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  • 21.03.2017

Plötzlich Patient - Blog 6

Nach unserer gemeinsamen Famulatur an der Ostsee ging es für mich in der letzten Ferienwoche nach Nordhessen zu einem Psychosomatikpraktikum...

Insgesamt 20 Studenten waren zu Beginn des vorigen Semesters ausgelost worden, statt eines Semester begleitenden, einen Kompaktkurs in einer psychosomatischen Klinik belegen zu dürfen. Darauf freute ich mich zwar, aber nach den Strapazen der Famulatur hätte ich mir eine Verschnaufpause gewünscht. Dass ich, obwohl noch recht angeschlagen, schon wieder in der Klinik gearbeitet hatte, schien sich mit der Zeit zu rächen.

Anders als bei der Famulatur, mussten wir erst um 9 Uhr morgens in der psychosomatischen Klinik erscheinen, wo wir auf verschiedene Stationen verteilt wurden und Therapiekonzepte kennenlernen durften. Besonders beim Aufstehen merkte ich aber: so richtig fit fühlte ich mich nicht. Wenn wir nachmittags zurück in unsere kleine Pension kamen, legte ich mich erst einmal ins Bett und versuchte ein wenig Ruhe zu halten. Auf der anderen Seite wollte ich natürlich nichts verpassen – wir waren eine unternehmenslustige Truppe und wollten unseren Aufenthalt so gut es ging auskosten. Zum Beispiel besuchten wir den Nationalpark oder veranstalteten ein Minigolfturnier – sehr zur Freude der Ortsansässigen, die nur Kurgäste im Seniorenalter gewohnt waren.
Ich wollte nicht als einzige der Gruppe allein zurückbleiben oder in Erklärungsnot kommen, warum ich mich nicht den gemeinsamen Unternehmungen anschloss. Also war ich bei den Ausflügen dabei und ignorierte meine Abgeschlagenheit so gut es ging, auch wenn sich diese bleierne Müdigkeit mit jedem Tag schwerer über mich legte.

Mediziner nennen dieses Erschöpfungsgefühl „Fatigue“. Wahrscheinlich hat jeder schon einmal das Gefühl der völligen Verausgabung erlebt. Alltägliches wird plötzlich zu einer ungeahnten Anstrengung, die einen viel Überwindung kostet. Da wir jeden Tag ein neues Programm geboten bekamen und eine sehr angenehme Gruppe waren, wurde es mir leicht gemacht, mich zu motivieren. Dennoch war ich heilfroh, als wir am Wochenende wieder zuhause ankamen und ich mich in den folgenden Tagen erst einmal ausruhen konnte.

Das neue Semester bestand hauptsächlich aus Vorlesungen und neben der Arbeit gab es nur eine einzige Pflichtveranstaltung in der Woche, sodass ich viel Zeit hatte meinen eigenen Rhythmus zu finden. Dennoch ließ sich das vermeintliche Schlafdefizit nicht aufholen: es gab immer wieder Tage, an denen es mir nicht gut ging und meine körperliche Belastbarkeit stagnierte irgendwo bei der Hälfte im Vergleich zum Frühjahr.


Im Oktober dann plötzlich wieder dieses Brennen im Brustkorb. Der Druck auf der Brust. Und wieder diese Erschöpfung, als hätte ich mir eine Grippe eingefangen. Irgendwann konnte ich von der Perikarditis nachts nicht mehr schlafen und fragte den befreundeten Kardiologen um Rat. Die Untersuchungen fielen erneut bis auf einen kleinen Perikarderguss unauffällig aus. Wie konnte das denn sein? Wie kann man so starke Beschwerden haben und keiner kann sie messen?
Nach langem Überlegen drückte er mir mit einem strengen Blick eine Tilidin- Tablette in die Hand, und meinte: „Dann kannst du wenigstens mal ein paar Stunden schlafen. Das ist aber eine Ausnahme!“
Zuhause legte ich mich auf das Sofa und nahm die Tablette mit einem Schluck Wasser. Wenig später hatte ich einen Kopf voll Watte, aber keine Schmerzen mehr. Das erste Mal seit drei Tagen konnte ich ein paar Stunden am Stück schlafen und wieder richtig Luft holen.

