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  • 02.11.2017

Die längste Prämedikation meiner Karriere

Alle paar Wochen bin ich einen Tag lang für den sogenannten Spätdienst Prämedikation eingeteilt. Prämedikation ist dabei die „fachchinesische“ Bezeichnung für das Aufklärungsgespräch vor einer Narkose. Ich melde mich dann am Vormittag in unserer Prämedikationsambulanz und werde – bewaffnet mit Stethoskop und einer langen Liste an Patientennamen – auf die Reise durch die Uniklinik geschickt. Dabei lege ich pro Dienst an die 10 km Strecke zurück und befasse mich hauptsächlich mit der Suche nach Patienten, die bei meiner Ankunft entweder noch beim Röntgen, beim Rauchen oder noch gar nicht im Haus sind. 

Habe ich dann doch mal Glück und treffe den Patienten in seinem Zimmer an, findet gerade die Visite statt oder der Patient ist der deutschen Sprache nicht mächtig und ich muss schnell noch einen Dolmetscher organisieren. Zusammenfassend ist das ganze also eine ziemlich zermürbende und frustrierende Tätigkeit. Der gestrige Dienst verlief wie erwartet und führte mich am späten Nachmittag auf eine ziemlich abseits gelegene Station der allgemeinchirurgischen Klinik. Bei meiner Ankunft waren der 20 jährige Patient und seine besorgten Eltern bereits knapp drei Stunden mit dem behandelnden Chirurgen im Arztzimmer. 

Der junge Mann litt an einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, Morbus Crohn. Bei ihm stand eine große Darm-OP an, bei der das halbe Kolon entfernt werden sollte. Der Chirurg war sichtlich erfreut über meine Ankunft und nutzte die Gunst der Stunde, um sich schnell aus dem Arztzimmer zu schleichen. Nach einigen einleitenden Sätzen mit der Mutter wurde mich auch klar, warum der Chirurg für ein ärztliches Aufnahmegespräch so wahnsinnig lange gebraucht hatte: Mutter und Patient hatten sehr, sehr viele Fragen und die Mutter schrieb Wort für Wort alles mit. 

Alle zwei Sätze wurde ich mindestens einmal unterbrochen. Die Frage nach der Einwilligung zur Gabe von Fremdblut im Falle großer Blutverluste während der OP brachte das Fass zum überlaufen und entfachte eine hitzige Debatte. Der Patient hatte Bedenken wegen einer möglichen Transfusion und forderte ein ausführliches Referat über Notwendigkeit und Risiken von Blutkonserven. Langsam wurde es stickig im kleinen Arztzimmer und nach einer knappen Stunde hatte ich immer noch keine Unterschrift auf dem Anästhesie-Aufklärungsbogen. 

Die Tür ging ständig auf und mehrere Ärzte anderer Disziplinen wollten den Patienten für Untersuchungen in Beschlag nehmen. Der zeitliche Druck nahm also zu und ich hatte langsam große Schwierigkeiten, angesichts der anstrengenden Familie noch freundlich zu bleiben. Nach eineinhalb Stunden hatte ich die Einwilligung und konnte die Daten dann in Ruhe im Stationszimmer in unser System im Computer eintippen. 

Auch wenn das ein ziemlich nerviges Aufklärungsgespräch war, steckt dahinter doch eine traurige Geschichte: Der junge Mann war aufgrund seiner Erkrankung nach dem Abitur noch nicht fit zum Studieren und Arbeiten und machte beruflich quasi „gar nichts“. Zuhause drehte sich alles nur um seine Krankheit. Aufgrund erhöhter Selbstaufmerksamkeit wurde jede körperliche Missempfindung als neue Krankheit eingestuft. Ich kann also nur fest die Daumen drücken, dass die geplante Operation dem armen Patienten helfen kann.

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