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  • 04.08.2017

Plötzlich Patient - Blog 10

Ich war nun schon einige Tage in der Klinik und auf die alltäglichen Abläufe eingestellt, als ich eine neue Zimmernachbarin bekam: eine freundliche polnische Seniorin, die stets in einem Berg von Kissen verschwand, während sie selig der polnischen Messe in ihrem Internetradio fröhnte. Und während wir beide auf bessere Zeiten warteten, verstrichen die ersten Januartage in einem tristen Grau.

An meinem Zustand hatte sich auch nach fast einer Woche nicht viel geändert. Meine körperliche Belastbarkeit beschränkte sich auf die fünf Meter Fußweg ins Bad und, wenn es mal besonders gut lief, auch auf eine Weile Sitzen und Reden. Mit der Zeit wusste ich allerdings auch besser einzuschätzen, ob es besser war eine Pause zu machen oder zum Beispiel ein Besuch und Gespräche möglich waren. Davon hatte ich auch reichlich: meine Kommilitonen kamen jeden Tag vorbei, wenn sie in der Klinik unterwegs waren, und hielten mich auf dem Laufenden. Meine WG versorgte mich zuverlässig mit Utensilien, die mir fehlten – die Katze musste allerdings leider zuhause bleiben. Und die Kollegen aus der Kardiologie und Angiologie schauten regelmäßig vorbei, schon allein, um mich mit dem aktuellen Klinik-Gossip zu versorgen, den ich, trotz zentraler Lage, aufgrund meiner eingeschränkten Mobilität nicht mitbekam.

Meine Zimmernachbarin unterhielt mich die restliche Zeit, indem sie mit Pfleger Horst eifrige Diskussionen zum Beispiel darüber führte, ob eine Kalinor Brause nun wirklich angebracht sei oder nicht durch erhöhten Käsekonsum kompensiert werden könne. Nach einigen Tagen stellte sie resigniert fest, dass sich ihr Kaliumspiegel durch den allmorgendlichen Schnittkäse nicht merklich gebessert hatte, und sie ja eigentlich von Anfang an darauf verzichten hätte können, schließlich möge sie gar keinen Käse.

Überhaupt, das Thema Kalium lag ihr schwer im Magen. Als der Pfleger ihr zum Frühstück einen Kaffee mit viel Milch brachte, empörte sie sich: „Das trink ich nicht!“ Er starrte sie an. „Wie? Das trinken Sie nicht? Ich hab Sie doch eben gefragt und das ist was Sie haben wollten!“ - „Was ist das denn?“ - „Na, Milchkaffee! Kaffee mit viel Milch, so wie bestellt! Nach was sieht's denn sonst aus?“ Da erhellte sich ihr Gesicht: „Achso! Dachte das wär Kalium...“

Am Sonntag bereitete sie sich schon früh morgens akribisch auf ihre Tagesaufgabe vor: erst die polnische Messe im Internetradio hören, danach direkt auf die Messe in der ARD wechseln. Mir fiel die Aufgabe zu, die Radioantenne möglichst auf den besten Empfang einzustellen, da in den Tagen zuvor angeblich ausschließlich ich den besten Winkel gefunden hatte. Allerdings wurde es mir irgendwann zu viel, ständig aufzustehen, sodass meine Bettnachbarin gelangweilt in ihren Kissen versank und nicht wusste, wie sie sich die Zeit bis zum Beginn der Messe vertreiben sollte.


Schließlich der rettende Einfall: es gab ja auch noch einen Klinikpfarrer! Messe in live! So rief sie zuhause an und teilte mit, dass sie jetzt augenblicklich einen Pfarrer benötige. Innerhalb einer halben Stunde kam jener mit besorgter, trauriger Miene in unser Zimmer, in der Annahme es gehe um das letzte Geleit – schließlich war ihm höchste Dringlichkeit vermittelt worden, und immerhin waren wir auf einer Überwachungsstation. Da saßen sie also, er hielt ihre Hände, sie thronte mit einem zufriedenen Lächeln in ihrem Kissenberg, und dann ging's dem Rosenkranz an den Kragen.