Beim Rheumatologen berichtete ich nach einigen Tagen von meinem neusten Schub. Und davon, dass dank des Tilidins ein Krankenhausaufenthalt dieses Mal nicht nötig geworden war und ich die Schmerzen gerade so in den Griff bekommen hatte. Ohne weitere Fragen drückte er mir ein Rezept für eine Hunderter-Packung Tilidin-Tabletten in die Hand und erklärte: „Wenn es hilft, soll es daran nicht fehlen.“ Soviel also zur Ausnahme, dachte ich. Und: hoffentlich brauche ich das Zeug nicht so schnell wieder.

Einige Wochen später jedoch erwies sich dieser Vorrat an Schmerzmitteln als ein wahrer Segen: meine rechte Schulter schmerzte seit einigen Tagen, und das inzwischen so stark, dass ich nachts nun gar nicht mehr schlafen konnte. Egal wie ich mich drehte, es war kaum auszuhalten – nicht einmal mit Diclofenac und Novalgin.


Am übernächsten Tag hatte ich dank meines Mitarbeiterstatus' einen Termin in der Orthopädieambulanz ergattert und ohne die Tilidin vom Rheumatologen hätte ich die beiden Nächte vermutlich nicht durchgestanden. In der Uni hatte uns ein Unfallchirurg mal erzählt, dass Schulter-Patienten oft in einem reduzierten Allgemeinzustand in die Notaufnahme kämen, da die Schmerzen häufig so unerträglich seien, dass sie über mehrere Tage nicht schlafen oder essen könnten. Wenn sie sich dann beim Arzt vorstellten, könne man ihnen das auch schon ansehen. Mir ging es da nicht anders und ich war heilfroh um meinen zeitnahen Termin.


Bevor ich mich zu den Orthopäden aufmachte, eine kurze Unterhaltung mit meinem Chef aus der Angiologie: „Aber lass dir da bloß nix ins Gelenk spritzen! Viel zu gefährlich!“
Als im Gipszimmer die Freiheitsgrade meines Schultergelenks untersucht worden waren und der Vorschlag zur Steroidinjektion kam, dann plötzlich mein lautes „Ja“. Die Alternative war nämlich, einfach weiter abzuwarten – und dann? Die Warnung von meinem Kollegen klang mir noch in den Ohren nach. Aber was sollte ich denn anderes machen? Ich wollte nicht ab sofort wie ein Junkie jeden Tag Opioide einwerfen. An der Ursache, der Entzündung, änderten die ja auch gar nichts. Der Orthopäde machte mir klar: wenn ich hier sei, um mir helfen zu lassen, dann könne er nur die Spritze anbieten. Die von ihm vorsorglich abgenommenen Entzündungswerte waren natürlich trotz großem Gelenkerguss in der Schulter normal – wie immer.

Ich hatte die Klinik kaum verlassen, da war der Schmerz schon fast weg. Die Kortisonspritze wirkte innerhalb kürzester Zeit. Langfristig sollte ich regelmäßig vom Physiotherapeuten behandelt werden, den ersten Termin hatte ich schon für die Woche darauf.
Als ich einige Wochen später beim Rheumatologen war, um ihm von der entzündeten Schulter zu berichten, die noch immer nicht ganz in Ordnung war, entrüstete er sich. Wie die Orthopäden da einfach Kortison ins Gelenk spritzen konnten? Warum nicht wenigstens ein MRT angemeldet worden sei? Für ihn war deren Vorgehensweise ein diagnostisches Desaster. Warum zeigte er mir mit der Jalousie: ich sollte aus dem Fenster schauen, während er auf den An-Knopf der Rollläden drückte, die daraufhin die Aussicht verdunkelten. Das sei für den Rheumatologen eine Vorbehandlung mit Kortison – sie verneble die Sicht. Sämtliche Untersuchungen, die er nach einer Kortisongabe mache, seien nicht mehr verlässlich beurteilbar.
Ich ärgerte mich über mich selbst. Warum hatte ich mich denn zu der Spritze überreden lassen? Vielleicht hätte man die Entzündung mit dem MRT darstellen können, auch wenn man im Blut nie etwas sah. Dann wäre bewiesen: ich kann auch dann eine schwere Entzündungsreaktion im Körper haben, wenn die Blutwerte in Ordnung sind.
Schließlich war die eigentliche Crux, dass in meinem Körper seit Monaten eine unsichtbare Entzündung wütete. Egal wie viel Ruhe ich mir zugestand, ständig schlug mein Immunsystem neue Schlachten.
Immerhin, für eine kurze Verschnaufpause hatte die Spritze gesorgt, und die war im Nachhinein auch dringend nötig gewesen vor der nächsten Runde.

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