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  • 17.04.2018

Die Freuden der Fortbildung

Folter ist für jeden etwas anderes. Für Geheimagenten ist es Water Boarding, für Patienten die erste Blutabnahme eines unbegabten Medizinstudenten. Und für mich ist es definitiv Frontalunterricht. Zum tausendsten Mal höre ich mir jetzt die Eigenschaften ionisierender Strahlung an. Nach vier langen Spätdiensten mit vielen Patienten und unzähligen Aufklärungsgesprächen darf ich mein Wochenende in einem kalten Speisesaal verbringen. 

Ein Strahlenschutzkurs steht an und schon nach dem ersten Vortrag wünsche ich mich zurück in den OP-Saal. Denn wenn es dort etwas garantiert nicht gibt, dann ist es Langeweile. Irgendwas ist eigentlich immer los. Leider habe ich aber keine Alternativen. Denn ich brauche diesen Kurs, um Röntgenbilder anmelden zu dürfen. Und das ist als angehende Neurologin natürlich mehr als sinnvoll. Also füge ich mich meinem Schicksal und genieße mit reichlich Kaffee mal wieder die Geschichte der Entdeckung der Röntgenstrahlen. 

Natürlich sind Kenntnisse über Strahlenschutz wichtig. Allerdings habe ich die Thematik bereits mehrfach sowohl in der Oberstufe als auch im Studium gelernt. Dazu kommen teilweise sehr schlechte Referenten. Piepsige Stimmen, banale Sachverhalte im Schneckentempo, ständige Wiederholungen in Dauerschleife. Ist ein Redner dann besonders miserabel, überzieht er noch ordentlich in die Mittagspause. 

Ich rutsche auf meinem Caféteria-Stuhl hin und her und leide bereits am Abend des ersten Tages an Rückenschmerzen. Der billige Kaffee aus dem Pumpspender der Ärztekammer verhilft höchsten zu Sodbrennen und meine Sitznachbarn sind auch nicht gerade gesprächig. Sie schauen hochkonzentriert auf die nächste Folie, markieren akribisch ihr Skript mit bunten Post-Its oder schauen heimlich lustige Katzenvideos auf Youtube.

Während ich immer noch gegen Sekundenschlaf ankämpfe und mittlerweile zur heißblütigen Befürworterin der breiten prophylaktischen Anwendung von Marihuana in der ärztlichen Fort- und Weiterbildung geworden bin, verpasse ich fast die nächste Pause. Worum geht es hier eigentlich? Bin ich die einzige, die hier so leidet? Ich starte eine kleine Umfrage auf der Damentoilette und ernte erstaunliche Antworten: „Wiederholung ist immer gut!“ oder auch „Strahlenschutz ist doch so wichtig!“. Na gut, mir fehlt also der Rückhalt für eine Revolution aus den eigenen Reihen. 

Ich hole mir noch einen gruseligen Kaffee, verschlinge eine großzügige Dosis Pantozol und überlebe somit tatsächlich den ganzen zweiten Tag samt Besichtigung von CT-Geräten (Noch niemals zuvor gesehen!) und einem Vortrag über Kernphysik (Explosiv!). Soweit also der Samstag. Der letzte Tag sollte dann gnädigerweise etwas kürzer werden. Drei Stunden Vortrag über die juristischen Grundlagen und dann noch eine Abschlussklausur. Bei dem Gedanken an eine Multiple Choice Prüfung wurde mir ganz warm ums Herz. Schließlich erinnerte sie mich an die längst vergangenen Zeiten im Studium, als man noch ohne Ansehensverluste während der Vorlesung genüsslich schlafen konnte. 

Unsere Kursleiterin gibt aber Entwarnung und erzählt uns im Schnelldurchlauf quasi alle richtigen Antworten zum Mitschreiben. Im Prinzip hätte ich mir also die ganzen Vorträge sparen können. Wäre da nicht die leidige Anwesenheitspflicht. Für die 40 Fragen brauche ich etwa 7 Minuten. Kein Wunder, denn ich durfte tatsächlich das Skript benutzen. Noch eine Unterschrift und dann endlich Wochenende. Folterveranstaltung beendet. Im Strahlenschutz geht es darum, sich an Vorschriften zu halten und sich selbst und die Patienten zu schützen. 

Dafür braucht man Wissen. Hat man das nicht, sind Kurse völlig legitim und sinnvoll. Aber wenn man sich an den Physikunterricht und das Studium gut erinnert, mutiert der Kurs zum Water Boarding für junge Assistenzärzte, die sich ihr Wochenende eigentlich mehr als verdient hätten. Aber ich will nicht nur meckern, ich liefere gleich einen Verbesserungsvorschlag: Alle paar Jahre sollte eine schriftliche Prüfung stattfinden. Wer durchfällt, belegt einen Kurs. Schließlich geht es mittlerweile in der Praxis um das Wissen und Können und nicht mehr wie im Studium um unterschriebene Testatkarten!

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