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  • 17.05.2017

Plötzlich Patient - Blog 8

Nach dem Besuch bei meinen Eltern erwartete mich wieder der Alltag mit Uni und der Arbeit in der Angiologie. Als Urlaubsvertretung musste ich die erste Januarwoche arbeiten und war deshalb schon vor Silvester wieder in meine WG zurückgekehrt ...

In den Wochen vor Weihnachten hatte sich nach und nach der nächste Schub angebahnt. Ich war müder als sonst, schnell erschöpft und nach körperlicher Anstrengung von dem gewohnten Engegefühl im Brustkorb geplagt. „Anstrengend“ waren schon einfache Tätigkeiten wie Treppensteigen, Einkaufen oder in der Vorlesung sitzen.


Da ich offenbar an einer klassischen Angina Pectoris litt, versuchten wir es mit dem Medikament Ranexa. Tatsächlich hatte ich den Eindruck, dass es mir ein bisschen half, aber beschwerdefrei war ich damit noch lange nicht, deshalb setzte ich es bald wieder ab. Neben Verapamil, um meine immerzu tachykarde Herzfrequenz zu normalisieren, nahm ich außerdem Diclofenac, damit das Brennen im Brustkorb nicht überhand nahm.


Jetzt, im Januar 2014, untersuchte ich in der Angiologie-Ambulanz vormittags Patienten – und das fiel eindeutig in die Rubrik „Anstrengend“. Jeden Morgen fiel mit das Aufstehen etwas schwerer. An manchen Tagen hatte ich so starke Kreislaufprobleme, dass ich nur im Liegen meine Zähne putzen konnte. Wenn ich dann in der Klinik ankam, legte ich mich oft erst einmal selbst auf die Behandlungsliege, bis das Herzrasen und die Übelkeit wieder abflauten.


Das Brennen im Brustkorb nahm an Intensität zu. Diclofenac reichte bald nicht mehr aus und ich sah mich in die Situation im Sommer zurückversetzt, als ich nur nach vorn gebeugt sitzen und flach hatte atmen können, weil die Schmerzen sonst noch schlimmer wurden. Dieses Mal jedoch hatte ich das Tilidin vom Rheumatologen in der Hinterhand. Wo vor einem halben Jahr noch Schluss gewesen war, ermöglichten mir die Schmerztabletten, fast die ganze Woche weiter zu arbeiten. Am Freitag wurde mir jedoch bewusst, dass ich meine Schmerzensgrenze lediglich nach oben verschoben hatte, und nicht damit rechnen konnte, dass dieser Schub von alleine wieder enden würde.


Mittlerweile konnte ich auch kaum noch länger sitzen. Mich verausgabte eine aufrechte Körperhaltung schon nach wenigen Minuten. Zuhause war es mir daher kaum möglich, mir etwas zu essen zu machen. Wenn, dann musste es schnell gehen, bevor meine Kapazitäten erschöpft und der Hunger deshalb wieder vergangen waren. Wenn ich mir etwas am Herd kochte, setzte ich mich mit einem Stuhl davor und rührte im Sitzen. Das Essen musste ich dann in Etappen zu mir nehmen, da selbst das auf Dauer zu anstrengend war.


Ein paar Tage später wartete ich in der verlassenen Kardiologie-Ambulanz auf den befreundeten Kardiologen und saß mit angelehntem Kopf auf einem der schwarzen Stühle im Wartebereich. Als ein Kollege vorbeikam, klappte nicht einmal die Unterhaltung mehr richtig: Reden und Sitzen gleichzeitig, das war fast zu viel. Schließlich machten wir einen Versuch: ich sollte liegend und unter Blutdruck- und EKG- Überwachung Nitro- Spray probieren. Zunächst merkte ich bis auf einen schwachen, pochenden Kopfschmerz keinen Unterschied. Als nach 30 Minuten aber die Angina Pectoris wiederkam, wurde mir klar, wie viel besser ich durch das Nitro hatte atmen können. Und wie angenehm es ohne den Druck auf der Brust gewesen war. So erhielt ich im Alter von 22 Jahren mein erstes rotes Fläschchen Nitro- Spray.

