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  • Thomas Krimmer
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  • 20.06.2018

Punkte, Punkte, Punkte sammeln: Wie man ganz schnell ganz schlau wird

Arzt zu sein bedeutet lebenslanges Lernen. Kongresse, Fortbildungen, Punkte sammeln – der kleine Unfallchirurg erzählt,...

Die Facharztausbildung in Deutschland dauert je nach Fachgebiet fünf bis sechs Jahre. Für kleinere Fächer wie Augenheilkunde oder HNO genügen fünf Jahre, bis man alles weiß. Internisten lernen sechs Jahre bis sie zur Facharztprüfung antreten dürfen; sind am Ende aber auch viel schlauer als (fast) alle anderen. Chirurgen brauchen meist sechs Jahre oder länger, etwa wenn noch Zusatzweiterbildungen anstehen; sie müssen zugegebenermaßen aber auch viel üben. Operieren üben.


Wer zwei linke Hände hat, sollte besser etwas anderes machen, beispielsweise Radiologie. Obwohl der moderne Radiologe heutzutage nicht nur Fotos knipst und später seinen Senf dazu gibt, sondern auch interventionell tätig ist. Aber zumindest muss man nicht jeden Tag Haare waschen. Weil man ja die meiste Zeit im Dunkeln sitzt. Und auch die anderen kann man öfter mal im Dunkeln tappen lassen. Spontan fällt mir da folgender Befundtext ein: „Eine Fissur in der proximalen Tibia kann nicht mit letzter Sicherheit völlig ausgeschlossen werden“. Aha. Kann man irgendetwas in der Medizin mit letzter Sicherheit völlig ausschließen???


Aber zurück zum Thema. Auch nach der Facharztprüfung dürfen die kleinen grauen Zellen noch lange nicht in Rente gehen. Regelmäßige Fortbildungen sorgen dafür, dass sich auch die Synapsenverbindungen der Ärzteschaft immer schön weiterbilden und nicht etwa vorzeitig ihren Dienst einstellen.
Es gibt sogar eine ärztliche FortbildungsPFLICHT. Und als Belohnung Fortbildungspunkte auf dem Fortbildungspunktekonto der zuständigen Ärztekammer. Toll! Das ist fast so wie damals in der Grundschule mit dem Fleißbienchen im Hausaufgabenheft.


Fortbildungstechnisch gesehen gibt es klinik- bzw. abteilungsintern ab und an Journal Clubs, in denen sich die Anwesenden die neuesten Erkenntnisse mehr oder weniger regelmäßig gegenseitig präsentieren. Also die Neuigkeiten, die diese zuvor in hochrangigen Fachzeitschriften („Journals“) veröffentlicht haben. Sonst wüsste ja niemand davon.


Gemeint ist also nicht der Kollege auf der Station nebenan oder obendrüber, sondern auch der von weiter weg. Sonst könnte man sich‘s ja auch direkt erzählen und müsste nicht noch andere damit belästigen. Tut man aber - denn klappern gehört bekanntlich zum Handwerk. Und deshalb heißt‘s „Journal Club“. Logisch, oder? Und wenn jeder ganz alleine in seinem Labor vor sich hin pipettieren würde, ohne jemandem etwas davon zu sagen, würde Forschung wahrscheinlich auch nur halb so viel Spaß machen.

Damit man also weiß, wie die Kollegen aussehen, von denen man bisher so viel gelesen hat, finden große Kongresse statt; meistens jährlich. Da sieht man nicht nur neue Gesichter und alte Bekannte, sondern auch alle wieder, die man eigentlich gar nicht mehr sehen wollte - und tut so als würde man sich freuen. Und eigentlich freut man sich ja auch; vor allem auf die lange Autofahrt mit den Kollegen vom Klinikparkplatz in Kleinkleckersdorf in die große weite Welt hinaus. Und auf den gemeinsamen Hotelaufenthalt. Das ist ein bisschen so wie früher auf Klassenfahrt in der Jugendherberge, inklusive heimlichem Alkohol- und Tabakkonsum und dann mal gucken was der Abend noch so mit sich bringt… Natürlich gibt’s auch lecker Essen und nicht zu vergessen, spannende Neuigkeiten aus der Welt der Wissenschaften.


Zwischen Journal Club und Kongress werden je nach Fachgebiet weitere Kurse wie ATLS, Notarzt-, Sonografie, Facharzt- oder AO Kurse angeboten. Entweder von den Fachgesellschaften oder von irgendjemandem, der eine profitable Marktlücke dafür entdeckt hat. Jedenfalls muss das Ganze am Ende Hand und Fuß haben, damit es von der Ärztekammer als Fortbildungsveranstaltung akzeptiert wird.
In oben erwähnten Kursen lernt man zum Beispiel wie man sonographisch erfolgreich auf Organsuche geht oder Notfallmedizin und Schockraummanagement so betreibt, dass niemand unnötigerweise verstirbt. Oder man lässt sich von jemandem, der’s schon mal gemacht hat, zeigen, wie man zerbröselte Knochen wieder zusammenschraubt.


Hierzu fällt mir noch der nicht ganz ernstgemeinte Ratschlag eines erfahrenen Oberarztes ein, was man auf die Patientenfrage hin: "Wie oft haben Sie das denn schon operiert?“ antworten könnte. „Sagen Sie nicht: Äh, noch gar nicht...aber ich hab's mir schon mal auf YouTube angeschaut. Besser wäre: Wie oft ICH diese OP durchgeführt habe, kann ich nicht an ZWEI Händen abzählen. Dann müssen Sie zumindest nicht lügen!“
Eine Fortbildungsveranstaltung zu besuchen wäre jedenfalls schon mal ein guter und ernstgemeinter Anfang 😊

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