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  • 05.02.2018

Der Fußballfan

© Giordano Aita - Fotolia.com


Pünktlich um 11 Uhr erscheine ich zum Spätdienst und werde erstmal in die Ambulanz geschickt. Ich soll dort einen Notfallpatienten über die bevorstehende Narkose aufklären. Unsere MTA gibt mir einen Aufklärungsbogen in die Hand und bereitet mich kurz auf den Patienten vor: „Er ist wohl noch betrunken und hat Kokain geschnupft. Hat sich in die Hand geschnitten. Die Handchirurgen wollen ihn gleich operieren. Die Angehörigen sind auch dabei.“. Oje, das kann ja heiter werden! 

In der Notaufnahme angekommen muss ich gar nicht lange nach dem Patienten suchen. Er liegt auf einer Trage im Flur, ist etwa 2 Meter groß und völlig überdreht. Am ganzen Körper trägt er bunte Tätowierungen, unter anderem mit dem Emblem des hiesigen Fußballvereins. Sein Bruder scheint die etwas jüngere Kopie von ihm zu sein, die Lebensgefährtin des Patienten hat fettige Haare und ist völlig fertig.

Ich stelle mich vor und beginne routinemäßig das Aufklärungsgespräch. Dabei merke ich schnell, dass alle drei noch irgendwie „drauf“ sind. Den Blutalkoholspiegel des Patienten will ich lieber gar nicht wissen. Eine normale Konversation ist kaum möglich. Der Patient brüllt regelmäßig Parolen aus dem Fußballstadion und betont mehrfach, dass er in letzter Zeit nur „am Saufen“ ist. Und dass er aufgrund des exzessiven Kokainmissbrauchs keine Nasenscheidewand mehr habe. Das glaube ich sofort – auch ohne HNO-ärztliche Untersuchung. 

Zwischendurch werden wir immer wieder vom Pflegepersonal der Notaufnahme um Ruhe gebeten. Der Fußballfan beantwortet dies erneut mit Parolen und will ständig wissen, wann er Rauchen darf. Nach einer knappen Stunde haben wir den Bogen ausgefüllt, ich lasse alle drei unterschreiben und gebe die wichtigsten Infos am PC in unserer Narkoseprogramm ein. 

Der Fußballfan war übrigens gerade Mitte 30, also noch jung, dafür aber schon völlig „kaputt“: nikotin-, alkohol- und drogenabhängig. Auch wenn diese Aufklärung ziemlich anstrengend war, tut er mir leid. Wie der Bruder mir berichtet hatte, war er wohl mal mit der Bundeswehr in Afghanistan im Einsatz. Vielleicht ist das eine Erklärung für den rasanten Abstieg? Hoffen wir, dass sein Fußballverein erfolgreicher ist! 

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