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  • 12.12.2018

Männergrippe

Als ich an diesem Montagmorgen mit meinem Fahrrad an der Arztpraxis ankomme, stehen vor der Eingangstür bereits zahlreiche Patienten Schlange. Pünktlich um 8 Uhr öffnet eine Arzthelferin die schwere Eichentür und lässt die Massen hinein. Ich warte zunächst ab und schließe gemütlich mein Fahrrad an. Das wird wahrscheinlich ein ziemlich anstrengender Arbeitstag, aber es hilft ja alles nichts. Also ziehe ich meine Handschuhe aus und betrete das Chaos am Empfangstresen. Nach einem kurzen “Guten Morgen“ an das Team und meine Chefin rette ich mich in mein Untersuchungszimmer und werfe mich in die weiße Kutte.

Schnell noch das Stethoskop um den Hals und dann kann es auch schon losgehen. Der Computer ist bereits hochgefahren, eine Helferin hatte das Praxisprogramm bereits gestartet. Der erste Blick auf die Patientenliste weckt meinen Durst nach Kaffee. Da an der Annahme sowieso noch großer Andrang herrscht und die Patienten erstmal aufgenommen werden müssen, nutze ich die Ruhe vor dem Sturm dazu, mich schnell noch einmal an der Kaffeemaschine zu betätigen. Jetzt kann der Tag kommen! Ich gehe zurück in mein Untersuchungszimmer, schaue kurz auf die Liste und hole meinen ersten Patienten aus dem Wartezimmer.

Es handelt sich um einen jungen Mann Mitte 30 mit schlurfendem Gang und einem sehr leidenden Gesichtsausdruck. Ich stelle mich kurz vor und nehme den Patienten mit ins Untersuchungszimmer. Er setzt sich hin und ich frage, was ich für ihn tun kann. „Ich bin ja so erkältet, ich komme kaum mehr aus dem Bett und kann mich gar nicht mehr bewegen. Es hat Freitag angefangen und wird immer schlimmer. Die Nase läuft, ich habe Kopfschmerzen, das muss etwas Ernstes sein. Meine Freundin hat sich auch schon so Sorgen gemacht und mich sofort zu Ihnen geschickt“, berichtet der schniefende Patient und hustet zum Ende seines Monologes noch einmal kräftig in die Ellenbeuge.

„Ja“, sage ich, „das könnte wohl ein grippaler Infekt sein. Wird überwiegend durch Viren ausgelöst, ist harmlos aber sehr lästig. Ich werde sie mal untersuchen.“. Also schreite ich zur Tat, schaue einmal mit Spatel und Lampe in den Rachen, taste Lymphknoten ab, klopfe im Gesicht nach Schmerzen über den Nasennebenhöhlen und horche einmal auf Herz und Lungen. Mit Ausnahme einer leicht nasalen Sprache durch die verstopfte Nase und einer mit viel Fantasie erkennbaren Rötung im hinteren Rachenbereich stelle ich nur normale Untersuchungsbefunde fest. 

Ich versuche also den Patienten erneut zu beruhigen, auch als er hartnäckig Antibiotika verlangt: „Wie gesagt", erkläre ich "grippale Infekte werden durch Viren ausgelöst. Da kann man leider ursächlich nichts machen außer zu warten, im Bett bleiben, Tee trinken und symptomatische Therapie z.B. mit Schmerzmitteln gegen Gliederschmerzen. Antibiotika helfen nur gegen Bakterien und wären bei ihnen wirkungslos.“

Da der Patient allerdings doch sehr zu leiden scheint, lasse ich mich schließlich noch zu einer Blutentnahme überreden und schicke ihn in unser Laborzimmer. Selbstverständlich schreibe ich den armen Mann erstmal ein paar Tage krank und verpasse ihm sämtliche symptomatischen Erkältungsmittel, die mir gerade in den Sinn kommen. Er ist sehr dankbar und möchte sich morgen bezüglich der Ergebnisse der Blutuntersuchung bei mir melden.

Am nächsten Tag sind die Blutwerte da und zeigen - wie auch meine körperliche Untersuchung - einen Normalbefund. Ich erzähle das kurz meiner Chefin und sie lacht: „Karla, das war ein ganz typischer Fall von Männergrippe!“ 

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