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  • 27.10.2017

Plötzlich Patient - Blog 12

Den einen Tag sitze ich als eine von vielen Patienten im Wartezimmer, am nächsten bin ich diejenige, die zur Untersuchung bittet. Wie schnell doch ein Rollentausch klappen kann, hat man nur die richtigen Accessoires parat: mit Kittel und Stethoskop über den Schultern schlüpft man ganz schnell in die Arztrolle.

Dieser Spagat fällt mir meistens leicht, denn die Arbeit lenkt mich zuverlässig von meinen eigenen Beschwerden ab. Das ist oft so gewollt, manchmal aber auch gefährlich, denn allzu leicht werden diese dann hinten angestellt. Man kann sich ruhigen Gewissens auf andere konzentrieren, und keiner der Patienten ahnt, dass wir uns ähnlicher sind als er denken würde.
Meine eigene Krankengeschichte vermische ich daher auch ungern mit der meiner Patienten. Hin und wieder jedoch ist es von Vorteil, wenn ein Arzt sagen kann, dass er aus eigener Erfahrung spricht. Dass er nicht nur derjenige ist, der den Eingriff vornehmen wird, sondern ihn selbst schon erlebt hat. Das fängt schon bei Kleinigkeiten wie dem Zugang legen an: wer noch nie fünfmal hintereinander mit einer Braunüle gestochen wurde, kann sich auch nicht vorstellen, dass das sechste Mal auch für den Hartgesottenen eine Zumutung sein kann.

Als ich heute in der Ambulanz endlich einen ungeduldig umherwandernden Patienten in mein Zimmer rufe, ahne ich schon, dass er eine harte Nuss sein könnte. Er hat sich schon mehrmals beschwert, dass er nicht schon längst auf dem Ergometer radeln darf und immer noch warten muss.
Mit seinen 35 Jahren und dem durchtrainierten Körper traue ich ihm tatsächlich auch ein sehenswürdiges Ergebnis auf dem Fahrrad zu, aber ob ein Belastungs- EKG nötig ist, entscheide nun mal ich, und nicht er. Dennoch: er beginnt noch bevor er sich gesetzt hat, sich darüber zu ärgern, dass er nun auch noch den Umweg über das Arztzimmer nehmen muss.
Es dauert eine Weile, bis ich erfahre, warum er eigentlich gekommen ist. Vor einigen Jahren hat er aufgrund einer Rhythmusstörung im Hause eine Herzkatheteruntersuchung mit Ablation bekommen, die er aber als Ursache allen Übels betrachtet. Denn seither sei „alles nur noch schlechter“ geworden. Er sehe zwar aus wie ein Bodybuilder, aber Kondition habe er keine. Und zu guter letzt: die Rhythmusstörung sei immer noch da. Ich nehme also zunächst an, dass er gekommen ist, um dieses Problem nun endgültig behandeln zu lassen. Weit gefehlt: so eine Untersuchung werde er nie mehr machen (schließlich geht es ihm seither schlechter) und von Medikamenten halte er grundsätzlich nichts. Was kann ich also für ihn tun?
Die nächsten Minuten kann ich vor allem erst einmal seinen Frust anhören, und umso länger er mir sein Leid klagt, desto ruhiger wird er. Irgendwann ist er sogar soweit zuzugeben, dass es grundsätzlich schon wünschenswert wäre, noch einmal einen Behandlungsversuch zu starten. Nur eben ohne Medikamente und ohne Katheter. Da wir uns in der kardiologischen Ambulanz befinden, ist mein therapeutisches Repertoire in diesem Fall aber leider bereits ausgeschöpft.
Kaum erkläre ich ihm die Lage, da wird er schon wieder aufgeregter. Schade, denn für seine Rhythmusstörung liegt die Erfolgsrate einer Ablation bei fast 98% - da könnte man doch wenigstens nachsehen, ob sie denn wirklich noch da ist, oder er eigentlich ein ganz anderes Problem hat. Aber selbst für ein Langzeit- EKG ist er nicht zu haben.
Ich frage mich, warum er sich überhaupt die Mühe gemacht hat, herzukommen, wenn er sich gar nicht helfen lassen will. Aber ich merke, dass er mit sich hadert. Ohne dieses Herzrasen... das wäre schon was. Und endlich wieder richtig trainieren können statt schon nach dem Aufwärmen aus der Puste zu sein. Klingt verlockend. Im Zwiespalt mit sich und seiner Wut beißt er auf seiner Lippe, während ich darüber nachdenke, wie wir beiden doch noch auf einen Nenner kommen können.

