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  • 13.04.2017

Plötzlich Patient - Blog 7

Das achte Semester war wie zugeschnitten auf meine aktuelle Belastbarkeit: nur Vorlesungen und eine einzige Pflichtveranstaltung von einer Stunde Dauer pro Woche ...

Ich konnte es also entsprechend meiner körperlichen Verfassung ruhig angehen lassen. Dennoch verging die Zeit bis Weihnachten wie im Flug, und damit stand die Reise zur Familie an.

In den überfüllten Zügen Richtung Heimat gab es kaum noch Sitzplätze und auch diejenigen, die reserviert hatten, mussten sich ihre Sitzgelegenheit oft erkämpfen. Mit meinem hoffnungslos vollgestopften Koffer war an lange Erkundungstouren durch die Waggons nicht zu denken, aber mehrere Stunden Stehen war auch nicht drin. In diesem Moment machte sich meine unkluge Packweise aber doch noch bezahlt, denn mein Koffer war hoch genug, um sich bequem darauf setzen zu können, und dank der Geschenke und einer überenthusiastischen Fachbüchersammlung auch so stabil, dass er sich nicht verbog.

Mittlerweile weiß ich um die Geheimnisse des gescheiten Kofferpackens und vor allem darum, dass es noch nicht einmal dem Gewissen wirklich hilft, mehrere Kilo Bücher mit sich zu schleppen. Die Vorstellung, man sitze jeden Tag ein paar Stunden am Schreibtisch und käme klüger aus dem Heimaturlaub zurück, ist utopisch. Und macht jedes Umsteigen zu einem kleinen Höllentrip.
Nichtsdestrotrotz, ich hatte einen Sitzplatz! Von den unzähligen Neidern, die sich ebenfalls im Vorraum vor der Zugtoilette positioniert hatten, wurde ich deshalb regelmäßig mit vernichtenden Blicken abgestraft. Sie hatten leider nicht so unklug gepackt wie ich und mussten an der Wand lehnen.

Die Weihnachtsfeierlichkeiten sind in unserer Familie mit vielen Besuchen verbunden und natürlich hatten sich meine gesundheitlichen Probleme schon bis zu allen Tanten und Onkeln durchgesprochen. Dass eine Nachbarin vor vielen Jahren an einer Herzmuskelentzündung gestorben war, verlieh meiner Geschichte dabei eine ungeahnte Dramatik.


Mir fällt es nicht schwer, über meine Krankheit zu reden, und im Gegenteil bin ich froh, wenn die Leute mich fragen, statt sich ihre Version zusammen zu reimen. Ich kann heute nur ahnen, welch absurde Theorien bei entfernten Bekannten kursieren mögen und ich mag lieber ehrliche Fragen als hinter vorgehaltener Hand geäußerte Vermutungen. Noch ließen sich die vergangenen Monate leicht beschreiben. Aber mit jedem Schub, den ich seither hatte, wurde es schwieriger für mein Umfeld zu verstehen, was ich eigentlich habe.


Wie wichtig eine Diagnose auch für die Angehörigen ist, wurde mir dabei schmerzlich bewusst. Ich selbst wollte natürlich auch gerne eine Erklärung für all diese seltsamen Beschwerden haben, für mich und mein Verständnis. Ich hatte seitenweise Fachliteratur verschlungen auf der Suche nach einem Wort, das für jeden klarstellte: das hab ich, so heißt meine Krankheit. Aber noch tappten wir alle im Dunkeln, konnten nur Symptome beschreiben.
Kommt das denn wieder? Wie schwer ist dein Herz geschädigt? Muss man damit rechnen, dass es schlimmer wird? Keine Ahnung, Leute. Es ist nie mehr wirklich weg gegangen. Ich kenne den Auslöser nicht. Nein, meinem Herz geht es gut. Aber es ist doch entzündet? Ist das nicht gefährlich?
Ja, stimmt eigentlich: ist das nicht gefährlich? Wie lange kann man das so lassen, bevor irreparable Schäden entstanden sind?


Am Ende gab es betretenes Schweigen am Tisch. Keiner wusste so recht, was er sagen sollte. Dass nicht einmal ich als Medizinerin ein schlaues Wort dafür parat hatte, was mit mir los war, sorgte für Ernüchterung. Ich hätte ihnen gerne ihre Unsicherheit abgenommen oder ihnen eine Prognose gegeben. Etwas, das man bei Google eintippen kann, wenn man mehr erfahren will. Stattdessen kam wieder dieses Gefühl vom Juli hoch, als ich verzweifelt auf ein pathologisches Ergebnis bei den Untersuchungen gewartet hatte. Bescheuert, oder? Dass man sich wünscht, dass etwas bei den Tests rauskommt. Egal, was. Hauptsache man hat am Ende einen Arztbrief in der Hand, der eine Diagnose enthält. Eigentlich wünscht man sich doch, dass alles unauffällig ist und man am Ende als gesund nach Hause entlassen wird.


Stimmt nicht. Wenn ein Patient zum Arzt geht, weil er das Gefühl hat, etwas sei nicht in Ordnung, dann möchte er vor allem eine Erklärung dafür, was er empfindet. Natürlich möchte er nicht hören „Ihr Husten kommt von Lungenkrebs“ oder „Sie zittern so, weil Sie Parkinson haben.“ Was er aber auch nicht hören will, ist „Sie haben gar keinen Husten“ oder „Sie zittern zwar, aber warum weiß ich auch nicht.“
Als Patient möchte man eine Erklärung für ein gesundheitliches Problem - und dann eine Lösung dafür.
Der Arzt befindet sich in derselben Situation. Man möchte dem Patienten ja irgendwie helfen. Aber dazu muss man auch wissen wogegen.


Nachdem im Juli zunächst beinahe alle meine Untersuchungen blande gewesen waren, wurden die Kardiologen unruhig. Das typische klinische Bild einer Perimyokarditis hatte sich bislang nicht bestätigen lassen. Damit fiel auch der Therapieplan plötzlich in sich zusammen. Wie sollte man eine Situation beherrschen, die man noch nicht einmal benennen konnte? Erst das MRT brachte den erhofften Nachweis und alle – mich eingeschlossen – waren sehr erleichtert.


Ich konnte auch endlich zuhause anrufen und meinen Eltern erklären, warum ich seit Tagen im Krankenhaus lag. Als ich das erste Mal angerufen hatte, war es schwer, ihnen verständlich zu machen, warum es mir einerseits so schlecht ging, dass ich in der Klinik war, es andererseits aber nicht so schlimm sein konnte, weil man ja nichts gefunden hatte.


Aber war das so? Genau betrachtet, wurde es ja eigentlich immer schlimmer. Und spätestens nach dem nächsten Schub war mir klar, dass mich dieses Thema so bald nicht mehr loslassen würde.

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