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  • 08.02.2017

Plötzlich Patient - Blog 4

Nach 10 Tagen Klinikaufenthalt war ich wieder zuhause – und musste mich erst einmal wieder an die Selbständigkeit erinnern, die mir als Patientin genommen worden war...

Nicht nur hatte ich wieder ein eigenes Bad, ich konnte auch jederzeit aufstehen, essen oder schlafen. Vor allem aber hatte ich mein Zimmer für mich und damit meine Privatsphäre wiedererlangt.

Was älteren Patienten manchmal gleichgültig zu sein scheint, ist für eine junge und eigenständige Person ein tiefer Einschnitt in die persönliche Komfortzone. Mit der Aufnahme in ein Krankenhaus macht man sich öffentlich. Man muss private Details preisgeben, über die man sonst nicht spricht. Man wird bevormundet und ist dem Wohlwollen, aber auch der Missgunst der Menschen ausgeliefert, die nun für einen Sorge tragen.

Da ich den Mitarbeitern der Kardiologie bekannt war, galten für mich sehr laxe Regeln auf der Überwachungsstation. Ich durfte meinen Monitor selbst bedienen und jederzeit im Arzt- oder Schwesternzimmer auftauchen, während es den anderen Patienten im besten Falle für einen kurzen Toilettengang gestattet war, sich der Kabel zu entledigen. Wer mit dem Verdacht auf maligne Arrhythmien eingeliefert worden war, durfte jedoch nicht einmal das.

Ein paar Jahre später, 2016, lag ich für ein paar Tage auf der Intensivstation, wo auch ich mich nicht mehr frei bewegen konnte. Wenn ich auf die Toilette wollte, musste ich wie jeder andere klingeln und eine Bettpfanne benutzen – das war für mich die unangenehmste Situation, in die ich je als Patientin geraten war. Dabei war ich es längst gewohnt, am Klinikeingang auch meine Privatsphäre zurück zu lassen, und wusste noch vom Pflegepraktikum, dass sich beim Personal niemand etwas dabei denkt, wenn jemand mal muss. Dennoch: dieser winzige Rest an Eigenverantwortlichkeit ist mir  – auch nach mehreren Jahren als Patientin –  sehr wichtig. Und auch wenn mich als medizinische Fachperson der Anblick eines Patienten auf dem Klostuhl nicht stört, so leidet der Betroffene meist unter einem tiefen Schamgefühl, dessen man sich auch nach jahrelanger Routine stets bewusst sein sollte.

Zurück ins Jahr 2013: Die vor Entlassung eingeschärften Verhaltensregeln waren schnell über Bord geworfen. Es war einfacher, den schweren Einkauf mal eben selbst zu tragen, als jemanden zu fragen. Auch der Besuch der Freunde im 6. Stock fand natürlich statt. Insgesamt fühlte ich mich besser, aber so richtig gut ging es mir auch nach einigen Wochen zuhause noch nicht.

Bis zum Beginn der Famulatur im Spätsommer 2013 war nicht klar, ob ich der Arbeitsbelastung über vier Wochen standhalten würde. Zum Glück waren wir in einem kleinen Haus mit kurzen Wegen gelandet, das Wohnheim für uns vier Freundinnen gleich nebenan.
Wie schön es war, wieder auf der anderen Seite zu stehen! Statt Flügelhemdchen Kittel und Kasack. Ich fand mich auch überraschend schnell wieder in meiner Rolle ein, und wären nicht immer wieder die altbekannten Beschwerden aufgetaucht – ich hätte die letzten acht Wochen wahrscheinlich vergessen.

Eines Tages kam eine Frau mittleren Alters zur Dialyse zu uns auf die Intensivstation. Lupus, die Nieren nach jahrelanger Krankheit stark geschädigt. Der Rheumatologe hatte mir damals gesagt, dass auch eine Kollagenose als Ursache für meine Symptome infrage käme. Und von allen möglichen am ehesten Lupus. Entsprechend interessiert war ich an der Krankengeschichte der Patientin: Stand mir das auch alles bevor? Im Gedächtnis geblieben ist mir dann aber nicht etwa die Lupusnephritis, sondern was die Frau als Fazit zog, nachdem ich sie gefragt hatte, wie sie mit der Krankheit zurecht komme: „Wissen Sie, ich konnte wegen dem Lupus nie eigene Kinder bekommen. Aber das ist überhaupt nicht schlimm. Ich habe eine wunderbare Adoptivtochter und könnte nicht zufriedener sein.“ Wow! Da lag sie, von den Dialyseschläuchen eingerahmt auf der Intensivstation und war so demütig. Dabei hätte sie jedes Recht gehabt zu klagen oder traurig zu sein. Diese Begegnung hat mich sehr beeindruckt, und wenn ich in zwanzig Jahren etwas Ähnliches sagen kann, dann bin ich mehr als zufrieden.

Im Verlauf der Famulatur sank meine Belastbarkeit mit jedem Tag etwas mehr. Nach der Hälfte waren die Perikarditis- Schmerzen wieder da und wir schlichen uns eines Abends auf die gastroenterologische Station, um mit dem Ultraschall nach einem Perikarderguss zu sehen. Wie zwei kleine Einbrecher hatten wir einen richtigen Plan, falls jemand Fragen stellen würde. Ein bisschen Nervenkitzel war das schon. Und tatsächlich: im Sono war der Perikarderguss zu sehen.

Ein paar Tage später stand der Kontroll-Termin fürs MRT in der Heimat an, das keine Myokarditis mehr zeigte, aber weiterhin einen kleinen Perikard- und Pleuraerguss. Demnach hätte es mir auch deutlich besser gehen müssen, aber man ging davon aus, dass die Erholungsphase einfach noch etwas andauerte.

Als ich an einem Freitagnachmittag über Röntgenbildern aus der Notaufnahme brütete, irritierte mich ein plötzlicher, kontinuierlicher Schmerz in der linken Schulter, der im Laufe der Zeit auch in den Arm ausstrahlte. Erst als später auch der bekannte Druck auf der Brust hinzukam, realisierte ich: das ist Angina pectoris. Wie im Lehrbuch.
Dank Schmerzmittel konnte ich dennoch die Nacht über schlafen, und am Morgen war der Spuk wieder vorbei.

Die Famulatur endete schließlich, und der Rest? Der fing gerade erst an.

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