„Wissen Sie, bei allen Eingriffen, die wir machen, kann es auch mal nicht so klappen, wie wir uns das wünschen. Auch eine Ablation funktioniert nicht immer bei allen Patienten auf Anhieb. Manchmal braucht es mehrere Versuche, aber: wenn es klappt, ist die Rhythmusstörung beseitigt und kommt nicht wieder.“ Ja klar, das hätte man ihm vor dem Eingriff schon gesagt.
„Ich hatte diesen Eingriff auch. Drei Mal.“
Ha! Jetzt hab ich ihn. Seine Augen werden groß und während er eben noch trotzig auf den Boden geblickt hat, starrt er mich jetzt verwundert an. Er überlegt kurz und dann grinst er selbstgefällig: „Klappt ja offensichtlich doch nicht so toll wie Sie sagen, wenn man das drei Mal bei Ihnen machen musste.“ Ich erkläre ihm, dass ich damals bei meiner Arztwahl leider Pech hatte und an jemanden geraten bin, der von seinem Handwerk nichts versteht. Beim dritten und letzten Mal war der Eingriff erfolgreich, und seither bin ich die Rhythmusstörungen los. Das macht ihn nachdenklich. Er fragt noch ein paar Details zu meinen Eingriffen und plaudert plötzlich entspannt mit mir, statt sich alles aus der Nase ziehen zu lassen.
Endlich ist eine richtige Anamnese möglich, er berichtet mir bereitwillig von seinen Beschwerden und den damit verbundenen Einschränkungen im Alltag. Und dass es ja eigentlich schon toll wäre, wenn die nicht mehr da wären und er so leistungsfähig wäre wie früher. Er hat auch keine Angst vor der Herzkatheteruntersuchung, denn die sei damals eigentlich gar nicht schlimm gewesen.
Schließlich erklärt er sich sogar dazu bereit, sich doch nochmal bei unseren Rhythmusspezialisten vorzustellen. Und seine Medikamente nehme er ab jetzt auch. Langsam beginne ich zu verstehen, dass er sich in seiner Enttäuschung über den Misserfolg der Ablation und die Symptome im Alltag in erster Linie selbst blockiert hat. Er ist höchst unzufrieden mit seiner Situation, aber bislang ist er mit seiner aufgebrachten Art bei den Ärzten nur auf taube Ohren gestoßen. Was er eigentlich will, ist Verständnis – ehrliches und ernst gemeintes, keine Floskeln.
Während ich am Anfang vor allem eine von denen war, die ihm seiner Meinung nach durch diese Untersuchung all die Probleme eingebrockt hatte, sind wir jetzt auf einer Ebene gelandet. Ich bin nicht mehr nur jemand, der ihm etwas andrehen will, sondern ich habe offensichtlich ein persönliches Interesse daran, dass es ihm besser geht. Und auch wenn das ohne meine eigenen Erfahrungen als Patientin nicht anders gewesen wäre, jetzt glaubt er es mir auch.

Am Ende bekommt der Patient auch tatsächlich noch sein Belastungs- EKG, und als er am Tresen steht, um seine nächsten Termine auszumachen, gibt er mir die Hand und sagt dankbar: „Bis zum nächsten Mal. Und danke, dass Sie mich doch noch überredet haben.“ Von seiner anfänglichen Wut ist nichts mehr zu spüren, im Gegenteil zeigt er sich nun hochmotiviert für die ausstehenden Untersuchungen und ersten Therapieschritte.
Manchmal reichen also ein paar Worte für einen ersten Erfolg aus, von Patient zu Patient.

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