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  • 22.06.2017

Plötzlich Patient - Blog 9

Ich hatte wieder ein Bett auf der kardiologischen Überwachungsstation gewonnen und auch dieses Mal wieder zunächst ein Einzelzimmer. Das war fürs Erste auch wirklich Glück, denn nach zwei schlaflosen Nächten und mit einem Lagerfeuer im Brustkorb wäre mir jeglicher Input durch neugierige Bettnachbarn höchst ungelegen gekommen ...

Die Schwester, die mich betreute, nahm mich nicht ganz ernst. Ich hatte auch dieses Mal Morphium bekommen, da ich mit dem Tilidin und den NSAR schon an und über die Grenze hinaus gegangen war. Dass sie davon nichts hielt, bestätigte ihr mürrischer Gesichtsausdruck. Vom letzten Mal wusste ich noch, dass etwa 30 Minuten nach der Spritze der Kopf „komisch“ wurde und die Schmerzen nachließen. Allerdings wusste ich auch, dass ich mich auf einen sehr unruhigen Schlaf, eher ein untentspanntes Dösen, einstellen konnte. Die Sauerstoffbrille in meiner Nase machte einen für mich in diesem Moment unerträglichen Lärm und reizte meine Schleimhäute. Aber ich musste sie anbehalten, da die Sauerstoffsättigung aufgrund der atemdepressiven Wirkung der Opioide absinken kann und man dem vorbeugen wollte.

Ich wartete, dass sich das Brennen in meinem Brustkorb abschwächte, aber irgendwie schien der Schmerz nicht so recht weg zu gehen. Es war zwar etwas besser, aber immer noch weit entfernt von gut. Nach einigen Stunden fragte ich daher, ob ich nochmal etwas gegen die Schmerzen bekommen könnte. Ich kam mir blöd vor, danach zu fragen. Man fühlt sich wie ein Junkie, der nach Stoff fragt. Und genau so schien mich die Schwester auch wahr zu nehmen: sie kam mit dem Rest Morphium in der Subkutanspritze, wedelte damit vor meinem Gesicht herum und sagte in einem herablassenden Ton: „Sie wissen schon, dass das süchtig macht, oder?“ So war das also. Sie dachte wohl, ich käme hier alle paar Monate her, um mir einen Trip abzuholen. Es mag Patienten geben, die dieses Gefühl von Watte im Kopf mögen und die wirklich einen kleinen Trip von Morphium, Dipidolor und Co. bekommen. Zu denen gehöre ich aber (leider) nicht. Als ich bei zwei Herzkatheteruntersuchungen vor ein paar Jahren Dipidolor bekommen hatte, war das leider genauso unangenehm gewesen wie jetzt das Morphin. Ganz abgesehen davon, dass es dieses Mal irgendwie nicht wie erwartet komplett half.

Ich hatte so lange mit dem Tilidin herumprobiert, dass ich dieses Mal deutlich später in die Klinik gekommen war als ein halbes Jahr zuvor. Meine Schmerzen und die Perikarditis waren weiter fortgeschritten und im Nachhinein wurde mir klar, dass ich schon viel früher pausieren und im Bett hätte bleiben sollen. Irgendwann im Halbschlaf kam mir der Gedanke, dass sie mir vielleicht nur Kochsalz verabreicht haben könnte. Um zu testen, ob ich wirklich Schmerzen hätte. Dieser absurde Einfall beweist: ein bisschen schlug das Morphium dann doch an, zumindest im Kopf ...

Tagsüber schlief ich viel, aber ich stieß körperlich dennoch schnell an meine Grenzen. Besonders heikel war morgens die Kombination aus Frühstück und Morgentoilette: danach musste ich mich erst einmal wieder ein paar Stunden hinlegen, da die Anstrengung für eine neue Schmerzattacke sorgte. Es war ganz klar körperliche Belastung, die für die Angina Pectoris und den thorakalen Schmerz verantwortlich war. Der begann langsam, aber wenn ich dann nicht bald etwas dagegen unternahm, ging es mir für mehrere Stunden richtig schlecht.


Ein Freund aus dem Blutentnahmedienst kam nach der Arbeit jeden Morgen noch auf eine Tasse Blümchenkaffee vorbei und setzte sich zu mir, um mich auf den neusten Stand zu bringen. Das war immer unterhaltsam, aber meistens auch wahnsinnig anstrengend für mich. Manchmal sorgte diese Unterhaltung als letzter Tropfen dafür, dass das Fass überlief und es zu einer neuerlichen „Attacke“ kam. Dann musste ich ihn leider wegschicken und mich erst mal wieder in meine inzwischen perfektionierte „Wie-kann-man-sich-so-klein-wie-möglich-zusammenrollen-Position“ begeben, denn so waren die Schmerzen am besten zu ertragen.

