprechpartner betreut hatte. Wir kochen schon mal den ersten Kaffee und setzen uns an den Tisch. Der Feuerwehrmann Sascha macht in der Zeit den Wagen sauber und ordentlich, kriegt deshalb auch Kaffee mitgeliefert.

Kaum haben wir uns hingesetzt, kommt schon der Arzt von der Schicht davor runter und setzt sich zu uns. Er sieht sehr müde aus - kein Wunder nach 16 Stunden Arbeit. Die letzten acht Stunden zählen zwar nur als Bereitschaftsdienst, wenn man Pech hat, muss man sie aber auch durcharbeiten. Der Arzt trinkt auch seinen Kaffee und wir plaudern ganz entspannt, bevor der Tag anbricht.

 

Erster Einsatz des Tages

Kurz nach neun kommt aber schon der erste Alarm: Bei der Zwangsräumung einer Wohnung fanden die Beamten den Bewohner leblos vor, dies muss auch durch einen Notarzt dokumentiert werden. Unsere fröhliche Stimmung ist wie weggeblasen. Wir verabschieden uns vom Arzt aus der Nachtschicht und sitzen zwei Minuten später schon im Notarztwagen mit Blaulicht.

Vor Ort angekommen, ahnen wir schon, was auf uns zukommt: Eine verwahrloste Wohnung, die ja zwangsgeräumt werden musste. Doch die Realität sieht ganz anders aus: Die Möbel sind ganz ordentlich, es herrscht kein Chaos, an den Wänden hängen Bilder und - ein Weihnachtsmannanzug. Einer der Polizisten macht sofort die Bemerkung: "Na, seht Ihr, jetzt ist auch schon der Weihnachtsmann gestorben", aber nach derartig schwarzem Humor ist uns nicht zumute.

Vor dem Sofa im Wohnzimmer finden wir den ehemaligen Mieter, leblos. Die Ärztin weiß ganz genau, wie man nun vorgehen soll. Sie füllt den Totenschein aus, und ich soll ein EKG anlegen, damit wir die Nulllinie dokumentieren können.
Unsere Arbeit ist schnell getan. Wir verlassen die Wohnung und lassen die Polizisten ihren Part übernehmen. Auf dem Weg zum Stützpunkt herrscht erst mal angespannte Stimmung, so schwer liegt auf uns der erste Einsatz für heute.

 

Unspezifisches Symptom: Atemnot

Kaum von der Stelle losgefahren, werden wir erneut alarmiert: Diesmal erwartet uns ein Patient mit Atemnot. Dieses Alarmstichwort kann alles Mögliche in sich verbergen: Von einer Hyperventilation über eine COPD-Exazerbation bis hin zu einem Herzinfarkt. Durch den Funk erfahren wir, dass der Patient männlich und 69 Jahre alt ist. Alles klar, die Hyperventilation kann man erst mal ausschließen. Was wird es dann wohl sein?

In der Wohnung werden wir nicht nur von der Familie, sondern auch vom RTW** erwartet. Die Rettungsassistenten haben dem Patienten schon den Blutdruck und die Sauerstoffsättigung des Blutes gemessen, und geben ihm gerade Sauerstoff über eine Maske. Ich bringe die EKG-Klebchen an, wir wollen doch wissen, ob mit dem Herzen etwas nicht stimmt. Doch der Patient zittert so sehr, dass die Kurven kaum interpretierbar sind. Er beklagt aber keine starken Brustschmerzen, sodass die Ärztin von einer Heparin-Gabe zuerst absieht. Wir nehmen ihn aber mit ins Krankenhaus, denn so kann er kaum zu Hause bleiben.

 

Einsatz in der Bahnhofsmission

Unser nächster Alarm führt uns in eine Bahnhofsmission, wo gerade jemand umgekippt ist. Da wir nicht auf dem Stützpunkt sind, bekommen wir auch keinen Einsatzzettel, die Einzelheiten werden per Funk von der Leitstelle übertragen. Die Notärztin hört zu und füllt das Einsatzprotokoll aus, der Fahrer gibt in der Zeit Gas und schnellt den Wagen mit Blaulicht durch die überfüllten Straßen.

