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  • 09.10.2017

Abschlussgespräch

Ich habe das große Glück, dass es in meiner Klinik tatsächlich eine Weiterbildung gibt. Und damit meine ich nicht bloß die ganzen Floskeln, die man wöchentlich im Deutschen Ärzteblatt in zahlreichen Stellenanzeigen lesen kann. Bei uns gibt es einen Rotationsplan und in den vergangenen zwei Monaten war ich zum Kompetenzerwerb in der Plastischen, Hand- und Wiederherstellungschirurgie (PHW) eingeteilt. 

In der ersten Woche hatte ich mit dem zuständigen Oberarzt dieser Abteilung ein Gespräch über Gegenstand und Lernziele der bevorstehenden Rotation. Es gab sogar extra Tabellen und Zettel und wir mussten beide eine Art Vereinbarung unterschreiben. Ich sollte meine bisherigen Kompetenzen einschätzen und dann später am Ende der Rotation noch einmal. Auch ein Abschlussgespräch gehörte zum Procedere. Die Dokumente sollte bei Zeiten unserem Chefarzt vorgelegt werden. 

Zunächst war ich etwas verwundert. Wusste ich doch von Kollegen, dass solche Rotationen - vor allem entsprechende Gespräche und Bewertungen - normalerweise eigentlich nur auf dem Papier existieren. Im Klinikalltag bleibt selten Zeit für richtige Weiterbildung. Aber hier schien es anders zu laufen. Während meiner PHW-Rotation erklärte mir mein Oberarzt regelmäßig Besonderheiten über die Narkosen bei Verbrennungsopfern oder in der Regionalanästhesie. 

Unter seiner Anleitung konnte ich regelmäßig üben, mit Hilfe von Ultraschall regional die Nerven am Arm zu betäuben. Der Lernzuwachs war enorm und nach einigen Malen klappte es immer besser. Nach zwei Monaten folgte dann das Abschlussgespräch. Auch wenn auf professionell fachlicher Ebene alles in Ordnung schien, bin ich ansonsten mit dem Oberarzt nicht ganz warm geworden. Es schien mir bisweilen, als hätten 25 Jahre Arbeit an einer großen Uniklinik ihre Spuren hinterlassen. Er hatte so manche Marotten und ging mir auch mal gehörig auf die Nerven. 

Manchmal nötigte er mich zu Überstunden und riet mir sogar, mein Privatleben aufzugeben. Zudem sei ich seiner Meinung nach unbequem und wir gerieten in mehrere Grundsatzdiskussionen. Daher rechnete ich vor dem Gespräch auch mit einer schlechten Bewertung. Umso überraschter war ich, als ich ausgezeichnete Bewertungen von ihm erhielt. Er konnte wohl fachliches und persönliches trennen! In den kommenden drei Monaten erwartet mich nun eine Rotation in der Unfallchirurgie. Auch dieser Oberarzt soll „sehr speziell“ sein. Ich lasse mich überraschen… 

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