• Blog
  • |
  • Karla
  • |
  • 18.09.2017

Verdacht auf Lungenarterienembolie

© beerkoff - Fotolia.com

Es sollte eigentlich eine komplikationslose Narkose für einen hochelektiven Eingriff werden. Die Patientin hatte nach einer Magenband-OP vor mehreren Jahren deutlich an Gewicht verloren und quälte sich nun mit einem extremen „Hängebusen“. Daher entschied sie sich für eine umfangreiche Bruststraffung und kam extra aus Norddeutschland angereist, um sich von unseren plastischen Chirurgen operieren zu lassen. 

Kurz bevor die Patientin in der Schleuse eintraf, überprüfte ich das entsprechende Prämedikationsprotokoll auf für die Narkose relevante Vorerkrankungen und Allergien. Mit Ausnahme einer nicht aktiven Multiplen Sklerose (MS) und einer Schilddrüsenfunktionsstörung war die Patientin fit, sodass einer intravenösen Anästhesie mit endotrachealer Intubation nichts weiter im Wege stand. Ich informierte das Team und wir brachten die Patientin in unseren Einleitungsraum. Venöser Zugang und Intubation gestalteten sich zunächst völlig unauffällig und komplikationslos. 

Wir waren gerade noch dabei, der Patientin eine Magensonde zu legen, als plötzlich die Sauerstoffsättigung trotz Intubation und suffizienter Beatmung auf 84% und der Wert für das expiratorische CO2 auf 19 mmHg fiel. Wir kontrollierten den Sättigungsklipp und die Tubuslage, konnten aber keine technische Ursache finden. „Hol mal schnell den Oberarzt, vielleicht hat die Patientin eine Lungenarterienembolie (LAE)“, sagte ich schon etwas panisch zur Pflege und behandelte rasch den auf einmal viel zu niedrigen Blutdruck der Patientin. 

Keine Minute später war der Oberarzt zur Stelle. Zur kontinuierlichen Blutdruckmessung legten wir noch einen arteriellen Zugang und verabreichten eine hohe Dosis Ephedrin gegen den Blutdruckabfall. Die Sättigung erholte sich daraufhin und der Oberarzt entschied, die geplante OP durchzuführen. Eine LAE hielt er für „Blödsinn“ und ließ uns wieder allein. Mittlerweile waren wir im OP Saal und das Team fing an, die Patientin mit Tüchern abzudecken. Da entwickelte die Patientin plötzlich eine Herzrhythmusstörung im EKG. Erneut rief ich nach dem Oberarzt. 

Natürlich war bei seiner Ankunft das EKG wieder normal und er blieb bei seiner „Die Patientin hat nichts!“-Haltung. Ich hatte ein sehr ungutes Gefühl und teilte dies den Chirurgen mit. Plötzlich war nur noch mein Oberarzt für die OP, und da es sich um einen medizinisch eher unnötigen, weil kosmetischen Eingriff handelte, wurde die OP schließlich nicht durchgeführt und ich ließ die Patientin aufwachen. Der Oberarzt und auch der Klinikchef waren außer sich über die Entscheidung der leitenden Chirurgin, aber ich war natürlich erleichtert. 

Noch am Abend erkundigte ich mich beim Dienst habenden Chirurgen nach dem weiteren Verlauf der Patientin. Glücklicherweise hatte sie keine LAE. Allerdings hatte sie wohl während der Narkose und später auf Station mehrere Krampfanfälle aufgrund alter MS-Narben. Inzwischen ging es ihr wieder gut. Mit Krampfanfällen wäre die OP höchst gefährlich gewesen. Also alles richtig gemacht. Manchmal muss man einfach auf sein Bauchgefühl hören! 

Mehr zum Thema

Blog: Junkie-Tag

Blog: Oberarzt im Nacken

Blog: Seitenwechsel

Schlagworte