In der Mission erwartet uns eine riesige Schlange vor dem Eingang und innen auf der Treppe. Wir kämpfen uns durch ins 2. Obergeschoss, was manchmal nicht so einfach ist: Die Leute stehen sehr eng, und der riesige Medikamentenrucksack, den unser Fahrer trägt, sowie der sperrige Defi bei mir erleichtern uns den Weg nicht unbedingt.

Oben werden wir in das Zimmer geführt, wo unser Patient liegt. Diesmal sind nicht nur die Rettungsassistenten, sondern auch die Feuerwehrmänner von einem Löschfahrzeug da, die häufig als Tragehilfe gerufen werden, und kümmern sich bereits. Unser Patient ist kaum ansprechbar. Meine Aufgabe liegt wieder im EKG-Schreiben, einer der Rettungsassistenten hilft mir.

Als ich die Elektroden und die Kabel auspacke, wird der Patient bewusstlos, auch der Schmerzreiz auf dem Sternum wirkt nicht. Die Ärztin legt blitzschnell einen Zugang, lässt den Blutzucker bestimmen und hängt eine Elektrolytlösung auf. Die Feuerwehrmänner verlieren dabei keine Zeit mit dem Ausziehen des Patienten und schneiden sein Hemd einmal durch, damit ich die EKG-Klebchen anbringen kann.

Einer der Mitarbeiter von der Mission gibt der Ärztin eine Tüte, wo wohl auch einige Papiere unseres Patienten sein sollen. Schnell findet sie darin eine Einweisung ins Krankenhaus, Diagnose: Bradykardiebedingte Synkopen. Auf dem EKG finden wir keine Hinweise auf eine Ischämie, auch keine Bradykardie. Die Infusion hat dem Mann gut getan: Er macht die Augen auf, sodass die Ärztin ihm das weitere Vorgehen erklären kann: Er ist umgekippt, wir bringen ihn jetzt in das nächste Krankenhaus, er soll dort einen Herzschrittmacher bekommen. Nein, nicht das Haus, wo er mit der Einweisung hingehen sollte, das hat keine Notaufnahme. Wir fahren in die Uniklinik.

Im Wagen fragt die Ärztin, wen wir benachrichtigen sollen. Der Mann dreht den Kopf zur Wand, nein, er habe keine Angehörigen. Vom Mitarbeiter der Mission wissen wir aber, dass der Patient eine Frau und zwei Kinder hat, das sagt die Ärztin ihm auch. Der Mann schaut immer noch zur Wand, nein, sie könne keinen benachrichtigen, die Familie habe kein Telefon. Die Ärztin gibt nach. Vom Feuerwehrmann erfahre ich später, dass der Patient eine Gesundheitskarte mit dem Doktortitel vor seinem Namen hatte und im früheren Leben Rechtsanwalt gewesen sei. Wir spekulieren noch einen Moment, was ihm wohl widerfahren sein kann, warum er jetzt weit abseits dieser Welt lebt und keinen Kontakt zu der Familie haben will, kommen aber nicht weiter in unseren Vermutungen und lassen das Thema fallen.

 

Hypoglykämie

Es ist erst 11.20 Uhr und wir haben in dieser Zeit schon drei Einsätze gehabt, die nicht allzu einfach waren und vor allem mich sehr emotional beanspruchen. Wir hoffen diesmal den Stützpunkt für eine Pause zwischendurch zu erreichen, doch unsere Hoffnungen sind vergeblich: Der nächste Patient wartet, Stichwort Hypoglykämie.

Zum Glück gibt es im Haus einen Aufzug: Während einer gemütlichen Fahrt in das 4. Obergeschoss haben wir einen Moment Ruhe. In der Wohnung wartet ein ungefähr vierzigjähriger Mann schon auf uns. Er führt unsere kleine Truppe durch den langen Gang zu seinem Vater. Er sei ein Diabetiker und vor kurzen neue Medikamente verschrieben bekommen. Vor einer Stunde hat er angefangen, komisch zu zittern und nicht auf Ansprache reagiert. Als der Sohn die Geschichte erzählt, steht ihm gerade beim letzten Teil die Angst im Gesicht geschrieben: Wie wir später erfahren, ist seine Mutter an einem Schlaganfall gestorben, und er hat dieses Schicksal auch für den Vater befürchtet.