Der Rheumatologe schlug einen Kortisonstoß vor. Ich sollte für ein paar Tage 20mg Prednisolon versuchen. Vielleicht half das, den Schub schneller zu beenden.
Nachdem ich das Wochenende über die meiste Zeit im Bett verbracht hatte, fühlte ich mich zwar schon etwas besser. Aber die Beschwerden waren ganz klar belastungsabhängig, und jede Anstrengung wurde mit anschließenden Schmerzen im Brustkorb und/oder Angina Pectoris quittiert. Letztere war allerdings dank des anti-anginösen Medikaments Molsidomin beträchtlich besser geworden. Nach dem erfolgreichen Einsatz von Nitro- Spray hatten wir es neu in mein Medikamenten-Sammelsurium aufgenommen.


Das Kortison schien tatsächlich auch ein wenig zu helfen. Die Schmerzen waren weniger und ich konnte sogar das wöchentliche Gynäkologie-Seminar besuchen. Danach setzten wir uns vor der Uniklinik in die Sonne, um mit einem Eis in der Hand die vielen verschiedenen Menschen zu beobachten, die dort ein und aus gingen. Nach einiger Zeit merkte ich allerdings, wie das Brennen hinter dem Brustbein stärker wurde. Innerhalb weniger Minuten war es so stark, dass ich nur nach vorne gebeugt, die Ellbogen auf den Knien, flach atmend, einigermaßen entspannt sitzen konnte. Was war denn das? So plötzlich und stark waren die Beschwerden noch nie aufgetreten. Vielleicht hörte es gleich wieder auf; manchmal fährt es einem ja auch ins Knie oder den Kopf und so schnell der Schmerz kommt, ist er auch schon wieder vorbei. Aber als ich zwanzig Minuten später wieder zuhause war, waren die Schmerzen aber immer noch da. Das Tilidin half, aber irgendwie schien auch das nicht auszureichen. Woher kam diese plötzliche Verschlechterung?

Auf der Suche nach einer Erklärung fiel mir auf, dass ich am Morgen vergessen hatte das Prednisolon zu nehmen. Daran musste es liegen! Die Tage zuvor war es vor allem in Bezug auf die Schmerzen deutlich besser gegangen. Und jetzt, ohne die morgendliche Kortisondosis, hatte die Entzündung wieder freie Bahn.

Am nächsten Morgen waren die Schmerzen trotz Tilidin kaum auszuhalten. Die Nacht über hatte ich zusammengerollt im Bett gelegen und gehofft, irgendwann einzuschlafen, damit ich wenigstens nicht mehr so müde und ausgelaugt war. Daran war bei dem Feuer in meinem Brustkorb aber nicht zu denken. Ich stellte fest, dass es am besten half, wenn ich mich zu einem kleinen Päckchen zusammenfaltete und die geballten Fäuste auf die Brust drückte. So war der Kopf zumindest damit beschäftigt, an die angespannten Hände zu denken, deren Knöchel weiß hervortraten, so fest waren sie gedrückt.
Zu dem Schlafdefizit kam auch der wirre Kopf, den ich von den Schmerztabletten hatte. Mir war halb schlecht vor Schmerz, halb schlecht von den Medikamenten, die dagegen helfen sollten. Sobald ich mich aufsetzte, raste mein Herz. Ich versuchte mich abzulenken, damit sich die Zeit nicht weiter so zäh zog, aber mich auf einen Film zu konzentrieren, gelang mir nicht. Als es Abend wurde, bekam ich es mit der Angst zu tun: noch so eine Nacht, das würde ich nicht aushalten. Und falls ich sie irgendwie überstand, war am nächsten Tag Sonntag, da wäre auch keiner der Kollegen in der Ambulanz.
Ich rief schließlich den diensthabenden Kardiologen an und fragte, ob ich kommen könne.
Ein halbes Jahr nach dem ersten Aufenthalt lag ich also wieder in einem Bett in der Kardiologie und alles ging von vorne los.

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