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  • 04.06.2018

Eine einschneidende Erfahrung

Heute ist Freitag und ich quäle mich durch den späten Spätdienst. Spät bedeutet dabei, dass ich erst um 14 Uhr anfange, dann aber mindestens bis 23 Uhr am Ackern bin. In der ersten Wochenhälfte waren die Dienste überwiegend langweilig: Erst habe ich ein paar Patienten für die nächsten Tage zur Narkose aufgeklärt, und nach Ende der Tagesschicht ein paar Narkosen zu Ende gesessen. Ich übernehme also schlafende Patienten, deren OP fast zu Ende ist, warte auf die Chirurgen und mache sie dann wieder wach. 

Das eigentlich Spannende – also die Einleitung der Narkose – mache ich dabei nicht. Und wenn ich den Patienten dann im Aufwachraum abgegeben habe, warte ich auf den nächsten Arbeitsauftrag und habe auch hin und wieder ziemlich viel Leerlauf. Manchmal kommen aber auch mehr Notfälle, als Anästhesisten Dienst haben. Und dann wird es stressig. So auch heute. Nach zwei Narkosen will ich soeben den Aufwachraum verlassen, als mein Diensttelefon klingelt: „Karla, da hat sich ein Mädchen die Pulsadern aufgeschnitten“, sagt der 1. Dienst, „Du machst jetzt die Narkose für die Handchirurgen.“

Also wieder keine Pause! Ich spurte schnell von einem Gebäude zum nächsten und finde ein verängstigtes Mädchen im Einleitungsraum vor. Meine Pflegekraft war schneller vor Ort und schließt schon einmal die ganze Kabellage an. Ich überfliege kurz die traurige Akte – psychiatrische Vorgeschichte mit traumatischer Belastungsstörung – und versuche, die junge Frau zu beruhigen. Sie hat Angst vor der Narkose und fängt an zu weinen. 

Der Zugang ist glücklicherweise schnell gelegt und die ersten Medikamente zeigen ihre sedierende Wirkung: Die Patienten entspannt sich etwas und schläft Sekunden später friedlich ein. Schnell stecke ich den Tubus rein und erkundige mich bei den chirurgischen Kollegen nach dem Hintergrund dieses Notfalls. Die Patientin habe sich nach einem Streit in einer Eisdiele auf der Toilette die Pulsadern mit einer Rasierklinge aufgeschnitten. Oje, ein tragischer Fall. Das geht mir immer ziemlich an die Nieren.

Nach zwei Stunden sind die Gefäße wieder dicht und ich bringe die noch sehr müde Patientin in den Aufwachraum. Gut, dass sich es nicht geschafft hat, sich das Leben zu nehmen. Ich hoffe nun sehr, dass ihr in unserer psychiatrischen Klinik geholfen werden kann! Dennoch ist meine Pause noch in weiter Ferne, denn schon wieder klingelt das Telefon…

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