Im Zimmer am Ende des Ganges finden wir unseren Patienten (ein Blick auf die Gesundheitskarte, Jahrgang 1920!) und zwei Rettungsassistenten vom RTW vor. Die Jungs haben die Zeit, die sie dort verbracht hatten, auch gut genutzt: Der Blutzucker wurde gemessen und lag bei 72 mg/dl, daraufhin legten sie einen i.v.-Zugang und verabreichten 40 ml 20%-iger Glukoselösung. Dies berichten sie nun der Ärztin, zurecht stolz auf sich: Der Patient ist inzwischen wach und ansprechbar.

Es gibt für uns nicht mehr viel zu tun: Der RTW bringt den viel jünger als 92 wirkenden Mann in die Notaufnahme des nächsten Krankenhauses, dort soll die Medikation überprüft und angepasst werden.
Wir fahren zur Feuerwehrwache. Es ist schon 12.20 Uhr und alle freuen sich auf das Mittagessen.

 

Mittagessen? Nicht für Notfallmediziner!

Als wir auf der Wache sind, klingelt mein Handy. Ich gehe ran, halte mich aber kurz, denn ich habe auch Hunger. Hände gewaschen, gehe ich in die Küche, wo mich die himmlischen Düfte einer riesigen Pfanne mit Bolognese-Sauce begrüßen. Mit Spaghetti und der Sauce auf dem Teller gehe ich rüber in den Aufenthaltsraum, wo die übrige Besatzung unseres NEF schon das Mittagessen genießt und mit den Feuerwehrmännern plaudert.

Mein schlechtes Karma für diesen Tag hält aber an: Kaum will ich mich hinsetzen, heulen unsere Pieper wieder, wir müssen los. "Verdammt!", - denke ich nur und schaue auf das schöne Essen. Der Blick wird von den anderen wohl beobachtet: "Nimm Dir das Essen doch mit!", - sagt Sascha und reicht mit einen anderen Teller, groß genug, um als Deckel zu fungieren. "Na gut", - seufze ich und renne auch nach unten zum Wagen los.

Mein Magen knurrt, als der Wagen seinen Weg durch die vollen Straßen der Hauptstadt sucht. In einer betreuten Wohneinrichtung finden wir unseren Patienten, einen älteren Herrn, der auch Atemnot beklagt. In diesem Falle ist die Ursache der Beschwerden ziemlich eindeutig: Die COPD ist nicht zu überhören. Die Ärztin auskultiert die Lunge, ich auch. Deutliche Obstruktion macht sich in der Lunge breit. Die nächste Frage: "Rauchen Sie?" bringt als "Ja" keine überraschende Antwort hervor, ebenfalls wie die Anzahl der pack years. 20 Jahre lang soll unser Patient geraucht haben, circa anderthalb Päckchen am Tag. Schnell ein EKG geschrieben, um die kardiale Genese auszuschließen, überlassen wir den Mann den Rettungsassistenten, sie bringen ihn alleine ins Krankenhaus.

Zum vierten Mal machen wir uns auf den Weg zum Stützpunkt, wo ich auf mein Mittagessen hoffe, und zum vierten Mal vergeblich. Wieder eine Alarmierung auf dem halben Weg: Epileptischer Anfall. Der Einsatzort entpuppt sich als eine betreute Wohngemeinschaft und unser Patient als ein dreißigjähriger Mann mit Zustand nach frühkindlichem Hirnschaden. "Eine Epilepsie ist bei ihm bekannt", - sagt die WG-Leiterin, - "doch heute ist alles anders, er schreit immer wieder und reagiert nicht auf Ansprache". Wie eine Illustration ihrer Worte, überstreckt sich der Mann und stößt einen langen Schrei aus. Er muss auch ins Krankenhaus, die Betreuerin kommt mit. Unterwegs erzählt sie, dass unser Patient eigentlich ein ganz fröhlicher Mensch sei und immer in guter Stimmung, deshalb mache sie sich jetzt Sorgen, Wir versuchen, sie ein wenig zu beruhigen, und übergeben beide an das Notaufnahmepersonal.

 

NEF in der Werkstatt

Jetzt ist der Moment für mein Essen gekommen! Doch nicht, wir müssen ja noch in die Werkstatt … Beim Wagen ist ein Lichtscheinwerfer defekt, und so kann man unmöglich die Nacht durchfahren.