Im weiteren Verlauf der Woche traf ich jede Nacht auf diese Schwester. Und ich vermied so gut es ging, mit ihr aneinander zu geraten. Vor allem fragte ich nie wieder, ob ich etwas gegen Schmerzen haben konnte, auch wenn ich welche hatte. Irgendwie erschreckend, oder? Ich habe die Maxime „keiner muss Schmerzen leiden“ im Krankenhaus sowohl von Pflegern als auch Ärzten oft genug mit großzügiger Geste gehört. Grundsätzlich mag das ja stimmen, aber sobald es in meinem Alter um Schmerzen geht, die nicht mehr mit Novalgintropfen zu beherrschen sind, muss man entweder eine OP hinter sich haben oder schon mit einem Fentanylpflaster in der häuslichen Medikation kommen, damit man sofort ernst genommen wird.

Dabei waren diese AP-Anfälle dank der kontinuierlichen Monitorüberwachung bei mir sehr gut nachzuvollziehen. Ich wurde tachykard, der Blutdruck stieg und mein wortkarges Verhalten, zusammen mit der Anti-Schmerz-Päckchen-Position zeigten eindeutig, dass es mir schon mal besser ging. Doch auch die Stationsärztin war zurückhaltend, als es darum ging mit dem Tilidin rauszurücken. Seit ich aufgenommen worden war, hatte ich es nur auf nachdrückliches Bitten bekommen, manchmal auch gar nicht, da „es auch so auszuhalten“ wäre.


Für mich als Patientin hatte dies zwei Konsequenzen. Zum einen beschloss ich, in Zukunft von Zuhause nicht nur meine übliche Medikation, sondern auch meine Schmerzmedikamente selbst mitzubringen. Für den Fall, dass ich wieder eine Diskussion verlor oder mehr davon benötigte, als man mir geben wollte. Zum anderen lernte ich, dass Schmerz eine höchst subjektive Empfindung ist, die kein Außenstehender beurteilen kann und darf. Zwar lässt er sich durch verschiedene Skalen und physiologische Parameter wie Blutdruck, Atmung oder Puls objektivieren. Wie schwer und wie schlimm diese Empfindung für den Einzelnen in der jeweiligen Situation ist, das kann aber nur derjenige, der darin steckt, wirklich entscheiden. Dabei geht es auch weniger darum, ob etwas objektiv schmerzhaft ist oder nicht, denn das berühmte Beispiel des Männerschnupfens zeigt eindrucksvoll, dass gesundheitliche Beschwerden höchst unterschiedlich bewertet werden. Interkulturell, geschlechtsabhängig, aber auch beeinflusst durch die momentane psychische Verfassung, den Umgang des Umfelds, und jede Menge weitere Faktoren.

Mir hilft es dann, wenn ich abgelenkt werde. Wenn jemand einfach nur da ist, und ich weiß, dass ich nicht alleine bin. Im Krankenhaus half auch oft laute Musik in den Ohren, die lenkte von den vielen anderen Geräuschen um mich herum ab und so konnte ich mich gedanklich – wenn schon nicht körperlich – ein bisschen abreagieren.


Was zum Beispiel nicht geht, wenn ich starke Schmerzen habe, sind Unterhaltungen – die machen das Ganze nur noch schlimmer, da sie zusätzlich anstrengen: Einmal weigerte sich die Stationsärztin, mir etwas zu geben und wollte unbedingt wissen, was das rheumatologische Konsil ergeben hatte. Leider hatte mich das lange Warten dort total ausgeknockt und so war ich in dem Moment dank einer AP-Attacke nicht mehr in der Lage, mich zu unterhalten. Da sie nicht klein beigab, versuchte ich irgendwie zu rekapitulieren, was der Rheumatologe gesagt hatte. Ging aber nicht, mein Kopf war von den Schmerzen so leer gefegt, dass ich keinen vernünftigen Satz mehr heraus bekam. Das war schließlich auch überzeugend genug für die Ärztin. Ab da glaubte sie mir auch ohne dass ich wirres Zeug von mir gab, wenn ich sagte ich hätte Schmerzen. Und zum Glück war es auch nie mehr so schlimm, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Aber diese Erfahrung hätte ich mir gerne erspart.

Ich für mich habe also beschlossen, dass ich als Ärztin später niemals darüber richten werde, ob jemand Schmerzen hat und wie stark diese wohl sind. Natürlich werde ich nicht wie wild mit Analgetika um mich werfen. Aber nach meiner Eigenerfahrung glaube ich mittlerweile ganz gut differenzieren zu können, wie jemand aussieht, der schmerzgeplagt ist. Und da ich weiß, dass eine Diskussion darüber das letzte ist, was so ein Patient gebrauchen kann, versuche ich sie gar nicht erst aufkommen zu lassen. Ich möchte nicht, dass meine Patienten später die Erfahrung machen müssen, dass sie nach Schmerzmittel betteln müssen, weil sie nicht ernst genommen werden.

Noch heute komme ich mir manchmal vor wie ein Junkie, wenn ich im Krankenhaus aufgrund meiner Schmerzmedikation mit Opioiden misstrauisch angeschaut werde. Nein, davon werde ich nicht high, und ja, das macht abhängig. Aber manchmal ist es das einzige was hilft, und dafür sind wir Ärzte ja da – um zu helfen.

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