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  • 18.01.2018

Plötzlich Patient - Blog 13

Endlich Halbzeit: die erste Hälfte meines Praktischen Jahrs ist geschafft! Während meine Kommilitonen, mit denen ich gemeinsam im Mai ins PJ gestartet bin, bereits ihr letztes Tertial antreten, stehen mir noch einige Monate mehr bevor, denn für mich verlängert sich aufgrund meiner Teilzeit-Beschäftigung der Zeitraum entsprechend.
Das erste Tertial ging für meinen Geschmack viel zu schnell vorbei, doch jetzt konnte ich es kaum erwarten, bis der nächste Wechsel kam. Und das lag nicht am Fach Chirurgie oder den Kollegen, sondern daran, dass inzwischen jede Woche eine neue, manchmal kaum zu bezwingende Herausforderung geworden war.

Wir erinnern uns zurück: im September hatte ich mein letztes Gespräch mit den Rheumatologen gehabt, und seither war meine Motivation mich noch einmal dort zu melden, sehr gering. Noch einmal so abgewiesen werden, das wollte ich nicht. Andererseits hatte sich der Schub, den ich nun seit Anfang Juli hatte, aufgrund der hohen körperlichen Belastung noch verschlimmert, und ich war für die nächsten Monate in der allgemeinchirurgischen Poliklinik und Notaufnahme eingeteilt. Dort gibt es immer etwas zu tun und man ist viel auf den Beinen. Eigentlich genau nach meinem Geschmack, denn ich mag es überhaupt nicht, wenn es nichts zu tun gibt und man gelangweilt herumsitzt. Allerdings wurde es so auch zu einer großen körperlichen Herausforderung für mich – eine schlechte Kombination mit einem Schub, der anscheinend auch gerne beim PJ mit dabei war.


Vor dem chirurgischen Tertial hatte ich großen Respekt gehabt, denn allein die allmorgendlichen Visiten waren für mich momentan nicht machbar, da ich nicht so lange ruhig stehen konnte. Zum Glück war ich aber sowohl davon, als auch von der Assistenz im OP gänzlich befreit, sodass ich nicht Gefahr lief in nächster Zeit in irgendein steriles OP-Gebiet oder ein auf der Visite angetroffenes Patientenbett umzukippen. Wider Erwarten war auch die Arbeit in der Poliklinik spannend und ich lernte täglich dazu.


Um drei volle Tage arbeiten zu können, blieb ich die restlichen vier stets zuhause im Bett oder auf dem Sofa. Ich versuchte mich an den freien Tagen körperlich so wenig wie möglich zu belasten, denn so konnte ich einerseits endlich ein bisschen an den Medikamenten sparen, und andererseits brauchte ich meine Energie auch für die Arbeit. So entwickelte sich ein eigener Rhythmus: Montag, Mittwoch, Freitag arbeiten, den Rest der Woche ruhen. Selbst kleine Ausflüge oder Unternehmungen musste ich aufgeben, wenn ich die hohe Schlagfrequenz in der Poliklinik beibehalten wollte.


Dennoch, nach zwei Wochen musste ich mich zum ersten Mal krank melden und war für die nächsten 14 Tage wieder richtig ausgeknockt. Mittlerweile hatte sich meine bekannte Angina Pectoris so ausgeweitet, dass ich schon in Ruhe immer wieder regelrechte „Attacken“ hatte, in denen mir aufgrund der Koronarspasmen so übel wurde, dass ich mich auch übergeben musste. Dagegen hilft zwar Nitrospray, aber nimmt man es zu oft, tritt ein Gewöhnungseffekt ein und die Wirkung lässt nach. Also blieb mir außer Bettruhe nichts anderes übrig und ich wartete jeden Tag darauf, dass ich wieder arbeiten gehen konnte, denn meine Fehltage schmolzen dahin.


Nun ist es so, dass einem PJ-Studenten eine fixe Anzahl an Fehltagen über das gesamte Jahr zusteht, die für sämtliche Gründe zu fehlen herhalten müssen – Urlaub genauso wie Krankheit. Da ich davon ausgehe, dass ich meine Fehltage alle aufgrund von Krankheit nehmen muss, nehme ich grundsätzlich keine Urlaubstage. Und trotzdem musste ich mir allmählich Sorgen machen, dass ich zu lange fehlte und deshalb das Tertial wiederholen musste.
Der zuständige Mitarbeiter aus der Chirurgie machte mir das Leben zusätzlich schwer, indem er mir mehr Fehltage eintrug, als ich real fehlte. Ich musste irgendwie wieder zum PJ erscheinen, sonst war es erst einmal für mich gelaufen.