Auf dem Weg zur Werkstatt der Feuerwehr erzählt unser Fahrer ein wenig über ihren Aufbau und Struktur. Auf dem Gelände der Werkstatt stehen unzählige Feuerwehrfahrzeuge aller möglichen Sorten. Löschfahrzeuge, NEF, RTW, PKW, sie häufen sich auf den Wegen wie auch in den Werkhallen. Hinter den Reihen, diese graue Gebäude dort, das ist die Leitstelle. Dort sitzen die Kollegen, die die Arbeit der ganzen Feuerwehr der Stadt, auch unsere Einsätze, koordinieren.
Der Wechsel der "Glühbirne" dauert nicht lange, keine fünf Minuten später sind wir fertig. "Ich habe noch nie die Leitstelle gesehen", - sage ich so beiläufig und unverbindlich, wie es nur geht. Doch der Kollege erkennt meine Absicht: "Dort rechts ist sie doch, siehst Du?". Und als ich die Hoffnung aufgebe, fügt er hinzu: "Na los, lasst uns da rein gehen, wie kann es denn sein, dass Du noch nie da warst?" und wir steigen aus.

 

Die Leitstelle

Das Gebäude ist jedoch verschlossen und aufwendig abgesichert, deshalb darf ich auch keine Bilder innen machen. Wir finden jedoch einen Mitarbeiter, der uns hinein und in den großen Raum der Leitstelle führt, wo alle Telefonstricke der Notrufe zusammenkommen.

Er sieht aus wie ein großer Konferenzraum oder eine Bibliothekshalle. Unzählige Tische sind in die Reihen geordnet und ein Gang in der Mitte führt uns zu dem großen Tisch des Schichtleiters. Alle Mitarbeiter haben ihren Platz. Es sind nicht so viele, ungefähr die Hälfte der Stühle ist leer. Plötzlich findet unser Fahrer einen Kollegen, der früher in seiner Wache gearbeitet hat und vor einem Jahr in die Leitstelle wechselte. Nach einer Runde fröhlicher Begrüßungen sagt er auf einmal: "Du, hier ist unsere Praktikantin, kannst Du ihr etwas über die Leitstelle erzählen?"

Sofort beginnt die Führung: "Pass mal auf, hier, in den ersten Reihen vor dem Schichtleiter sitzen die Funkkoordinatoren. Die Stadt ist in mehrere Teile gegliedert, und jeder hat seinen Bezirk, wo er mit den Fahrzeugen per Funk kommunizieren kann. Hier in der Mitte, wo auch mein Platz ist, sind die Kollegen, die die Notrufe entgegennehmen und alle Daten in das System eintippen. Unsere Rechner übernehmen dann die Zuordnung der benötigten Fahrzeuge, wir wissen nicht, welcher RTW oder NEF dabei alarmiert wird, das errechnen die Computer. Hinten, an der Tür, sind die Mitarbeiter, die die Anrufe als erste entgegennehmen und zu uns weiterstellen. Und da oben, schaue mal, ist diese große Glaswand. Dahinter ist ein großer Aufsichtsraum. Sollte etwas schlimmes passieren, wie eine Naturkatastrophe zum Beispiel, nehmen dort die Leute Platz, die unser aller Arbeit koordinieren."

In derselben Zeit sehe ich, dass viele Anrufe auf dem Computerbildschirm aufleuchten und wieder verschwinden. Der Kollege merkt meinen Blick und reicht mir einen Telefonhörer, jetzt darf ich mitlauschen, wie so ein Anruf bearbeitet wird. Der erste Satz schon, "Wo genau ist der Notfallort?", lässt mich stauen, und ich frage, warum es die erste Information sein soll, nach der gefragt wird. Ganz einfach eigentlich, wenn es jemandem richtig schlecht geht und er gar nicht so viel Kraft hat, kann er doch schon am Anfang sagen, wo er sich befindet, und wir schicken jemanden hin. Tatsache, sehr logisch und gut durchdacht.

 

Hypoglykämie beim Notfallmediziner – ein Dauerzustand?

