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  • 19.12.2018

Der Exhibitionist

Es gibt sie in jeder Allgemeinarztpraxis: Patienten, die im ganzen Team berüchtigt sind und immer wieder in die Sprechstunde kommen. Als frisch eingestellte Assistenzärztin konnte ich natürlich noch nicht alle dieser "Wiederholungstäter" kennen. Es kam also zuweilen vor, dass die Sprechstundenhilfen und medizinischen Fachangestellten mir eben diese Patienten zuteilten und dabei kaum auffällig grinsten. So hatte ich schon immer eine gewisse Vorahnung und war auf alles gefasst. Nur bei einem Patienten hat es mich dann doch eiskalt erwischt.

Ein Mann um die 40, knapp 2 Meter groß, in einer Chicago Bulls Jacke folgte mir mit Pappbecher und Rucksack in der Hand in den Untersuchungsraum. "Schönen guten Tag, mein Name ist Schnarch, was kann ich denn für Sie tun?", begrüßte ich meinen Patienten und bemerkte einen recht strengen Körpergeruch an ihm aufsteigen. "Ja also", antwortete mein Patient mit einer überraschend hohen und kindlichen Stimme, "Ich habe da so einen Ausschlag, aber dafür muss ich die Hosen runterlassen."

Ich war bei diesem Satz zwar etwas verdutzt, behielt aber – natürlich – ganz professionell die Fassung und antwortete entspannt: "Nur zu, dann lassen Sie mal sehen!" Dann ging alles ganz schnell: Mit einem selbstzufriedenen Grinsen im Gesicht ließ der Patient innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde seine Hosen fallen, reckte sein Becken in meine Richtung nach vorne und präsentierte mir sein Geschlechtsteil von allen Seiten. Natürlich war diese Situation etwas merkwürdig, aber ich nahm meinen ärztlichen Auftrag ernst und suchte mit den Augen nach einem vermeintlichen Ausschlag.

Dort war allerdings außer einer vermutlich durch die manuelle Manipulation ausgelöste Rötung kein Ausschlag oder ähnliches zu entdecken. "Ich hatte das kürzlich schon mal ihrer Kollegin gezeigt", erklärte der Patient, "und die hat mir eine Salbe verschrieben. Gucken Sie doch mal ganz genau, ob die Salbe geholfen hat." Ich richtete meinen Blick also noch einmal ganz kurz auf seinen Penis und konnte Entwarnung geben: "Nein, da ist kein Ausschlag mehr zu sehen. Die Salbe hat wohl gut geholfen. Wenn es wieder juckt, einfach wieder die Salbe auftragen. Wenn die Tube bereits aufgebraucht sein sollte, schreibe ich Ihnen gerne ein neues Rezept."

Ich konnte mein Lachen schon kaum mehr unterdrücken, die Situation war einfach zu skurril. Zudem wirkte der Patient psychisch ein wenig auffällig und ehrlich gesagt war mir das Ganze in dem kleinen Untersuchungszimmer am Ende doch etwas unangenehm. Ich begleitete ihn zum Ausgang und versuchte, mich zusammenzureißen. Am Empfangstresen angekommen waren auch meine Kolleginnen sichtlich erheitert. Anscheinend wussten sie von der exhibitionistischen Neigung des Patienten, allen Ärzten seinen imaginären Ausschlag am Penis demonstrieren zu müssen. Als der Patient dann die Praxis verlassen hatte, lagen wir alle vor Lachen fast am Boden. Die Auszubildenden erzählten, dass der Patient das regelmäßig machen würde. Er wäre sogar einmal halbnackt durch die Fußgängerzone gelaufen und wurde danach für ein paar Tage in die Psychiatrie zwangseingewiesen.

Tja, was man in einer Hausarztpraxis nicht so alles erleben kann?! Seit dem Vorfall kommt der Patient übrigens regelmäßig zu mir in die Sprechstunde, um den Verlauf seines Ausschlags kontrollieren zu lassen... 

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