• Interview
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  • Ulrike Rostan
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  • 15.06.2009

Führen und fördern - ein Gespräch mit Chirurgin Dr. Barbara Kraft

Obwohl die Chirurgie längst keine reine Männerdomäne mehr ist, erreichen hier nur wenige Frauen eine Führungsposition. Die Chirurgin Dr. Barbara Kraft ist die erste chirurgische Chefärztin der Region Stuttgart. Ulrike Rostan sprach mit ihr über Frauen in der Chirurgie, weiblichen Führungsstil und Förderung von Weiterbildungsassistenten.

Dr. Barbara Kraft - Foto: Bethesda Krankenhaus Stuttgart

Dr. Barbara Kraft

>Sie sind die erste chirurgische Chefärztin in der Region Stuttgart. Ist Ihnen das bewusst und sind Sie stolz darauf?

Ja, das ist mir schon bewusst und ich bin auch ein bisschen stolz darauf, klar. Für eine Frau ist es ist doch immer noch etwas schwerer, in diese Position zu kommen. Und es bedeutet doch einiges an Vorarbeit und Vorleistung, dorthin zu kommen. Jahre, in denen man Entbehrungen in Kauf nehmen muss.

>War dieser Karriereschritt von der Oberärztin zur Chefärztin ein kleiner oder ein großer Schritt für Sie?

Das war ein großer Schritt und vom Alter her - ich bin jetzt 51 - der letzte Zeitpunkt, so etwas überhaupt anzugehen. In der vorherigen Klinik habe ich fast 20 Jahre gearbeitet und bin natürlich mit allen Abläufen und dem ganzen Personal vertraut gewesen. Hier leite ich jetzt eine Abteilung, die praktisch von Null aufgebaut wird. Also insofern war das für mich ein großer Schritt und ich bin glücklich darüber, dass ich das geschafft habe.

>Sind Sie ein Vorbild für andere Frauen?

Ja, mit Sicherheit. In meiner alten Klinik war ich zum Beispiel als leitende Oberärztin ein Vorbild für einige Assistentinnen. Auch hier in der Klinik habe ich einige weibliche Mitarbeiterinnen, die es sicher motiviert zu sehen, dass man es in der Chirurgie zu etwas bringen kann. Und ich bin vielleicht auch Vorbild für meine Tochter, die jetzt im zweiten Semester Medizin studiert.

>Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Führungskräften?

Ich selbst habe nur unter männlichen Führungskräften gelernt. In meiner Assistenzarztzeit haben mich männliche Oberärzte angeleitet und ich habe auch nur männliche Chefs gehabt. Sie haben es vielleicht der Stuttgarter Zeitung entnommen, das war mein Vater und Herr Professor Bittner.

 

Dr. Barbara Kraft am Ultraschall - Foto: Bethesda Krankenhaus Stuttgart

In ihren Anfängen war Dr. Kraft die einzige Frau in der Abteilung, heute bewerben sich bei ihr mehr Frauen als Männer auf eine ausgeschriebe Stelle.

>Machen Sie als weibliche Führungskraft etwas anders?

Ich denke schon, dass ich mich in meiner Führungsrolle als Frau etwas von den Männern unterscheide. Uns Frauen werden andere Eigenschaften nachgesagt. Wir haben mehr Einfühlungsvermögen, uns in die Wünsche und Belastungen der Assistenten eindenken und einfühlen zu können. Insgesamt sind wir Frauen nicht so hart und nicht ganz so streng und fragen auch mal nach, warum ein Assistent etwas nicht schafft. Während die männlichen Führungskräfte in dieser Situation eher von oben herab diktieren.

>Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie schreibt, dass sie Frauen fördern würden und dafür sorgen möchten, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Sehr lobenswert, doch der Grund für diesen Vorstoß liegt letztendlich im Nachwuchsmangel oder wie sehen Sie das

Sie haben sicherlich Recht, dass man sich jetzt mehr auf die Frauen stürzt, liegt natürlich zum einen am Nachwuchsmangel. In der Chirurgie zeichnet er sich schon eine Weile ab. Die Chirurgie hat vielleicht früher mehr Renommee gehabt. Heute erkennen die Medizinstudentinnen und -studenten, dass die Chirurgie wenig Freizeit lässt und sowohl körperlich als auch psychisch anstrengend ist. Zum anderen liegt es aber auch daran, dass der Anteil an Medizinstudentinnen immer höher wird. Das hat sich inzwischen auch in die Assistenzarztzeit fortgesetzt. Während ich früher, als ich angefangen habe, nur männliche Vorgesetzte und Kollegen gehabt habe, haben sich jetzt auf die kürzlich ausgeschriebenen Assistenzarztstellen fast nur Frauen beworben!

 >Wie kann man Frauen dazu ermuntern, in die Chirurgie zu gehen?

