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  • 21.08.2018

Mut zur Zahnlücke

Es ist Mittwoch und es liegen bereits zwei volle Tage im gynäkologischen Operationssaal hinter mir. Ich arbeite seit Montag schon mit Stefan zusammen, ein sehr erfahrener Anästhesiepfleger, mit dem ich mich in den Pausen auch prima unterhalten kann. Die Stimmung ist gut, und unsere Überleitungszeiten, also unser Tempo für Einleitung und Ausleitung der Narkosen, sind spitze.

Heute haben wir schon vier Narkosen für Ausschabungen gemacht und arbeiten super zusammen. Da sich der Arbeitstag auch langsam dem Ende neigt, steigt natürlich die Stimmung, und ich mache mir auch keine Sorgen bezüglich der letzten Patienten. Auch diese Dame soll vaginal operiert werden, da die Frauenärzte bei ihr einen Tumor vermuten. Sie ist bereits über 90 Jahre alt, und hat laut Aufklärungsprotokoll einen maroden Zahnstatus. Als ich sie in der Schleuse in Empfang nehme, zeigt sie mir ein schiefes Lächeln und weist mich selbst noch einmal auf ihre Wackelzähne hin. Ich winke zunächst ab und versichere ihr, dass wir auf Ihre Zähne gut aufpassen werden.

Ups, mit dieser Aussage war ich wohl zu voreilig. Kurz nachdem ich der schlafenden Patientin den Tubus in die Luftröhre gesteckt habe, fällt plötzlich einer der Vorderzähne wie durch Zauberhand aus dem Mund und rutscht in Richtung Rachen. Ich erschrecke mich natürlich, versuche aber cool zu bleiben und sichere zunächst den Atemweg. Als die Situation wieder halbwegs safe ist, bitte ich meinen Oberarzt um Hilfe, und nach kurzer Aufregung holen wir ein Videolaryngoskop, um den verlorenen Zahn bergen zu können. 

Auch wenn mehrere Versuche nötig sind, gelingt es dem Oberarzt schließlich doch, und mit Ausnahme des Zahnverlustes kommt die Patientin gut durch ihre OP. Natürlich ärgere ich mich total und fühle mich schlecht. Das hat mir total die Quote versaut und es tut mir natürlich vor allem sehr leid um die Zähne der Patientin. Sie hatte mich ja schließlich auch noch ausdrücklich gewarnt.

Wir machen einen Fallbericht in Anlehnung an die Dienstanweisungen und als die Patientin wach ist, klären wir Sie über den Vorfall auf. Diese findet das glücklicherweise überhaupt nicht schlimm und auch ihr Sohn erzählt uns später, dass der Zahn sowieso nur noch am seidenen Faden hing. Ich bin natürlich ein bisschen erleichtert, dennoch bleibt ein blödes Gefühl, einen Zahn geopfert zu haben. Ab jetzt bin ich immer super vorsichtig! 

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