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  • 12.06.2020

Neuanfang

Es ist nicht immer ganz einfach, den passenden Arbeitsplatz zu finden. Zwar gibt es aufgrund des aktuellen Ärztemangels Stellen für Assistenzärzte wie Sand am Meer, aber bekanntlich ist nicht alles Gold, was glänzt. Liest man die Stellenanzeigen im Deutschen Ärzteblatt, locken potentielle Arbeitgeber mit bezahlten Überstunden, geregelten Dienstplänen, Weiterbildungsmöglichkeiten und einer guten Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Realität sieht hingegen insbesondere an den Unikliniken meistens ganz anders aus: Man kann eigentlich schon von vornerein von einer 50 oder 60 Stunden Woche ausgehen und Überstunden werden als selbstverständlich eingefordert und weder bezahlt noch durch Freizeit kompensiert. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber ich habe selbst erlebt, wie es ist, wenn man nach 36 Stunden Arbeit ohne Ende noch 40 Verbandwechsel machen muss. Dann darf man kurz nach Hause und hat am nächsten Tag schon wieder Dienst. Also auf jeden Fall Augen auf bei der Stellenwahl! Ich habe jetzt in den vergangenen 4 Jahren 8mal die Stelle gewechselt. Das ist natürlich schon besonders oft, hatte aber jedes Mal seine Gründe. Meistens waren die Arbeitsbedingungen so schlecht, dass ich es auch körperlich gar nicht lange ausgehalten hätte. Dann kamen auch noch private Ereignisse dazu, weshalb ein Stellenwechsel zwingend nötig war. Jetzt, 8 Stellenwechsel später, bin ich tatsächlich angekommen. Das Arbeitsklima stimmt, die Arbeitsbedingungen sind vertretbar, die Dienstpläne sind 6 Wochen vor Gültigkeit geschrieben und Überstunden kommen eher selten vor oder beschränken sich dann auf 1 bis 2 Stunden. Was will ich damit sagen? Auf jeden Fall immer kritisch hinterfragen, was der jeweilige Chefarzt im Bewerbungsgespräch verspricht. Am besten mit Assistenten reden und unbedingt hospitieren. Vielleicht auch mal im Internet nach Erfahrungsberichten zur jeweiligen Klinik schauen und kritische Fragen stellen. Und auch mal mit dem Pflegepersonal sprechen, nach dem Eindruck fragen. Das ist ganz wichtig. Und dann auch nicht gleich aufgeben: Der Anfang ist immer schwer, gerade in der Einarbeitung ist man abhängig von Kollegen und hat meistens Tagdienst. Sollten die Bedingungen auf Dauer gar nicht auszuhalten sein, dann den Stellenwechsel nicht scheuen. Gerade in der Medizin ist es nicht verwerflich, wenn man verschiedene Fächer und Kliniken ausprobiert hat. Ich kann nur allen Unentschlossenen den Mut machen, einfach mal zu starten und zu testen, ob das jeweilige Fach zu einem passt. Arbeitsklima und vor allem auch Arbeitsbedingungen müssen stimmen, damit sich der Job dauerhaft ins Leben einfügt und auch Freizeitaktivitäten noch möglich sind. Und wie mein Beispiel zeigt, sind Stellenwechsel keinesfalls verwerflich. Natürlich war es sehr anstrengend, jedes Mal von vorne anzufangen. Aber die Erfahrungen aus den unterschiedlichen Fächern kann mir niemand mehr nehmen.

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