Nach der schönen, erlebnisreichen Führung schnellen wir zum Wagen. Es ist kalt draußen, und mein Essen ist inzwischen auch nicht mehr warm. Diesmal schaffen wir es sogar bis zum Stützpunkt, wo unsere Ärztin den Feierabend genießen kann, und ich mich mit dem Notarzt für den Spät- und Nachtdienst bekannt mache. Es ist gerade 16.00 Uhr, und ich habe immer noch nichts zu Mittag gegessen! Schnell, den Teller in die Mikrowelle, vier Minuten dürften reichen. Doch was? Gleichzeitig mit dem Signal der Mikrowelle ertönen schon wieder alle Pieper. Ich schnappe mir den Einsatzzettel und lese: Hypoglykämie. Hey, ist das nicht gerade auch mein Zustand?

Wieder rasen wir durch die Stadt. Unsere Patientin wartet in einem Pflegeheim. Als wir dort ankommen, sehen wir die RTW-Besatzung schon vor Ort. Sie hatten auch schon den Blutzucker gemessen, zu niedrig. Mit dem Zugang hat es diesmal nicht geklappt, sie geben der Dame etwas Apfelsaft zu trinken. Man sieht ihr an, dass es ihr nicht so gut geht, plötzlich erbricht sie im Strahl und dämmert schon weg.

Der Notarzt beeilt sich und legt im Nu einen Zugang in die Ellenbeuge. Keine Zeit, auf die Infusion zu warten, ich kriege eine 20-ml Spritze mit der Zuckerlösung in die Hand gedrückt und soll sie schnell verabreichen: "Du willst doch Ärztin werden!". Klar, will ich, und spritze die Lösung rein. Die Spritze wird erneut gefüllt und die nächsten 20 ml müssen nach. Das mache ich auch.

In der Zeit hat unser Fahrer schon den Infusionsbeutel mit der Leitung vorbereitet, dieser wird auch in Sekundenschnelle angeschlossen. Die zwei Spritzen scheinen der Patientin gut getan zu haben, sie öffnet wieder ihre Augen. "Wir müssen Sie jetzt ins Krankenhaus bringen!", - sagt ihr der Notarzt, die Dame nickt. Die Pflegerin bringt schnell die Mappe mit den Arztbriefen und macht sich an das Umziehen der Patientin, damit sie das Erbrochene nicht mit sich tragen muss. Ich schaue auch in den letzten Brief rein, laut der Medikamentenliste kriegt die Patientin Metformin, aber das macht doch keine Hypoglykämien? "Schau her", - sagt der Notarzt und tippt auf zwei Medikamentenamen ganz unten. "Insulin?" - "Ja, sogar zwei Mal, kurz- und langwirksames, siehst Du?". Alles klar, der gute Ruf des Metformins ist gerettet!

 

Vorfreude auf den nächsten Einsatz

Jetzt, wo die Hypoglykämie zumindest vorübergehend bekämpft ist, brauchen wir die Patientin nicht ins Krankenhaus zu begleiten. Wir machen uns auf den Weg zum Stützpunkt, wo ich - oh Wunder! - doch noch mein Essen warm machen und es genießen kann. Es war ein langer Tag, er ist aber schon wieder viel zu schnell vergangen.

Der nächste Mitfahrer kommt, und ich muss mich verabschieden. Es war ein wahrer abenteuerlicher Tag. Neben vielen fachlichen Erkenntnissen habe ich allerdings auch eine private davon getragen. Jetzt weiß ich nämlich ganz genau, dass auch ich ein Blaulicht-Gen besitze und früher oder später sagen will: "Guten Tag, ich bin die Notärztin".


 

Verwendete Abkürzungen:

*NEF: Notarzteinsatzfahrzeug, das Auto für den Notarzt. Nicht zu verwechseln mit NAW = Notarztwagen, der auch so groß ist wie ein RTW und Patienten transportieren kann. NEFs werden meistens in der Stadt betrieben, wo auch ein RTW vor Ort ist, und sind deshalb etwas kleiner. Sie haben am Bord nur einige Sitzplätze sowie einen großen Schrank, wo alle Utensilien, die man brauchen kann, gelagert werden.

**RTW: Rettungswagen, wird von zwei bis drei Rettungssanitätern belegt und als einziger alarmiert, wenn kein Notarzt-Stichwort in der Meldung vorliegt (zum Beispiel "plötzliche Bewusstlosigkeit", "heftiger Brustschmerz", "Atemnot" usw.). Die meisten gehören zur Feuerwehr, manche Organisationen, wie z.B. das Rote Kreuz oder die Bundeswehr, haben auch einen eigenen.

 

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