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  • Falk Stirkat
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  • 10.06.2016

Einsatz 12

Hallo Freunde,

diese Woche gab es einiges zu tun. Komischerweise stand das Thema Abhängigkeit in diesen Tagen ganz oben auf der Rangliste. Da war eine Frau in den besten Jahren, die sich so zugedröhnt hatte, dass ich ihr tatsächlich Naloxon (das Antidot zu Opioiden) geben musste, weil sie es sonst vermutlich nicht ohne ein Schläuchlein im Hals geschafft hätte.

Normalerweise muss man da eher vorsichtig sein. Gerade bei männlichen Fixern besteht nämlich die Gefahr, dass sie die plötzliche Blockade aller Opioidrezeptoren eher so mittel finden und dann ziemlich grummelig werden. Denn tatsächlich verursacht das Ganze ziemlich starke Schmerzen.

Logisch – wer sich an den kontinuierlichen Konsum von morphinartigen Substanzen gewöhnt hat, für den ist ein kalter Entzug, der binnen Sekunden von Statten geht, nicht so der Oberknaller. Interessant waren auch die Augen der Patientin. Am Anfang noch ungefähr so groß wie Stecknadelköpfe wurden sie sofort nach Naloxongabe plötzlich richtiggehend weit.

Dumm nur, dass das Zeug nicht ewig wirkt und man es deshalb von Zeit zu Zeit nachspritzen muss, damit nicht erneut eine krasse Atemdepression eintritt. Die gute Frau jedenfalls hat’s überlebt und ich befürchte, dass das Zusammentreffen mit ihr nicht das letzte dieser Art war.

In der Nacht erwartete uns dann das Gegenteil: Da war ein älterer Mann, der wohl seit einiger Zeit im Entzugsprogramm ist und jetzt, warum auch immer, einen akuten Entzug hatte. Es ging ihm so richtig dreckig. Gekrümmt wie ein Baby lag er im Bett und schwitzte am ganzen Körper. Vom Schüttelfrost ganz zu schweigen.

Nachdem ich ihm ein bisschen Morphin und ein paar Milligramm Midazolam gespritzt hatte, ging es ihm aber wieder super. Er habe das öfter und das Morphin würde immer ganz gut gegen den Entzug helfen. Komisch.

Aber der Oberhammer diese Woche kommt noch: ein völlig unspektakulärer Verkehrsunfall. Rentner gegen Rentner. Glücklicherweise waren die beiden nicht besonders schnell unterwegs. Einer wollte abbiegen, der andere hatte ihn übersehen und so kam es wie es kommen musste. Bei einem der betagten Führerscheininhaber ging der Airbag auf, weshalb ich mich dazu entschied ihm einen Stiffneck und die Abklärung in der Klinik nahe zu legen.

Er wollte nicht. Ich solle nicht so ein Aufheben machen, man hätte ja schon viel Schlimmeres im Leben durchgemacht. Ok, dachte ich, wer nicht will der hat schon. Trotzdem ging ich meiner Pflicht nach, den Mann ausführlich über mögliche Konsequenzen seiner Entscheidung aufzuklären. Als ich beim Komplikationshighlight – der Querschnittlähmung - ankam, überlegte der gute Mann es sich kurzerhand doch nochmal anders und genehmigte mir, ihn in die Klinik zu bringen.

Diagnose: Densfraktur, ein Bruch in der oberen Wirbelsäule. Da hat er wohl nochmal Glück gehabt. Und ich auch. Ohne Aufklärung wäre das für uns beide wohl nicht so gut ausgegangen.

Und die Moral von der Geschicht: Wenn jemand nicht ins Krankenhaus will, denkt immer daran, ihn ordentlich über etwaige Konsequenzen aufzuklären und lasst ihn unterschreiben, dass ihr das getan habt. Tut ihr das nicht, kann euch (und in unserem Fall auch dem Patienten) diese Nachlässigkeit das Genick brechen.

Bis die Tage,
Falk.

 

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    Falk Stirkat ist Notarzt und erzählt in seinem Blog von besonderen Einsätzen.