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  • 08.02.2019

Plötzlich Patient - Blog 17

Jetzt ist es also geschafft: Ich bin tatsächlich Ärztin.
Vor zwei Jahren noch war an ein Praktisches Jahr nicht zu denken, und beinahe hätte ich, so kurz vor der Ziellinie, mein Medizinstudium wegen meiner Mikrovaskulären Angina Pectoris doch noch abbrechen müssen. Ausgerechnet ich, die seit sie denken kann immer Ärztin hatte werden wollen, und von diesem Wunsch, auch nach den ersten Semestern in der Vorklinik, mit Fächern wie Physik und Biochemie, nie abgekommen war. Die, um es kurz zu sagen, nichts anderes werden konnte.

Seit der Erstmanifestation meiner Erkrankung im 7. Semester verlief mein Studium nicht mehr normal. Ich konnte zwar sämtliche Klausuren in der Regelzeit schreiben und mit viel Hilfe von Freunden und Dozenten auch die Seminare hinter mir lassen. Aber im 9. Semester, welches wir hier gänzlich in der Klinik verbringen, mit wöchentlich wechselnden Praktika, ging ich dann doch unterwegs verloren.

Den ersten Teil des Semesters konnte ich noch regulär mitmachen, aber am Ende hatte ich insgesamt 6 Wochen gefehlt, die zum Erhalt der jeweiligen Scheine zwingend erforderlich waren. Um die verpassten Praktikumstage nachzuholen, musste ich jeden Fachbereich einzeln kontaktieren, mit jedem Professor eine eigene Vereinbarung treffen, wann ich meine Versäumnisse ausgleichen würde, und leider auch häufig wieder absagen, weil ich mit einem Schub zuhause lag.

Organisatorisch war das eine größere Hürde, als man zunächst annehmen mag. Da ich nun in ein neues Semester gerutscht war, aber nicht regulär für alle Praktika eingeteilt werden musste, bedurfte es der Abstimmung mit den jeweiligen Gruppen. Manchmal waren dort bereits Nachholer oder Erasmusstudenten untergebracht, sodass für mich kein Platz mehr war. Und war endlich eine Gruppe gefunden, musste ich auch wirklich in der Lage sein, am Praktikum teilzunehmen. Häufig war ich für ein, zwei Tage dabei, wurde dann aber krank und musste wieder von vorne anfangen.

Interessanterweise zeigte sich der Fachbereich, von dem ich am meisten Verständnis und Kompromissbereitschaft erwartet hatte, nämlich die Psychiatrie, überraschend prinzipientreu. Auch nach mehreren Versuchen hatte ich nicht fünf Tage am Stück zum Praktikum kommen können (verrückt, oder? Es waren ja immer nur ein paar Stunden, meistens nur von 8 bis maximal 15 Uhr!), sodass ich einige Termine splitten musste, um endlich die jeweilige Anzahl an Tagen zu erfüllen. Zu diesem Eingeständnis war die Psychiatrie aber leider nicht bereit, sodass ich vom Dekanat eine offizielle Bestätigung verlangen musste, mit der mir der Dekan dieses Sonderrecht zugestand. Dieser wiederum zeigte sich jedoch sehr verständnisvoll und bot mir, ohne zu zögern, seine Unterstützung an – mit der ich schließlich auch zu meinem häppchenweisen Praktikum kam.

Alles in Allem haben mich diese sechs Wochen drei zusätzliche Semester gekostet. Fairerweise sei aber bemerkt, dass ich, die ich physisch nicht einmal in der Lage war, fünf Tage Ambulanz-Praktikum am Stück zu leisten, natürlich auch niemals drei Monate Examensvorbereitung geschafft hätte. Selbst mit allen erforderlichen Scheinen wäre „mein“ Semester also ohne mich ins PJ gestartet.

Die Hürden wurden danach immer größer: Jetzt ging es nicht mehr nur um ein paar Tage Praktikum, sondern um das zweite Staatsexamen – drei Tage hintereinander. Ich war selten überhaupt mal so lange fit, wie sollte das an den Examenstagen klappen? Irgendwie tat es das, und dann stand plötzlich „nur“ noch das PJ zwischen mir und dem großen Finale meines Studiums.
Allerdings konnte ich wieder nicht mit dem aktuellen Semester mitziehen, da ich aufgrund meiner nicht enden wollenden Schübe nicht in der Klinik arbeiten konnte (vielmehr lag ich dort alle paar Monate als Patientin).

