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  • 10.11.2017

Highway to hell

© ccvision


In der Unfallchirurgie gibt es ein paar „Dauerbrenner“: Pflegeheimbewohner mit Schenkelhalsfraktur und verunfallte Motoradfahrer. Letztere haben dabei meist mit ganz viel Glück einen schweren Zusammenstoß überlebt und müssen mehrfach an verschiedenen „Baustellen“ operiert werden. Mit diesen Operationen ist also ein schweres Schicksal verbunden, und obwohl ich derzeit fast jeden Tag einen Polytrauma-Patienten in Narkose versetze, gehen mir die Fälle immer an die Nieren. 

So auch am gestrigen Mittwoch, als ich einen korpulenten Harley Davidson – Fahrer von der chirurgischen Intensivstation in den OP-Saal brachte. Neben einem schweren Thoraxtrauma mit zahlreichen gebrochenen Rippen und einem mehrfach gebrochenem Arm wurde ein Bein noch geradeso von einem Fixateur externe - einem Metallgestell zur Stabilisierung von Knochenbrüchen - zusammen gehalten. Dem anderen Bein fehlte bereits der Unterschenkel, heute sollte aufgrund einer Infektion auch der Oberschenkel amputiert werden.

Der Patient schien aber nur wenig von alledem mitzubekommen. Denn er hing an einer Spritzenpumpe mit einem sehr starken Schmerzmittel, war also wie „auf Droge“. In der Einleitung vorm OP-Saal angekommen kamen wir dann ein bisschen ins Gespräch. Er stellte sich lallend vor: „Hi, ich bin der Micha. Ich habe Angst.“ Da hätte ich heulen können. So sehr tat er mir leid. 

Micha wog etwa 150 kg, hatte lange Haare, einen Vollbart und Tätowierungen am ganzen Körper. Ich versuchte, meinen Patienten zu beruhigen und schickte ihn dann zügig ins Reich der Träume. Dann kamen auch schon die Chirurgen und hoben die Decke hoch: Der Anblick war schrecklich, ich konnte kaum hinsehen. Da Micha nicht gerade ein Fliegengewicht war, mussten wir ihn zu Acht umlagern. 

Die Amputation war dann das reinste Blutbad. Ich telefonierte ständig mit der Blutbank, konnte seine Vitalwerte wie Blutdruck und Herzfrequenz aber stabil halten. Während die Chirurgen dauernd die Säge ansetzten und das Blut beinahe literweise auf den Boden lief, kämpfte ich mit der Übelkeit. Aber ich schaffte es, mich zusammen zu reißen. Für meinen Patienten. Nach vier Stunden war der neue Stumpf verschlossen und ich brachte Micha - noch intubiert und beatmet - zurück auf die Intensivstation. 

Glücklicherweise wird er auch in den nächsten Tagen noch reichlich Schmerzmittel erhalten und von seinen Verletzungen wenig bis gar nichts realisieren. Gut so - das böse Erwachen kommt schnell genug. Und ich weiß jetzt, dass ein Motorradführerschein für mich so schnell nicht in Frage kommt. Diese Bilder haben sich „eingebrannt“. Für alle Zeiten. 

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