Nun, wir müssen die Frauen genauso ermuntern wie die Männer. Angehende Chirurgen möchten natürlich gefördert werden, das heißt, sie möchten möglichst viel im OP sein. Frauen sollten also gleich behandelt werden wie die Männer, indem man sie gleich viel operieren lässt. Dann haben die Frauen rein herkömmlich mehr Nebenjobs, die sie bewältigen müssen als die Männer. Das scheint sich zwar auch zu wandeln, doch größtenteils müssen noch die Frauen schauen, wie sie Kind, Familie und Beruf vereinbaren. Dafür müssen Lösungen gefunden werden.

>Glauben Sie tatsächlich an familienfreundliche Arbeitszeiten in der Chirurgie?

Das ist tatsächlich sehr, sehr schwierig. Die Ausbildung leidet schon jetzt stark unter der Arbeitszeitregelung, weil die Kontinuität fehlt. Denn Assistenten dürfen vor und nach ihrem Nachtdienst, der von 16 Uhr bis zum nächsten Morgen dauert, nicht arbeiten. Wenn sie einen Dienst in der Woche haben, fehlen sie zwei Tage in der Woche und sind nur noch drei Tage für den OP und die Station frei. Wenn wir nun in dieser Situation versuchen, Frauen mit kleinen Kindern von Diensten und Arbeitszeiten zu entlasten, wird das für die Ausbildung zum Problem. Und für die Frauen ist es eine Gratwanderung zwischen den Interessen. Einerseits möchten sie operieren, etwas lernen und kontinuierlich im Arbeitsbetrieb dabei sein und zum anderen brauchen sie für die Familie Zeit. Bisher sind die Frauen in der Chirurgie meist kinderlos. Fast alle, die auch weiterkommen und die ich bisher erlebt habe, haben keine Kinder.

>Wie war das bei Ihnen?

Als ich in der Chirurgie angefangen habe, war die jüngste meiner drei Kinder gerade mal zwei Jahre alt. Daher wollte ich mit einer Teilzeitstelle anfangen, was sich als nicht durchführbar erwiesen hat. Ich hätte um 12 Uhr Mittags gehen müssen und das war absolut unmöglich, sodass ich rasch auf Vollzeit umgestiegen bin. Eine Kollegin hat das anders gelöst: Sie arbeitet nur jeden zweiten Monat und dann aber voll - das ist sicherlich die bessere Lösung für chirurgische Assistenten. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist eine bessere Kinderbetreuung.

>Mit der Kinderbetreuung sieht es noch mau aus. Gibt es an Ihrer Klinik Kinderbetreuung?

Nein. Und wenn, dann wäre es sinnvoll, die Kinder tatsächlich in der Klinik zu betreuen, damit die Zeit für die An- und Abfahrt entfällt. Es wäre ideal, wenn es hier einen Kinderhort gäbe, wie es manche Kliniken anbieten.

>Woran muss man Spaß haben um in der Chirurgie glücklich zu werden?

Wer es in der Chirurgie zu etwas bringen möchte, sollte Spaß am handwerklichen Arbeiten haben, entscheidungsfreudig sein und gerne Menschen betreuen und ihnen helfen wollen.

 

Dr. Barbara Kraft im Patientengespräch - Foto: Bethesda Krankenhaus Stuttgart

Angehende Chirurgen und Chirurginnen sollten nicht nur gerne
operieren, sondern auch Menschen betreuen wollen. 

>Können Studenten schon in der Vorklinik feststellen, ob sie sich für das Fach eignen?

Nein, ich denke, sie können erst später während der Praktika feststellen, was ihnen liegt und gefällt.

>Wann sollten sich Medizinstudenten idealerweise für eine Facharztrichtung entscheiden?

Meiner Erfahrung nach entscheiden sich die meisten erst während ihres praktischen Jahres. An dieser Stelle müssen wir chirurgischen Kliniken uns ermahnen! Wenn wir Assistenten gewinnen möchten, müssen wir den Studenten im PJ zeigen, dass die Chirurgie Spaß machen kann.

>An dieser Stelle passt das Zitat einer jungen Chirurgin aus der aktuellen "Neon". ‚Vor zwei Jahren hatte ich das Problem, dass ich Angst vor der Verantwortung hatte. Jetzt ist mein Problem, dass ich kaum Verantwortung habe. Ich mache hauptsächlich Stationsdienst und bürokratische Tätigkeiten und komme nicht in den OP.' Da läuft doch etwas schief?

Ja, die Bürokratie hat in den letzten Jahren zugenommen. Das liegt aber weniger an den Ärzten und den Chirurgen, sondern an den ganzen Verwaltungsaufgaben, die zu leisten sind. Es ist zwar vieles entwickelt worden, was die Bürokratie vereinfacht, doch die Patienten sind heute nur noch halb so lang im Krankenhaus wie früher. Das heißt, dass den Kollegen für mehr bürokratische Arbeit weniger Zeit zur Verfügung steht.

>Dabei bleibt die Weiterbildung auf der Strecke. Weiterbildungsassistenten aller Fächer sagen unisono, dass keine Weiterbildung mehr stattfinde. Ist das nicht eine dramatische Entwicklung?

