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  • 06.11.2017

Pattsituation

Im OP-Saal gibt es gute und schlechte Tage. Und im Bereich Unfallchirurgie überwiegen eindeutig die schlechten. Wahrscheinlich liegt das am Klima: Die OP-Schwestern sind ziemlich unfreundlich, die Chirurgen sehen nur ihre „Baustellen“ und mein Oberarzt hält mich durch unglückliche Zufälle für gnadenlos inkompetent. 

In den letzten Tagen wurde er nämlich vertreten und hatte andere Aufgaben wie z.B. Lehre oder den 1. Dienst. Dennoch war er anwesend und immer, wenn ich einen schwierigen Fall hatte und sekundenschnell Hilfe brauchte, war natürlich nur er zufällig auf dem Flur. Der Oberarzt intubierte dann rasch, betonte noch einmal, wie einfach es doch gewesen war, und ließ mich dann in der Einleitung stehen. So lief das gleich mehrmals in nur zwei Tagen. Meine ganzen Erfolge sah er nicht. Ziemlich dumm gelaufen. Aber kommen wir mal zu meinen Erfolgen zurück. 

Ich hatte nämlich einen älteren Patienten, der sowohl für die Chirurgie als auch für mich eine echte Herausforderung darstellte. Bis zum Morgen des Vortages nahm er einen Blutverdünner ein und hatte bereits seit über zehn Jahren einen kardialen Stent und Vorhofflimmern. Gleichzeitig hatte mein Patient ein dickes Knie mit infizierter Knieprothese und einem inneren Bluterguss. Weil er gerinnungshemmende Medikamente zum Schutz vor einem Herzinfarkt einnahm, blutete er also kontinuierlich in das inzwischen mehrfach operierte Knie. Den Blutverlust konnte man bereits an seinen Laborwerten ablesen. 

Jedenfalls mussten die Chirurgen den Bluterguss ausräumen und einen Platzhalter, den sogenannten „Spacer“, für die Prothese einbauen. Und das bedeutete erneut größere Blutverluste. Wir befanden uns also in einer Pattsituation: Nimmt der Patient Blutverdünner, blutet er ins Knie und seine Anämie (Blutarmut) wird lebensbedrohlich. Setzen wir den Blutverdünner ab, bekommt er wahrscheinlich einen Schlaganfall oder Herzinfarkt. Die Lösung? Ein fauler Kompromiss! 

Er pausierte am Vorabend der OP mit dem Blutverdünner und während der OP gab ich im Fremdblut in Form von Erythrozytenkonzentraten (EKs). Dazu musste ich regelmäßig Blutgaskontrollen machen und Narkosemittel sowie Infusionen genau kontrollieren. Das war nicht leicht. Dennoch sind die Werte des Patienten im Laufe der OP sogar besser geworden. Er wachte schmerzfrei auf, es ging im gut. Erschöpft und zufrieden machte ich dann zwei Stunden nach offiziellem Dienstschluss Feierabend. Der kritische Oberarzt war da schon längst nicht mehr im Gebäude. 

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