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  • 18.05.2016

Einsatz 10

Hi Leute,

erstmal vielen Dank für die vielen Zuschriften und die lebhafte Diskussion.

Wie ging’s also weiter mit unserem Einsatz von letzter Woche?

Christoph und ich haben den Patienten (Diagnose: anaphylaktischer Schock, wie ihr richtig erkannt habt) oberkörperaufrecht auf einen Stuhl gesetzt und ihm dann einen halben Milliliter Adrenalin subkutan gespritzt. Merkt euch das als Erstmaßnahme: Wenn es einem Allergiker so richtig dreckig geht, muss Adrenalin her. In der Regel haben die meisten auch selbst einen Adrenalinpen – sofern sie von ihrer Disposition wissen. Unser Patient hatte keinen Schimmer von einer Hornissengiftallergie.

Der Adrenalinschub verschafft euch Zeit. Die nutzten wir nun um einen Zugang zu legen. Vorher muss man natürlich mit Sauerstoff per Maske ordentlich aufsättigen. Spart euch die O2-Brille. Falls ihr doch intubieren müsst (oder schlimmer), könnt ihr mit einer Maske wenigstens auf eine ordentliche Präoxygenierung zurückgreifen. Das gilt übrigens auch für alle anderen Fälle, bei denen eine Intubation im Raum steht.

Präoxygenierungen sind Gold wert! Nachdem der Zugang lag, kamen die Allergiestandards: H1 Blocker, H2 Blocker, Prednisolon und Volumen, Volumen, Volumen. Zusätzlich sollte man dann, je nach Vitalparametern noch Suprarenin in 100 ug Schritten dazugeben. Glücklicherweise kam irgendwann auch der RTW, dessen Besatzung uns half, den Patienten zu verkabeln.

Tachykard war er zwar immer noch, der Druck lag aber mittlerweile bei 100 mmHg (systolisch). Außerdem sah der Mann wesentlich besser aus. Wir brachten ihn ins Krankenhaus, wo er halbwegs stabilisiert ankam. Das ist beim allergischen Schock immer so eine Sache. Oft glaubt einem niemand wie schlimm es vor Ort war und wieso um alles in der Welt man ein Intensivbett bestellt hat. Das ist doch gar nicht nötig.
Ist es doch – selbst wenn es dem Patienten danach wieder super geht. Überhaupt sollten Patienten nach einer Anaphylaxie mindestens 24 Stunden hospitalisiert werden.

Aber wieso eigentlich? Schreibt doch bitte eure Meinung dazu. Außerdem würde ich gerne von euch wissen, warum wir einen H2Blocker geben. Eigentlich ist der bei der Anaphylaxie doch gar nicht indiziert, oder? Ich bin gespannt auf eure Kommentare.

Zusammenfassend möchte ich euch noch eine Art Kochrezept Anaphylaxie an die Hand geben. Bitte achtet aber darauf, dass für die individuelle Indikationsstellung und Medikamentengabe immer der Arzt vor Ort verantwortlich ist.

Sinnvoll zu erwägen sind:

  • H1-Blocker, zum Beispiel Clemastin 2 mg i.v.
  • H2-Blocker, zum Beispiel Ranitidin 50 mg i.v.
  • Vollelektrolytlösung 500 ml im Schuss i.v.
  • Prednisolon in 250 mg Schritten bis 1 g i.v.
  • Suprarenin 0,5 mg s.c. wenn noch kein Zugang etabliert, oder 
  • Suprarenin in 50 – 100 ug Schritten i.v.
  • Sauerstoff

Kurz zur Funktion der einzelnen Medikamente: Der H1-Blocker dient dazu, die histamininduzierte Vasodilatation am H1 Rezeptor zu blocken. Histamin wird von Mastzellen ausgeschüttet. Deren Stabilisierung wird durch das Prednisolon erreicht. Suprarenin macht die Vasodilatation rückgängig und hält so das Volumen im Gefäß. Außerdem wirkt es positiv inotrop. Trotzdem ist ja Volumen verloren gegangen. Das sollte so schnell wie möglich durch eine Vollelektrolytlösung (cave: Niereninsuffizienz) ausgeglichen werden.

Zum Schluss noch eine zum Thema passende Geschichte: Ich durfte diese Woche eine Frau im anaphylaktischen Schock behandeln, die von einem, na ja, sagen wir auf bestimmte allergologische IGEL-Leistungen spezialisierten Internisten behandelt worden war. Die Patientin hatte vom Arzt einen Cocktail aus verschiedenen ‚wichtigen Zusatzstoffen’ bekommen, der die Allergie nun endlich heilen sollte.

Das Ergebnis allerdings war leider nicht ganz überzeugend, denn der Cocktail verursachte einen ernsthaften allergischen Schock. Dummerweise hatte der Kollege diese Möglichkeit nicht bedacht, als er seine Patientin nach Gabe der Medis nach Hause schickte, wo wir sie dann mit einem Hautkolorit zwischen leichenblass und lavendelblau antrafen. Glücklicherweise konnten wir die Frau stabilisieren in gutem AZ im Krankenhaus abgeben.

Ich freue mich auf eine rege Diskussion!

Bis nächste Woche,
Falk

 

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  • Falk Stirkat - Foto: Emotion in Frames

    Falk Stirkat ist Notarzt und erzählt in seinem Blog von besonderen Einsätzen.