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  • Falk Stirkat
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  • 22.06.2016

Einsatz 13

Hallo Ihr da draußen,

Kindernotfälle sind immer eine Herausforderung für Retter. Ich kenne keinen, der sich bei der Behandlung von Säuglingen und Kleinkindern wirklich wohl fühlt. Auch ich zucke kurz zusammen, wenn die Einsatzmeldung „Luftnot bei Säugling“ lautet. Das hat sicher mehrere Gründe. Nicht zuletzt liegt das aber daran, dass diese kleinen Würmchen in uns allen die Elterngefühle an die Oberfläche kommen lassen – den intuitiven Schutzinstinkt. Die notwendige professionelle Distanz zum Patienten ist ziemlich schwer zu halten, wenn man in die Augen eines zweimonatigen Hosenscheißers schaut, dessen Leben am seidenen Faden hängt. Wenn einem dann bewusst wird, dass man selbst der Typ mit der Schere ist, kann man schon mal ins Schwitzen kommen. Jetzt nur keinen Fehler machen!

Dann kommt noch dazu, dass den allermeisten Notärzten und Rettern natürlich die Routine im Umgang mit schwerstkranken Säuglingen fehlt – einfach weil das so selten vorkommt. Was nun also tun? Oberstes Kredo: Ein Kind braucht Luft. Klar, wir alle brauchen die. Weil aber der Super-GAU, der Herz-Kreislaufstillstand beim Kind, fast immer durch Luftnot bedingt ist, muss man dafür sorgen, dass der Matz atmet. Bestes Zeichen: Das Kind schreit. Überhaupt liebe ich schreiende Kinder. Die haben nämlich genug Energie dafür. Kurz vor dem Sterben können sie also schon mal nicht sein.


Wenn Eltern jedoch erzählen, dass ihr Sprössling plötzlich aufgehört habe zu atmen, dann ganz schlapp geworden wäre und schließlich blau angelaufen sei, so ist die Sache schon viel komplizierter. Denn der gemeine Winzling ist leider wenig mitteilsam. Er antwortet einfach nicht auf Fragen. Weder gibt es eine Antwort auf die Erkundigung nach dem allgemeinen Befinden, noch nach eventuellen Beschwerden. Erkundigt man sich dann noch nach Schmerzen, kann man schon für einen irritierten, von reichlich Sabbern begleiteten Blick dankbar sein. So kommt man also nicht weiter.


Was tun? Zum Glück gibt es nur wenige Ursachen, die bei einem Winzling einen Atemstillstand auslösen. Entweder der kleine Patient hat etwas verschluckt, dass ihn am Atmen hindert (das kann man in der Regel durch Auflegen des Stethoskops herausbekommen), oder es war ein Fieberkrampf. Der hat oft eine Phase der Schlappheit zur Folge. Außerdem atmen die kleinen Patienten im Anschluss daran manchmal nicht ganz regelmäßig. Vorkommen kann auch, dass die Kleinen nach besonders heftigem Schreien schon mal etwas blau anlaufen. Und dann ist da, neben anderen, selteneren Ursachen für Atemaussetzer bei den Allerkleinsten, noch das gefürchtete SIDS (sudden infant death syndrome), der plötzliche Kindstod. Allein das Wort lässt einen frösteln. Ein toter Säugling gehört so zu den schlimmsten Einsätzen, die ich mir vorstellen kann!


In den letzten 24 Stunden mussten mein Team und ich vier Kinder behandeln, zwei davon waren unter sechs Monaten. Das sind ungewöhnlich viele Kindernotfälle und glücklicherweise haben all meine kleinen Patienten in dieser Woche souverän überlebt.
Bleibt mir nur die Hoffnung, dass die Kindernotfallphase nun vorbei ist und ich euch nächste Woche erneut von volljährigen Kranken berichten kann.

Bis dahin,
euer Falk

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    Falk Stirkat ist Notarzt und erzählt in seinem Blog von besonderen Einsätzen.