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  • Karla
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  • 08.08.2019

Immer noch Jungfrau?

Ein großes Problem in unserem Gesundheitssystem sind überfüllte Notaufnahmen. Patienten stellen sich dort vor, obwohl es sich teilweise nur um Bagatellfälle handelt, für deren Behandlung ein Besuch beim Hausarzt oder in der Apotheke ausreichend gewesen wäre. Natürlich begegnet mir derartiges auch in der gynäkologischen Notaufnahme. 

Ein häufiges Stichwort sind Unterbauchschmerzen oder postoperative Infektionen bereits entlassener Patientinnen. Auch wenn speziell Unterbauchschmerzen natürlich vielfältige Ursachen auch aus anderen medizinischen Bereichen haben können, denkt man insbesondere bei weiblichen Patienten sofort an die Gynäkologie.

Und so war das auch heute. Ich wurde erstmals mit dem Diensttelefon betraut und erhielt schon kurz nach der Frühbesprechung den ersten Anruf. Eine junge Frau würde seit einigen Tagen über Unterbauchschmerzen klagen und hätte zudem Blutungen. Da sich dahinter immer auch ein Notfall wie eine Eileiterschwangerschaft verbergen kann, machte ich mich schnell auf den Weg. Als ich die Patientin aufrief, war ich mehr als überrascht. Denn sie wirkte weder beeinträchtigt noch in irgendeiner Weise schmerzgeplagt. 

Ich fragte sie nach ihren Beschwerden. Sie antwortete: „Ich habe vor zwei Tagen erstmalig im Fitnessstudio trainiert und jetzt tut mir das in der Leiste weh. Direkt danach hatte ich auch ein bisschen Blut in der Unterhose. Ich mache mir jetzt Sorgen, ob mein Jungfernhäutchen gerissen ist. Aus religiösen Gründen muss ich unbedingt Jungfrau sein. Sonst kriege ich ganz doll Ärger von meiner Familie. Können Sie das bitte kontrollieren?“

Ich fiel aus allen Wolken. Die junge Frau bzw. das Mädchen geht in die gynäkologische Notaufnahme um ihre Jungfräulichkeit abchecken zu lassen. Natürlich konnte ich den Leidensdruck der Frau nachvollziehen, aber sie nahm doch ohne triftigen Grund wertvolle Kapazitäten einer Notaufnahme in Anspruch. Die Erklärung für ihre Symptome lag zudem auf der Hand: die Schmerzen waren Muskelkater bedingt, und durch das Krafttraining der Beine war das Jungfernhäutchen wahrscheinlich angerissen oder leicht verletzt worden. Aber dafür in die Notaufnahme an einem Werktag am Vormittag?

Eine gynäkologische Untersuchung mit transvaginalem Ultraschall ist bei mutmaßlicher Jungfräulichkeit natürlich nicht angebracht. Sonst würde ich durch den Ultraschall Kopf ja erst recht das Jungfernhäutchen durchtrennen. Da die Patientin aber schon mal da war und wir auch elektronisch eine Notfallakte angelegt hatten, tastete ich vorsichtig ab, guckte einmal rein und konnte der Patienten dann das freudige Ergebnis überbringen, dass das Jungfernhäutchen noch intakt war. Die Patientin war natürlich überglücklich und ich hatte erstmal ein bisschen was zu schreiben. Denn für jede Konsultation muss ja auch alles dokumentiert werden. Das war also mein erster Notfall des Tages. Mal sehen, was noch folgt…