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  • 09.05.2019

Plötzlich Patient - Blog 18

Vergangene Woche war ich für eine Untersuchung in einer Ambulanz der Uniklinik. Während die Schwester Blut abnahm, unterhielten wir uns ein wenig und kamen schließlich auf die Arbeit zu sprechen. Ich erklärte, dass ich mich momentan für meine erste „richtige“ Arztstelle bewerbe und sie fragte: „Wo? Hier?“ Lachte, und fügte hinzu: „Wollen Sie sich auch wie wir hier an der Uniklinik ausbeuten lassen?“


Ihr Zwinkern in den Augen konnte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie das mit einem traurigen Ernst gesagt hatte. Sie ging zunächst davon aus, mit ihrer Annahme ins Schwarze getroffen zu haben, weshalb sie mit einem geschäftsmäßigen Ton fortfuhr die jugendliche Naivität der Berufsanfänger in Schutz zu nehmen. Mir entging nicht, wieviel Resignation dabei mitschwang, und ich konnte fast schon Erleichterung bei ihr spüren, als ich erklärte, dass ich momentan eher mit einem kommunalen Krankenhaus liebäugelte.


Wir stellten beide fest wie schade wir es fanden, dass bei all der Profitgier, die mittlerweile auch im Gesundheitssektor herrscht, den Mitarbeitern die Freude an ihrer Arbeit genommen wird. Die meisten Angestellten in der Medizin sind ernsthaft am Wohl ihrer Patienten interessiert und daran, ihre Aufgaben sorgfältig und hingebungsvoll zu erledigen, ohne durch Zeit- und Gelddruck auf das Wichtigste in ihrem Beruf zu verzichten: die Menschlichkeit. Dass dafür heutzutage kaum noch Raum bleibt, ist ein großer Frustrationsfaktor.


Meine körperlichen Einschränkungen haben mich bisher zwar davon abgehalten den Arztberuf in vollem Umfang auszuleben, aber gleichzeitig auch davor bewahrt. Meine Kommilitonen haben viele Erfahrungen gesammelt, die ich gar nicht erst machen muss. Ich bekomme jeden Tag vorgelebt, wie Personal- und Zeitmangel an psychischen und körperlichen Reserven der jungen Ärzte nagen. Aus ihrem anfänglichen Arbeitseifer und der Illusion etwas an den maroden Grundpfeilern des deutschen Gesundheitssystems zu ändern, werden sehr schnell Enttäuschung und Resignation. Viele haben sich für eine Stelle in einem kleineren, familiäreren Krankenhaus entschieden, weil auch den letzten Gutgläubigen während des Studiums bewusst geworden war, dass sich an einer Universitätsklinik die Probleme und die Arbeitslast im Ärztealltag noch viel stärker konzentrieren, als an einem peripheren Klinikum. Die wenigen, die sich für eine vermeintlich wissenschaftliche Karriere entschieden haben, stecken in einem riesigen Getriebe aus Zahnrädern, die allzu oft nicht ineinandergreifen. So propagieren die Unikliniken eine „High- end- Medizin“, die allerdings auf einer Low-end-Arbeitsqualität beruht. In manchen Häusern ist es ein offenes Geheimnis, dass die den Bewerbern versprochene Forschungszeit im Feierabend stattfindet und nicht, wie auf dem Papier, als Teil der regulären Arbeit.


Hier werden unsere nächsten Ärzte produziert! Hier sollen sie lernen, wie sie später mit Freude und reinem Gewissen dem Hippokratischen Eid nachkommen können. Was sie wirklich lernen ist, wie man schnell seine Ideale vom „Arzt, dem die Patienten vertrauen“ aufgeben muss, weil für das nötige Mit- und Feingefühl in einem gewöhnlichen Ärztealltag kein Platz ist. Die Lösung vieler sind mittlerweile Teilzeitstellen. Eine 80-Prozent-Stelle, damit man statt 120 nur noch 100 Prozent arbeiten muss. Das geht auf Lasten der Kollegen, die allzu oft keinen weiteren Teilzeitkollegen zur Seite gestellt bekommen, sondern das Defizit aus den eigenen Reihen auffüllen müssen, also mit 140 Prozent.

Da ich niemals normal als Ärztin arbeiten können werde, muss ich mir über eine „normale“ Stelle keine Gedanken machen. Ich werde von Anfang an die sein, die nur Teilzeit arbeitet und keine zusätzlichen Dienste übernehmen kann. Und weil ich körperlich einem normalen Stationsalltag nicht gewachsen bin, werde ich auch nicht so schnell unter die Räder kommen wie der Rest, obwohl in meinem Fall auch eine Halbzeit-Stelle schon sämtliche Energiereserven aufbraucht.


So gesehen bringt mir meine spezielle Situation auch einen Vorteil, weil ich stiller Beobachter sein kann und aus Mangel an Möglichkeiten sehr viel kreativer bei der Auswahl meiner Stellen sein muss – dadurch aber auch einen anderen Blick darauf habe, wie mein beruflicher Alltag aussehen kann.


Seit ich elf bin, wollte ich Kardiologin werden. Ich liebe dieses Fach und ich habe jeden Tag genossen, den ich dort gearbeitet habe. Bis vor Kurzem war mein Berufswunsch unverändert geblieben, aber eines Tages musste ich feststellen, dass ich nie die Kardiologin sein könnte, die ich werden wollte. Das ist auch gar nicht schlimm – vielleicht werde ich einfach eine andere. Schade ist nur, dass dieser Traum mit der Einsicht geendet hat, dass es gar nicht nur an meiner Krankheit liegt, sondern vor allem an der des Systems.

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