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  • 28.01.2019

Silikonbrüste

Donnerstagmorgen, 8 Uhr, 3 Patienten im Wartezimmer. Obwohl die medizinische Fachangestellte meinen überaus wichtigen Kaffee vergessen hatte, wollte ich rasch anfangen und holte mir den ersten Patienten in mein Arztzimmer. Es handelte sich um einen Familienvater in den besten Jahren, mit einer unglaublichen Ähnlichkeit zu einem national bekannten Komiker. Ich ignorierte diese Tatsache so gut es ging und fragte den Patienten nach seinem Anliegen.

Er sei vor einer Woche bereits wegen Ohrensausen krank geschrieben worden und brauche nun eine entsprechende Verlängerung. Er befürchte einen Hörsturz. Da ich den Patienten und auch seine Frau und seine Tochter bereits kannte und auch wusste, dass alle zurzeit unter diversen stressartigen und psychischen Belastungen litten, zeigte ich Verständnis, untersuchte routinemäßig das betroffene Ohr und verlängerte den Krankenschein. Außerdem gab ich dem gestresst wirkenden Mann ein paar Tipps zur homöopathischen und naturheilkundlichen Behandlung von Stress und entsprechenden Stresserkrankungen wie Tinnitus. Er war sehr dankbar und lobte mich in den höchsten Tönen, sodass es mir fast peinlich wurde.

Eigentlich waren wir soweit fertig, aber mein Patient hatte noch etwas auf dem Herzen. Er wollte mit mir im Rahmen der psychosomatischen hausärztlichen Grundversorgung regelmäßige Gespräche führen, da er einige „Baustellen“ habe. Ich willigte ein, vertröstet ihn aber auf die nächste Woche und auf einen planbaren Termin außerhalb der Stoßzeiten der Praxis. Er war sofort einverstanden, wollte mir aber noch kurz die Art seiner Probleme beschreiben, damit ich mich vorbereiten könne. Dagegen konnte ich natürlich nichts einwenden und so ließ ich ihn ein bisschen erzählen.

"Ich trage sehr gerne Frauenunterwäsche“, begann mein Patient seine Ausführungen, als wäre es das Normalste auf der Welt. „Alles hat damit angefangen, dass ich mit meiner Körpergröße keine gut passende Unterwäsche gefunden habe. Eine Bekannte gab mir damals den Tipp, Frauenbodies zu tragen." In dem Augenblick dachte ich, ich höre nicht richtig! Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet, und das auch noch vor meiner ersten Tasse Kaffee. Ich versuchte natürlich, mir meine Erheiterung nicht anmerken zu lassen und machte ganz bewusst ein hoch professionelles und seriöses Gesicht. Zumindest hoffte ich, dass meine Grimasse so rüberkommen würde.

"Das ist doch erstmal nichts Schlimmes und auch durchaus nachvollziehbar", antwortete ich nach einer kurzen Pause. Dann erzählte der Patient eifrig weiter: "Ohne die Frauendessous fühle ich mich selber total unsicher und trage seit einigen Jahren nun auch Silikonbrüste in verschiedenen Größen. Das ist natürlich zu Hause immer ein Problem und wenn ich mit meiner Frau zum Einkaufen gehe, lasse ich die Brüste auch manchmal ihr zu Liebe zu Hause. Das sind so meine aktuellen Baustellen."

Tja, wie reagiert man an einem Donnerstagmorgen ohne Kaffee auf solch eine Offenbarung? Ich habe den Patienten zunächst beruhigt. Natürlich ist so etwas gesellschaftlich ein Tabuthema, aber ansich kein Verbrechen. Klar, die Neigung bzw. der Fetisch können insbesondere in der Familie zu Problemen führen. Es gibt aber durchaus auch Vorlieben, die viel größere Schwierigkeiten mit sich bringen können. Ich zog einen Vergleich mit dem Sammeln von Porzellanfiguren heran. Im Prinzip sei das - meiner Meinung nach - das gleiche Prinzip, werde aber gesellschaftlich akzeptiert. 

An das, was ich sonst noch alles gesagt habe, kann ich mich kaum erinnern. Aber der Patient schien nach unserer Unterredung sehr dankbar und gelobte, bald zum nächsten Gespräch vorbeizukommen. Zurück in meinem Untersuchungszimmer schloss ich die Tür, atmete erstmal tief durch und dachte kurz an versteckte Kamera... Was für ein Start in den Tag!

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