Irgendwann stellte ich fest, dass ich die Übelkeit einigermaßen mit Vomex, den berühmten „Reisetabletten“, in den Griff bekam. Zusammen mit dem Vorsatz, mich körperlich etwas zu schonen, tauchte ich dann auch nach zwei Wochen wieder bei der Arbeit auf.
Allerdings ließ sich das schwer umsetzen und beschränkte sich schnell darauf, dass ich versuchte wenigstens Treppen einzusparen und auch dann den Aufzug zu nehmen, wenn ich nur eine Etage höher wollte.


Als ich eines Morgens, mit drei Ärztinnen in den kleinen Personalaufzug gepresst, den Knopf für das nächst höhere Stockwerk drückte, kam ein „na das hätten Sie ja auch laufen können, so jung wie Sie sind“. Ich erklärte mich zwar kurz, aber blöd fand ich es schon. Auch wenn ich es verstehen kann (ich denke mir auch oft, dass die Leute doch wohl die eine Etage auch mal laufen könnten), ich möchte nicht von jemand Wildfremden eine Ansage bekommen, dass ich faul sei. Ich wurde und werde auch öfters mit bösen Blicken bestraft, wenn ich mich bei der Arbeit hinsetze – aber man sieht es mir eben einfach nicht an. Meistens bin ich darüber auch sehr froh, denn wenn beispielsweise die Ambulanzpatienten gewusst hätten, dass ich nicht „kurz etwas aus dem Nebenzimmer holen“ war, sondern mich wegen einer Angina- Pectoris-Attacke hatte übergeben müssen, dann hätten sie das sicherlich auch, vermutlich zurecht, eher negativ kommentiert.


So war ich zwar, unterbrochen von einzelnen Krankheitstagen, regelmäßig arbeiten, aber es war jeden Tag eine Gratwanderung und nur möglich, indem ich meine Freizeit komplett einschränkte und die Woche darauf ausrichtete, an diesen drei Tagen zu funktionieren. Durch die Vielzahl an Medikamenten, vor allem auch das sehr müde machende Vomex, war ich zwar körperlich in der Lage, zur Arbeit zu kommen, aber ich war längst nicht so leistungsfähig wie normal, auch geistig.
Auf diese Weise konnte und wollte ich mein restliches PJ nicht verbringen. So sehr mir der Umgang mit den Patienten auch Spaß macht, braucht es dennoch einen Ausgleich. Vor allem aber den Austausch mit Freunden und Kommilitonen, der mir auf diese Weise in meiner freien Zeit völlig fehlte. Zudem wurde der Schub immer noch schlechter und auch die Blutwerte waren irgendwann nicht mehr tolerabel. Das bedeutete: ein Kortisonstoß war nun definitiv indiziert.
Im Dezember ermöglichte mir dieser Kortisonstoß eine kleine Verschnaufpause, ich konnte sogar endlich, nach acht Wochen, in die Stadt und meine Weihnachtseinkäufe erledigen, oder, viel wichtiger, Freunde treffen.
Über Weihnachten und Silvester hatte ich eine kurze, aber so sehr ersehnte Auszeit bei meinen Eltern, die keinen Tag zu früh kam. Endlich ein Tapetenwechsel, Freunde und Familie treffen und die festlich aufgeladene Atmosphäre genießen!

So schwer mir die letzten Monate gefallen waren, so haben sie mich doch wieder einiges gelehrt. Man wird in einer solchen Lage irgendwann sehr demütig, da auch Kleinigkeiten, wie nach Wochen zum ersten Mal wieder in die Stadt gehen, oder abends Freunde treffen zu können, schon etwas ganz Besonderes sind. Dass ich es trotz dieser Widrigkeiten geschafft habe, die erste Hälfte meines PJs zu „überstehen“, macht Mut, dass auch die zweite Hälfte irgendwie klappen wird – so wie alles immer irgendwie und irgendwann geklappt hat.
Und auch der abgedroschene Neujahrswunsch „viel Gesundheit“ hat für mich und mein Umfeld eine sehr viel tiefere Bedeutung als für die meisten, die sich das jedes Jahr aufs Neue proseccotrunken kurz nach Mitternacht zurufen.
Es ist alles eine Sache der Perspektive – und ich kann es nur immer wieder sagen: es lohnt sich, sie öfters mal zu wechseln.

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