Im darauffolgenden Semester wurde meine Basistherapie neu eingestellt, und nur wenige Wochen vor meinem offiziellen PJ- Beginn, in 75% Teilzeit, stabilisierte sich mein Zustand zum ersten Mal. Die Anzahl der Tage, an denen ich nicht in der Lage war aufzustehen, fiel endlich einmal unter die, an denen ich fast normal am Alltag teilnehmen konnte.

Zurück in der Klinik wusste ich schon am ersten Tag, dass es sich gelohnt hatte, hartnäckig zu bleiben. Das war immer noch, was ich am liebsten machte! Durch die Teilzeit-Regelung hatte ich jeden zweiten Tag frei: Montag, Mittwoch, Freitag war ich da, Dienstag und Donnerstag verbrachte ich meistens komplett im Bett. Dafür dauerte das PJ auch fast ein halbes Jahr länger, insgesamt über 17 Monate. So konnte ich zwar anfangs fast sechs Wochen am Stück arbeiten, womit ich niemals gerechnet hatte, aber so verpasste ich auch viel vom Stationsalltag. Nach all den Semestern ohne Klinikalltag war ich so sehr motiviert, dass ich eigentlich nur enttäuscht werden konnte. Ich hatte so viel lernen und nachholen wollen, doch in drei Tagen pro Woche ließ sich einfach nicht alles sehen.

Am Ende des ersten Tertials war ich zum ersten Mal lange am Stück krank, was sich aber dank verständnisvoller Oberärzte kompensieren ließ. Jede weitere Woche PJ kostete jedoch Energie, die ich irgendwann nicht mehr hatte. Selbst die drei einzelnen Tage waren gegen Ende kaum noch machbar; manchmal versuchte ich zwar morgens wenigstens zu erscheinen, konnte aber nach ein paar Minuten wegen Kreislaufproblemen nicht mehr stehen, sodass ich wieder nach Hause musste. War ich da, dann nur mithilfe starker Schmerzmittel und Vomex, das mich müde machte. Zusätzlich hatte ich sowieso schon oft Konzentrationsschwierigkeiten, die manchmal durch Fieber, manchmal aber auch einfach durch den Schub an sich bedingt sind. Nicht einmal mehr auf meinen Verstand konnte ich mich also verlassen.

Aus meinem PJ, für das ich mir so viel vorgenommen, das mir so viel Spaß gemacht hatte, wurde eine einzige große Anstrengung, von der ich mir wünschte, sie wäre einfach vorbei.
Tatsächlich hatte ich mir überlegt für die letzten 24 Wochen einen „Adventskalender“ zu basteln, damit ich feierlich dem Ende entgegensehen konnte. Doch selbst dazu fehlte mir irgendwann die Energie, wie zu beinahe allem.

Wirklich schockiert war ich, als mir klar wurde, dass ich nichts mehr nachlas. Wenn mir etwas unklar ist oder ich es genauer wissen möchte, dann lese ich es normalerweise nach. Heutzutage ist das dank Google immer und überall möglich, sodass ich dem schnell nachgehen kann und das auch ständig tue. Dabei geht es zwar oft um medizinische Sachverhalte, aber oft genug auch um andere Dinge, die ich im Alltag aufschnappe. Dieses neu erworbene Wissen wird dann alsbald ausführlich dem Umfeld mitgeteilt, welches meine „Fun facts“ vermutlich eher weniger interessant findet.
Ich las immer weniger, und, schlimmer noch: ich hatte nicht einmal mehr das Interesse, etwas nachzulesen. Es war mir einfach egal. Etwas zu recherchieren hätte Energie gekostet, die ich gerade nicht hatte. Und der Versuch, sie gänzlich dem PJ zur Verfügung zu stellen, scheiterte irgendwann mit einem Schub, der mich 8 Wochen lang ans Bett, respektive die Couch, fesselte. Zum Glück fiel er jedoch mit dem Ende meines PJs zusammen, das ich – dank lieber Mit-PJler und sehr netter Oberärzte! – irgendwie dann doch noch überstanden hatte.

