• Interview
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  • Victoria Ziesenitz
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  • 14.09.2009

Neue Wege in die Allgemeinmedizin

Das Kompetenz-Zentrum Allgemeinmedizin Baden-Württemberghat ein Weiterbildungsprogramm mit einer besseren Vernetzung von Ausbildung in Klinik und Praxis für die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner entwickelt. In Zeiten des Hausärztemangels sollen so mehr junge Allgemeinmediziner ausgebildet werden. Victoria sprach mit Marco Roos, Assistenzarzt an der Universität Heidelberg, der die Weiterbildung in der Region koordiniert, über die Entwicklung und Umsetzung des Konzepts.

> Victoria Ziesenitz: Wie ist die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner geregelt?

Marco Roos: Die Weiterbildungsordnung der Ärztekammer schreibt eine 72-monatige Weiterbildung vor. Hierbei entfallen 36 Monate auf die stationäre Innere Medizin und 24 Monate auf die Allgemeinmedizin. 12 Monate der 36 Monate stationäre Zeit können in anderen Fächern, beispielsweise Pädiatrie, Gynäkologie, HNO, etc. abgeleistet werden, 6 Monate (von 24 Monaten der Allgemeinmedizin) können in der Chirurgie abgeleistet werden.

Bislang hatten junge Ärzte mit dem Berufsziel "Allgemeinmediziner" in den Kliniken deutlich schlechtere Einstellungschancen als Berufsanfänger anderer Fachrichtungen wie Innere Medizin oder Chirurgie. Assistenzärzte in der Allgemeinmedizin benötigten durchschnittlich mehr Zeit für Ihre Weiterbildung. Sie wurden außerdem sowohl in Klinik als auch Praxis im Durchschnitt schlechter bezahlt.

 

> Was war Ihre Intention bei der Entwicklung des Weiterbildungsnetzwerks?

Wir wollten die Weiterbildung Allgemeinmedizin deutlich attraktiver gestalten. Unser Ziel war es, für eine kontinuierliche, straffe Rotation durch die relevanten Fachgebiete zu sorgen. Die Vergütung der Weiterbildungsassistenten während ihrer Klinik- und während ihrer Praxiszeit sollte auf das Niveau der Assistenten anderer Fachgebiete angehoben werden.

 

> Wie ist das Weiterbildungskonzept aufgebaut?

Das Kompetenz-Zentrum Allgemeinmedizin Baden-Württemberg ist der Ansprechpartner für die Koordination der Rotationspläne. Die Verbundweiterbildung-Plus hat im Januar 2009 zunächst mit 12 Stellenangeboten begonnen.

Aufgabe des Kompetenzzentrums ist es, die Weiterbildung Allgemeinmedizin besser inhaltlich zu strukturieren und zu koordinieren und dadurch den Assistenten einen kontinuierlichen Ablauf in ihrer Weiterbildung zu gewährleisten. Bisher sind 14 Weiterbildungsverbünde in unserem Netzwerk organisiert.

In unserem Modell haben wir je nach Region spezifische Rotationspläne, die sich in Fächern und Schwerpunkten unterscheiden. In die Rotationspläne wurden sowohl niedergelassene Ärzte als auch Kliniken miteinbezogen. Die Rotationspläne sehen vor, dass zunächst die Ausbildung in der Klinik, und dann die Ausbildung in der Praxis erfolgt. Während der klinischen Ausbildung sollte bereits der Kontakt zum späteren niedergelassenen Ausbildungsarzt hergestellt werden.

Mit unseren Rotationsplänen sind wir selbstverständlich an die Weiterbildungsordnung gebunden, allerdings gibt es innerhalb der Weiterbildungsordnung noch einen gewissen Spielraum für die speziellen Fachinteressen der Assistenten.

Seit Januar 2009 konnten wir bisher 52 Weiterbildungsstellen in Baden-Württemberg mit einem festen Rotationsplan verbinden. Die Stellen verteilen sich auf ganz Baden-Württemberg. Auch zukünftig können wir weiteren Bewerbern je nach ihren persönlichen Interessen und Zielen Stellenangebote machen. In Heidelberg ließen sich beispielsweise Weiterbildung mit Forschung beziehungsweise einer Dissertation verbinden.

Bereits einmal konnten wir die Weiterbildungsassistenten aus den verschiedenen Weiterbildungs-Kliniken für eine fächerübergreifende Weiterbildungsveranstaltung einladen. In Zukunft werden weiter Veranstaltungen angeboten. Inhalte werden beispielsweise Dokumentation und Formularwesen sein. Ein "Crashkurs Betriebswirtschaftslehre" wird auch dazugehören, da betriebswirtschaftliche Inhalte für eine spätere Niederlassung essentiell sind.

 

> Warum haben Sie sich für die Allgemeinmedizin entschieden?

Mein Interesse an der Allgemeinmedizin entstand schon recht früh im Studium. Während der klinischen Semester fand ich viele Fächer interessant, die Chirurgie, weil sie klar und zielgerichtet ist, die Innere Medizin, weil man dort einen Gesamtüberblick über Krankheiten und Organsysteme erhält. Außerdem spielt für mich bei der längerfristigen Betreuung eines Patienten ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis eine bedeutende Rolle. Die Bandbreite der medizinischen Betreuung in der Allgemeinmedizin hat für mich einen sehr hohen Stellenwert.

Die derzeitige Entwicklung des Hausarztmangels zeigt, dass die Politik den Sektor der Primärversorgung stärken muss. Dabei spielen auch wirtschaftliche Aspekte eine Rolle, denn immer weniger Arbeitende müssen die immer älter werdende Bevölkerung versorgen. Hier besteht für die Politik erheblicher Handlungsbedarf.
Das "Arbeitsfeld Allgemeinmedizin" unterzieht sich einem starken Wandel. Das sehe ich als Chance für die Weiterbildung.

 

> Gibt es auch schon Verbesserungen, die im PJ greifen? 

Wir setzen uns für ein besser strukturiertes Wahltertial "Allgemeinmedizin" ein. In der Vergangenheit herrschte in der Ausbildung beim Übergang vom Studium ins Berufsleben immer eine gewisse Lücke zwischen Examina und dem Berufseinstieg. Wir möchten, dass die PJler praxisbezogener ausgebildet werden. Derzeit erstellen wir ein PJ-Logbuch, in dem wir die Ausbildungsinhalte vorgeben. Der Vorteil eines Tertials in der Allgemeinmedizin ist die 1:1-Betreuung und das ständige Feedback durch den Ausbilder.

Während meines eigenen Tertials in einer allgemeinmedizinischen Praxis habe ich nach einer kurzen Einarbeitungsphase immer mehr Aufgaben eigenverantwortlich übernehmen dürfen. Wir wünschen es uns auch bei den zukünftigen PJlern, da diese Arbeitsweise ihre Selbstständigkeit und Eigenverantwortung stärkt.

Der Unterricht in Allgemeinmedizin, der in Vorklinik und Klinik stattfindet, soll darüber hinaus gestärkt werden. Dazu nutzen wir die Möglichkeit die Allgemeinmedizin in vielen Einzelbereichen im Studium hervorzuheben.

 

> Vielen Dank für das Interview!

 


 

Weiterführende Informationen

Homepage des Kompetenz-Zentrums Allgemeinmedizin Baden-Württemberg:

http://www.kompetenzzentrum-allgemeinmedizin.de/

 

Detaillierte Informationen zu Weiterbildungs-Assistentenstellen und zu den Weiterbildungsverbünden:

http://www.weiterbildung-allgemeinmedizin.de/

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