"Findet nicht statt" ist sicherlich etwas übertrieben. Aber ich sehe mich im Moment schon auch in dem Konflikt hier in meiner neuen Abteilung, dass die Kollegen ihre bürokratischen Dinge erledigen müssen und natürlich auch in den OP sollen, um dort etwas zu lernen. Das ist eine Gratwanderung, weil wir dafür wiederum zu wenig Personal haben. An Unikliniken sind die Personalschlüssel noch etwas großzügiger. Doch in einer kleineren Klinik ist das Personal immer so knapp, dass die Kollegen schauen müssen, überhaupt die Zeit für den OP zu haben.

>Damit bleibt doch auch eine Lehrkultur auf der Strecke.

Das muss nicht sein. Im OP ist im Allgemeinen genügend Zeit, sich über die Operationsmethode zu unterhalten, die einzelnen Organ- und Gefäßstrukturen zu besprechen und eigentlich immer eine kleine Lernstunde daraus zu machen. Darum sollten sich Chefs und Oberärzte bemühen.
Die Laparoskopische Chirurgie, eine Spezialität unserer Klinik, ist dafür ganz besonders geeignet, weil auch der ursprüngliche Hakenhalter, in dem Fall ja der Kamerahalter, alles über den Bildschirm wunderbar verfolgen kann. Und nicht nur er, alle im OP sehen deutlich mehr. Da liegt es schon am entsprechenden Operateur, auch zu erklären und nicht nur vor sich hinzuoperieren und zu schimpfen, wenn die Kamera nicht richtig gehalten wird. Ich habe dann den besten Kameraassistenten, wenn er versteht, was ich mache. Letztendlich profitieren beide davon. Er lernt etwas und ich habe den besseren Kameramann oder - frau.

>Was raten Sie Frauen, die wie die junge Kollegin in der Neon auf der Stelle treten, weil sie nicht gefördert werden?

Ich denke, dass sie als allererstes das Gespräch mit dem zuständigen Oberarzt oder dem zuständigen Chef suchen muss. In einem größeren Apparat kann es vielleicht schon vorkommen, dass der Vorgesetzte die Probleme gar nicht richtig bemerkt und dass einige von den Assistenten verkümmern. Das ist natürlich traurig, doch ich würde nicht primär bösen Willen unterstellen. Wenn die Vorgesetzten dann überhaupt nicht zugänglich sind, haben die Assistenten heutzutage die Möglichkeit, sich nach einer anderen Stelle umzuschauen, auf der sie besser gefördert werden.

>Worauf achten Sie bei der Einstellung von Assistenzärzten?

Gerade jetzt habe ich mehrere Einstellungsgespräche gehabt. Ich lege auf die Abschlusszeugnisse Wert und was der Kollege vorher schon gemacht hat. Dann müssen die Bewerber die ganzen Interessen haben, die ich schon erwähnt habe, handwerkliches Interesse und eine gewisse Zähigkeit. Sie müssen bereit sein, auch mal Überstunden zu machen, wenn es einem Patienten gerade schlecht geht. Das Handwerkliche allerdings kann jeder lernen, wenn er motiviert und interessiert ist. Ganz entscheidend ist für mich neben dem Interesse und Engagement für die Chirurgie, wie der Bewerber im Team ankommt. Das heißt, alle, die sich bei mir vorstellen, hospitieren mindestens einen oder zwei Tage bei uns in der Klinik. Ich ermuntere sie, mit allen ins Gespräch zu kommen, sowohl mit den Pflegekräften und Kollegen als auch den Kollegen anderer Abteilungen. Die Interessenten sollen schauen, ob sie in diesem Team Spaß hätten und ich frage hinterher meine Mitarbeiter, was sie von dem Kollegen halten. Vor allem das Team muss harmonieren.

>Was können Sie Frauen raten, die auch in eine Führungsposition gelangen möchten?

Der größte Hinderungsgrund für eine Führungsposition war bei mir meine fehlende Habilitation. Auf die habe ich zugunsten meiner Kinder verzichtet. Dafür ist mein Operationskatalog sicherlich doppelt oder dreimal so groß wie der von vielen Bewerbern, die sich mit Habilitation um so eine Stelle bemühen. Doch die Habilitation ist für die Chefposition in vielen Kliniken Voraussetzung. Wenn jemand also von vorneherein eine Führungsposition anstrebt, sollte er oder sie für ein paar Jahre an die Uniklinik gehen.

>Ihr Abschlussresümee?

Wenn Studentinnen wirklich Familie und Beruf vereinbaren möchten, sollten sie ihre Kinder bereits während dem Studium oder kurz danach bekommen. Ich habe das erste Kind während des Studiums bekommen und die anderen beiden direkt hinterher. Im Nachhinein war das für mich ideal. Ich sehe das jetzt im Vergleich zu vielen Kolleginnen, die keine Zeit mehr für Kinder haben, wenn sie erst einmal die berufliche Karriere begonnen haben. Wenn dann das Karriereziel erreicht ist, merken viele doch schmerzlich, dass die Familie fehlt. Ich bin sehr glücklich darüber, dass es bei mir ungeplant anders gekommen ist. Auch in meiner Position jetzt ist die Familie ein ganz, ganz wichtiger Halt.

Frau Dr. Kraft, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.

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Bethesda Krankenhaus Stuttgart

 

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