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  • 04.09.2017

Ein Ende mit Schrecken

Nach einigen Wochen in der Gynäkologie und Unfallchirurgie bin ich nun auf Station im Verbrennungszentrum und den OP-Sälen der Plastischen, Hand- und Wiederherstellungschirurgie. Wer dabei ausschließlich an Brustimplantate, Face Liftings und Nasenkorrekturen denkt, hat sich kräftig geschnitten. Stattdessen mache ich die Narkosen von Verbrannten und Patienten, die sich zum Beispiel aus Versehen mit einer Kettensäge ein paar Finger abgesäbelt haben. Hinter den verschiedenen Operationen stecken meist hammerharte Schicksale.

So betreute ich kürzlich einen Patienten, der sich bei der Explosion seines Motorbootes im Urlaub in Italien schwerste Verbrennungen zugezogen hatte. Das Boot sollte eine Überraschung für die Frau und seine zwei Kinder sein. Nach dem großen Knall schwammen alle Vier schwer verletzt an Land und werden nun auf der Intensivstation betreut. Der Verbandswechsel findet meist im OP statt. Bei 36° und 40% Luftfeuchtigkeit werden Hautnekrosen abgetragen und die freien Flächen durch Spalthaut von noch intakten Körperstellen ersetzt. Ich kann euch sagen: Das ist kein schöner Anblick.

Nach ein paar Tagen habe ich mich aber fast daran gewöhnt und arbeite sehr gerne in dieser hoch speziellen Abteilung. Die Patienten sind schwer krank und wir können ihnen durch sorgsame OPs und gute Schmerztherapie wirklich helfen. Für eine junge Frau allerdings kam an einem schwülen Freitagnachmittag jede Hilfe zu spät. Der Hubschrauber brachte sie direkt ins Verbrennungszentrum, nachdem sie sich in suizidaler Absicht mit Benzin übergossen und angezündet hatte. An die 90% ihrer Körperoberfläche waren hochgradig verbrannt, sie erreichte die Klinik bereits intubiert und beatmet.

Auch wenn es sich bei so schweren Verbrennungen um eine infauste Prognose handelt, versuchen wir immer alles, um die Patienten zu retten. In einem speziellen Saal mit einer großen Badewanne aus Metall werden dann die Hautfetzen vom Körper abgeschrubbt. Ich kann fast von Glück sagen, dass genau diese Maßnahme zeitlich in den Dienst gefallen ist und ich hier keine Narkose machen musste. Denn ich kann mir kaum etwas Schrecklicheres vorstellen, als einer total verbrannten Frau die letzten Hautfetzen abzuschrubben.

Aber wer weiß, vielleicht erwischt mich schon nächste Woche ein ähnlicher Fall. Denn auch solche Erfahrungen gehören in der Medizin dazu. Gleich am Montag danach erkundige ich mich nach besagter Patientin: Die Verbrennungen waren zu schwer, sie hat es nicht geschafft und verstarb verbunden und unter adäquater Schmerztherapie kurze Zeit nach dem Suizidversuch auf der Intensivstation.

 

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