Nach einer Viertelstunde realisierte der Geistliche, dass es der Dame den Umständen entsprechend äußerst gut ging und sie sich lediglich ihre vormittägliche Unterhaltung hatte sichern wollen, und ab da ging alles sehr schnell. Noch ein, zwei Gebete, da war er schon wieder weg und sie wieder allein mit Internetradio und dicken Kopfhörern, mit denen sie vollständig in der Welt der Kirchengesänge und Predigten versinken konnte.


Nun kam mein Part: die Messe in der ARD stand bevor. Aber dazu mussten die dicken Kopfhörer umgesteckt werden und ich hoffte, sie von meinem Bett aus dirigieren zu können. Ich werde nie vergessen, wie sie, die Zunge zwischen die Zähne geklemmt, in höchster Konzentration, das Kopfhörerkabel packte und versuchte, es so schnell wie möglich vom Radio in den Fernseher zu stecken. In ohrenbetäubender Lautstärke predigte ein polnischer Geistlicher seine Sonntagsworte, während meine Bettnachbarin in wilder Panik die Kopfhörer wieder ins Internetradio rammte. Kein Wunder, dass sie bei dieser Lautstärke immer vollends in ihrer Welt verschwunden war, das war lauter gewesen als live in einer Kirche! Nach neuerlicher Instruktion durch mich klappte der zweite Versuch und die Unterhaltung war gesichert. So eine Aufregung am frühen Sonntagmorgen...

Während ich mit meiner Zimmernachbarin beschäftigt war, bissen sich die Ärzte auf der Station an meiner Situation die Zähne aus. Nach wie vor bekam ich Kortison, aber die Beschwerden wurden kaum besser. Durch die Bettruhe waren sie zwar einigermaßen im Griff, aber so konnte das ja nicht ewig weitergehen.
Um eine Durchblutungsstörung des Herzens auszuschließen, sollte ich ein Stress- MRT bekommen. Hierbei wird das Herz medikamentös belastet – man liegt zwar in der Röhre, es wird aber ein Sprint simuliert. Ich hatte schon viele MRTs gehabt, aber dass ich nun möglicherweise eine halbe Stunde lang darin aushalten musste, während ich diese Schmerzen und Angina pectoris bekam, machte mir Sorgen. Allein schon der „Ausflug“ in die radiologische Abteilung konnte Anstrengung genug sein, um mich für den Rest des Tages auszuschalten.

Im Nachhinein war das nicht der Fall- Auch im MRT selbst traten die Beschwerden nicht auf, wenngleich das Medikament ein sehr unangenehmes Herzrasen verursachte, aber das war gewollt.
Außer einem kleinen Perikarderguss und Pleuraergüssen war das Ergebnis unauffällig, vor allem im Hinblick auf eine Minderperfusion des Herzens. Bedeutete das, dass doch alles ok war? Oder war die Durchblutung vielleicht nur phasenweise eingeschränkt, nämlich dann, wenn die Angina pectoris auftrat? Möglicherweise handelte es sich um Koronarspasmen, die anfallsartig kamen, aber die konnte man nicht so einfach feststellen.


Da in einer Kapillarmikroskopie Veränderungen der Kleinstgefäße diagnostiziert worden waren, lag der Verdacht nahe, dass es in meinem Herzmuskel ähnlich aussah. Das war eine plausible Erklärung für die Beschwerden, aber man konnte sie nicht bestätigen. Diese Gefäße sind nicht darstellbar, weder im MRT noch in einer Herzkatheteruntersuchung. Letztlich blieb es bei Vermutungen und dabei, dass mir außer mit Schmerzmitteln und durchblutungsfördernden Medikamenten wie Nitraten in diesem Moment nicht anders zu helfen war.

Nach fast zwei Wochen war mein Zustand so stabil, dass ich nach Hause gehen konnte und dort noch einige weitere Tage durchgehend das Bett hütete. Es dauerte Wochen, bis ich soweit belastbar war, dass ich regelmäßig in die Uni konnte – für eine Vorlesung pro Woche. Da in diesem Semester kaum Pflichtveranstaltungen stattfanden, ließ sich das gut kompensieren, aber was würde im Sommer passieren, wenn wir ins Praxissemester kamen? Es war inzwischen klar, dass körperliche Anstrengung diese Schübe triggerte, aber die ließ sich nun mal schwer vermeiden.
Fürs erste waren alle Beteiligten froh, diesen Schub überstanden zu haben – und an den nächsten wollten wir gar nicht erst denken.

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