Das mündliche Examen mitsamt der Vorbereitung haben mir dagegen noch einmal richtig Spaß gemacht. Da ich aufgrund der Teilzeit aus dem regulären, halbjährlichen PJ-Turnus herausfiel, hatte ich zwischen PJ- Ende und Examensvorbereitung einige Monate frei, die ich auch mehr denn je zur Erholung brauchte, bevor es in die heiße Phase ging.

Wie immer lief dabei auch dieses Mal nichts nach Plan, da ich während der acht Wochen lernen fast durchgehend krank und am Ende natürlich der Meinung war, ich hätte so viel mehr machen können. Trotzdem freute ich mich, als es endlich losging. Mit meiner Freude war ich zwar allein, aber ich mochte mündliche Prüfungen immer sehr gerne, bei angemessener Vorbereitung, versteht sich.

Mit den mündlichen Anatomie-Testaten hatten wir unser Studium begonnen, jetzt würden wir es mit einem großen mündlichen Examen beenden. Meine eher verhaltende Aufregung war hauptsächlich der Angst geschuldet, die Prüfung gesundheitlich nicht zu schaffen, denn wir würden drei Tage hintereinander in der Klinik verbringen. Hauptsächlich sitzend zwar, aber selbst das ist mir ja oft genug nicht möglich.
Am letzten Prüfungstag, der für uns um 14 Uhr begann, lag ich bis um 13.30 Uhr auf meinem Sofa und sinnierte fieberhaft nach einer Wunderpille, die es mir möglich machen würde, die nächsten 4 Stunden in einem Seminarraum zu sitzen, und ab und zu Fragen zu beantworten. Die eine Wunderpille gab es nicht. Am Ende war es eine illustre Mischung aus dem, was mein Medizinschrank hergab, und der „Jetzt-ist-es-auch-egal-Haltung“, die mich über Kontraindikationen und Dosierungsobergrenzen hinwegsehen ließ. Darunter waren neben Schmerzmitteln eine hohe Dosis Kortison und viel Vomex in verschiedensten Darreichungsformen, aber letztlich war es dann wahrscheinlich doch das Adrenalin, das mich durch den Nachmittag brachte – sitzend.

Erstaunlicherweise, und ich weiß wirklich nicht, wie das trotz der Umstände an diesem Tag möglich war, lief es sogar ausgezeichnet. Die Prüfung war so flüssig und angenehm, dass ich allen Ernstes gerne länger als die jeweils 15 Minuten pro Fach geprüft worden wäre. Ja, mir machte das tatsächlich Spaß, und an diesem Punkt ist denke ich offensichtlich, dass ich nicht ganz auf der Höhe war, zumindest im Kopf…
Die Rückmeldung der Prüfer, dass das sehr gut war, war im Nachhinein sehr wichtig für mich. Statt im PJ mit den anderen im OP zu stehen, Narkosen einzuleiten oder die ersten Nachtdienste zu erleben, lag ich krank zuhause. Bis dahin hatte ich nie den Eindruck gehabt, „abgehängt“ zu werden, aber jetzt lernten die anderen dazu und ich konnte noch nicht mal mehr nachlesen, was mir entging.Dass ich mich trotz Nierenbeckenentzündung und Schub, wenn auch liegend und in kleinen Etappen, doch noch ordentlich vorbereitet hatte, und es jetzt gut lief, gab mir ein Gefühl der Bestätigung, das mir vor langem abhandengekommen war. Und es zeigte mir auch, dass „ich’s noch kann“ und sich die vielen zusätzlichen Semester mit so hohen Hürden wirklich gelohnt hatten.

Als alles vorbei war, streckte mir der unfallchirurgische Prüfer mit einem breiten Grinsen die Hand entgegen und meinte: „Jetzt kann ich’s ja sagen: Frau Kollegin!“ Da wurde mir klar, jetzt gehöre ich endlich auch dazu, jetzt bin ich Ärztin.

 

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