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  • 15.10.2019

Plötzlich Patient - Blog 20

Sonntagabend: mittlerweile auch für mich der Tag vor einer neuen Arbeitswoche. Meine ersten zwei Monate in meiner ersten Festanstellung als Ärztin sind rasant vorbeigegangen. Von Montag bis Donnerstag arbeite ich im Zentrum für Transfusionsmedizin und Hämotherapie der Uniklinik. Mit diesem Fachbereich kommt man im Studium nur marginal in Berührung, etwa, wenn es darum geht Bedside- Tests vor einer Bluttransfusion auszuwerten. Mancher Student lernt darüber hinaus die Blutspende kennen, die aufgrund der Bezahlung während des Studiums dem ein oder anderen schon die letzten Tage des Monats finanziell hat überbrücken helfen. Davon abgesehen waren mir meine zukünftigen Tätigkeitsfelder bei der neuen Arbeitsstelle aber Anfang August ein großes Mysterium, welches sich inzwischen gelüftet hat.


Als Dienstärztin bin ich vor allem für die Überwachung der Blutspender zuständig. Es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass jeder Spender ärztlich gesehen werden muss, bevor er Blut, Plasma, Thrombozyten oder aber auch Stammzellen spenden darf. Letzteres kann einerseits allogen erfolgen, was den meisten z.B. durch die Deutsche Knochenmarkspenderdatei, DKMS, bekannt sein dürfte, die regelmäßig zu Typisierungsaktionen aufruft, wenn beispielsweise für leukämiekranke Kinder dringend nach einem Stammzellspender gesucht wird. Findet sich ein passender Spender, kann die eigentliche Stammzellentnahme entweder durch eine Knochenmarkpunktion oder durch eine periphere Gewinnung der so wichtigen Zellen erfolgen, bei der sie aus dem Blut herausgefiltert werden. Dies geschieht dann ab und zu auch in unserer Ambulanz. Im Gegensatz dazu ist die autologe Stammzellspende eine Spende „für sich selbst“, man entnimmt einem Krebspatienten seine eigenen Stammzellen, um sie ihm nach einer starken Chemotherapie wieder zu reinfundieren, und so die Blutzellen neu aufbauen zu können. Diese Spender sind im Gegensatz zu den anderen schwer krank und haben häufig schon Chemotherapie-Zyklen hinter sich.


In unserem Institut wird außerdem eine sehr spezielle Therapie angeboten, die bei Patienten infrage kommt, die eine schwere Abstoßungsreaktion nach Organtransplantation entwickelt haben. Ist diese nicht durch Immunsuppressiva in den Griff zu bekommen, besteht die Möglichkeit, die überaktiven Leukozyten durch eine sog. Extrakorporale Photopherese (ECP) auszubremsen. Ähnlich wie bei der peripheren Stammzellspende wird auch hier das Blut gefiltert, dieses Mal werden aber die Leukozyten abgesammelt und durch den Zusatz eines UV-sensibilisierenden Stoffes und eine anschließende UV- Bestrahlung inaktiviert. Auch diese Patienten sind sehr krank, allein schon durch die Grunderkrankung, wegen derer die Transplantation überhaupt nötig wurde. Ab und zu müssen sogar Babys dieser Prozedur unterzogen werden, und wir haben ein paar jüngere Patienten, die seit dem Jugendalter von uns behandelt werden. Da die ECP regelmäßig, meist in Zwei-Wochen-Abständen, und über einen längeren Zeitraum erfolgen muss, lernt man sie mit der Zeit ganz gut kennen.


Die Menschen, die ich in der Blutspende antreffe, sind hingegen meistens gesund. Wer Blutbestandteile spenden möchte, muss sich aktuell gesund fühlen, und darf auch sonst keine schwerwiegenden gesundheitlichen Einschränkungen mitbringen. Einige Spender haben eine Schilddrüsenunterfunktion, die älteren auch öfters mal einen Bluthochdruck. Davon abgesehen sehe ich aber meistens fitte Leute, unter denen sich nur selten jemand richtig krankes findet. Wenn ich bei der Auskultation dann mal ein Herzgeräusch höre oder in der Anamnese von vorbestehenden Erkrankungen höre, ist das daher eine – natürlich nur für mich – willkommene Abwechslung.


Anfangs war ich skeptisch, ob mir diese Arbeit auf Dauer Spaß machen würde. Inzwischen haben sich meine Zweifel aber gelegt, denn mir gefällt die Mischung aus Patienten und gesunden Spendern sehr gut. Ich sehe täglich sehr viele unterschiedliche Menschen und bin mit den verschiedensten Lebenssituationen konfrontiert. Zu uns kommt ein illustrer Querschnitt der Bevölkerung, vom Uni- Professor über den ehemals Obdachlosen ist alles dabei. Wenn genügend Zeit ist, ergeben sich oft spannende Unterhaltungen, die ich sehr schätze.


Auch im Team fühle ich mich sehr wohl und wurde herzlich aufgenommen. Bisher komme ich mit der Arbeitsbelastung ganz gut zurecht, ich arbeite in der Regel vier Tage jeweils fünf Stunden, was einer 50%- Stelle entspricht. Allerdings waren schon mehrere Kortisonstöße nötig, um einen akuten Schub durch die körperliche Belastung abzuwenden. Allzu oft darf ich diese Taktik in Zukunft aber leider nicht mehr einsetzen, da mittlerweile mein Blutzucker durch das Kortison entgleist und ich mir dann zusätzlich Insulin spritzen muss. Auf der anderen Seite bin ich durch die Immunsuppression inzwischen auch anfälliger für Infektionen. Damit hatte ich all die Jahre nie Probleme gehabt, aber es scheint als müsse ich diesen Winter sehr aufpassen, dass mich niemand mit seiner Erkältung ansteckt, die erste hat mich schon erwischt.


Wie immer werde ich aber all das erst einmal auf mich zukommen lassen. Ich bin schon jetzt sehr glücklich, dass ich die ersten Monate ohne Fehltage überstanden und so viel Neues kennengelernt habe. Und dass ich nach wie vor sagen kann, dass ich gerne zu meiner Arbeit gehe, statt am Sonntagabend schon auf den nächsten Freitag zu schielen. So kann es erst einmal weitergehen und ich hoffe die nächsten Monate verlaufen genauso erfolgreich.

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