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  • 01.03.2017

Plötzlich Patient - Blog 5

Was im Juli 2013 mit einem vermeintlichen „Kater“ begonnen hat, begleitet mich seither in meinem Alltag...

So war ich in den letzten dreieinhalb Jahren öfters als Patientin im Krankenhaus denn als angehende Ärztin. Für mich gehören regelmäßige Arzt- und Klinikbesuche mittlerweile ganz selbstverständlich dazu, genauso wie die Tatsache, dass ich auf die Einnahme von Medikamenten angewiesen bin, damit es mir einigermaßen gut geht.
Zu den wiederkehrenden Terminen zählen die Aufenthalte in der Rheumaklinik, und so tauschte ich vor zwei Wochen einmal mehr meine WG gegen ein Doppelzimmer – mit einer Unbekannten.

Da ich inzwischen auf eine lange Historie von Klinikaufenthalten zurückblicken kann, habe ich auch schon sehr viele verschiedene Bettnachbarinnen erlebt. Neben umgänglichen, wenn auch oft etwas eigensinnigen alten Damen, waren auch schon jüngere Arbeitskolleginnen, verrückte Kettenraucherinnen mit mehreren psychiatrischen Vordiagnosen oder aufgewühlte Mittvierzigerinnen dabei. Und immer wieder durfte ich auch unglaublich nette Frauen kennenlernen, mit denen ich zum Teil noch heute in Kontakt stehe.


Dass man plötzlich ungewollt seinen Alltag mit einer wildfremden Person teilen muss, ist oft nicht leicht. Wenn man Glück hat, ähneln sich die jeweiligen Vorstellungen davon, wie häufig gelüftet werden oder welches Fernsehprogramm laufen soll. Manchmal bringen die Patienten aber auch eine große Tasche voll Eigenheiten mit, die sie nicht gewollt sind abzulegen. Sie selbst sind sehr anspruchsvoll und zu keinem Kompromiss bereit, verlangen dem Zimmernachbarn aber ein Maximum an Verständnis ab.
Ich hatte einmal eine Bettnachbarin, die von der Sekunde an, in der ich ihr Zimmer zum ersten Mal betreten hatte, nicht mehr aufhören wollte, mich mit einem schweren osteuropäischen Akzent und der monotonsten Sprechweise, die ich jemals gehört hatte, voll zu quatschen. Wenn ich ins Bad ging, stoppte sie inmitten ihres Satzes, um danach an derselben Stelle wieder einzusetzen. Und als ich mich irgendwann entnervt mit dem Rücken zu ihr drehte und mit Ohrstöpseln fern schaute, stand sie auf, stellte sich vor mich und fuchtelte mit ihren Armen: Hallo, hier bin ich, ich hab meine Geschichte über den Jüngling in Mexiko, der nur an mein Geld wollte, immer noch nicht fertig erzählt.
Pünktlich um halb acht abends setzte sie sich dann die CPAP- Maske gegen ihr Schlaf- Apnoe- Syndrom auf und knipste prompt das Licht aus. Dass ich um 19.30 Uhr noch nicht schlafen wollte, war ihr dabei herzlich egal. Weil ich ungern im Dunkel saß, machte ich das Licht an meinem Bett an. Wütend näselte sie in ihren Beatmungs- Rüssel, um dann entnervt die Augen zu verdrehen, wenn ich genüsslich formulierte, dass ich sie leider nicht verstehen konnte. Zum Glück musste ich die Nacht nicht mit ihr verbringen, andernfalls hätte ich mich wahrscheinlich zum ersten Mal selbst entlassen...

Während mich mit dem oben genannten Trampel rein gar nichts verband außer die Tatsache, dass wir beide im Krankenhaus lagen, entwickelte sich mit anderen Zimmergenossinnen eine richtige Freundschaft. Meine erste Bettnachbarin in der Rheumaklinik war zum Beispiel ein richtiger Glücksgriff. Als „alter Hase“, der schon seit einigen Jahren regelmäßig dorthin kam, konnte sie mir alles zeigen und erklären und wir hatten eine wirklich schöne Zeit mit tollen Gesprächen und viel Gelächter.
Anders als in einer „normalen“ Klinik bekommt in dieser Rheumaklinik jeder Patient einen Stundenplan mit regelmäßigen Anwendungen. Das sind, neben vielen anderen Dingen, Physiotherapie, Massage, Moorpackungen oder Fango. Was sich sehr nach ganzheitlicher Kur anhört, ist ein ausgeklügeltes Konzept, um die Patienten nicht nur zu beschäftigen, sondern ihnen auch einen bestmöglichen körperlichen Benefit durch ihren Aufenthalt zu verschaffen. Insbesondere die Arthritispatienten profitieren oft enorm von physikalischen Therapien wie Kälteanwendungen oder Massagen: die Beweglichkeit nimmt zu, die Schmerzen ab. Nebenbei vergehen die Tage auch deutlich schneller und es bleibt weniger Zeit sich Gedanken zu machen.
Ein weiterer Vorteil ist, dass man nicht nur beim Essen im Speisesaal, sondern auch dazwischen immer wieder neue Gesichter kennenlernt, was gerade dann wichtig wird, wenn man mit der Zimmernachbarin Pech hat. So entstand bisher in jedem meiner Aufenthalte eine kleine Gruppe, mit der ich mich austauschen konnte. Ob abends beim Kartenspielen oder mittags auf dem Weg ins Café.

Mein diesmaliger Aufenthalt in der Rheumaklinik war ungeplant und einem Schub geschuldet, den ich seit Weihnachten mit mir herumgeschleppt hatte. Ich hatte neben den üblichen Problemen mit der Perimyokarditis unter anderem auch Kopfschmerzen und Fieber und war schnell überfordert von Krach und Trubel. Entsprechend anstrengend waren für mich die ersten Tage mit meiner 19- jährigen Bettnachbarin, die aus Frust und Langeweile fast durchgehend auf dem einzigen Fernseher im Zimmer durch die Programme zappte. Am frühen Abend fiel die Wahl immer auf „Köln 50667“, eine unglaublich schlechte Scripted Reality Soap, in der sich die Darsteller die meiste Zeit anschreien. Als später „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ lief, war ich allen Ernstes erleichtert über die schauspielerische Güte der Sendung.
Dazu kam die schlechte Laune meiner Mitbewohnerin, die sich in pubertärem Trotz über alles mokierte, was den Tag über um sie herum passierte. Irgendwann waberte die gereizte Stimmung durchs Zimmer zu mir und ich war froh über jede Anwendung, die mich oder meine Bettnachbarin beschäftigte. Als diese nach vier Tagen entlassen wurde, war meine Stimmung aber ausgezeichnet und mit der Nachfolgerin kam ich die restliche Zeit sehr gut zurecht.

Für gewöhnlich ist mein Stundenplan recht übersichtlich, da ich körperlich inzwischen nur sehr eingeschränkt belastbar bin, und sich deshalb zu viele Anwendungen eher nachteilig auswirken würden. Das war nicht immer so, sondern hat sich über die letzten dreieinhalb Jahre nach und nach entwickelt. Nach meinem ersten Schub war ich noch in der Lage vier Wochen Famulatur zu machen und danach direkt in die Uni zu starten. Daran ist im Moment kaum zu denken – hoffentlich aber im Mai, wenn ich ins PJ starten möchte.
Was sich in der Zeit vom Sommer 2013 bis heute gesundheitlich alles noch ereignet hat, wird Thema der nächsten Blogs sein.

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