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  • 13.07.2016

Einsatz 15

Hallo Freunde,

ich hoffe es geht euch allen gut und ihr habt die heißen Tage, sowie die Fußball-EM lebend überstanden. Das war schon was dieses Jahr, oder? Stehen sich doch tatsächlich am Ende der Gastgeber und ein Außenseiter gegenüber (ohne DFB Elf :-( ) und dann gewinnt auch noch der Außenseiter. Irgendwie hatte ich dieses Jahr sowieso das Gefühl, dass oft die gewonnen haben, die schlechter spielten. Aber so ist das manchmal im Fußball. Warum ich euch das erzähle? Nun ja, ich habe mich wie immer richtig aufs Endspiel gefreut – und wie immer wurde nichts draus. Denn mitten in der ersten Halbzeit ging der Melder und zwang das gesamte Rettungsteam Fußball Fußball sein zu lassen und sich den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu widmen.

Die wurden uns in Form einer Radfahrerin präsentiert, die wohl besser mal den Franzosen beim Verlieren zugeschaut hätte. Die Alternative war nämlich ziemlich unschön. Sie gehörte auf jeden Fall zu den Verlierern des Abends – obwohl sie keine Französin war.
Auf dem Weg von der Arbeit nach Hause verfing sich nämlich der vordere Reifen ihres Fahrrades in einem Ast und unsere Patientin knallte mit dem Kopf gegen einen Stein. Glücklicherweise wurde der Unfall von Passanten beobachtet, die uns umgehend verständigten. Und so war unser Fußballabend vorerst passè.

Vor Ort bot sich uns ein unschönes Bild. Die Verunfallte lief wirr umher und konnte nur von den Ersthelfern daran gehindert werden, vor ein Auto zu rennen und sich weitere Verletzungen zuzuziehen. Das war auch gut so, denn die ihre war schlimm genug. Immer wieder fragte sie, was passiert sei. Aus einer tiefen Wunde an der Schläfe traten große Mengen Blut aus. Wobei das Wort groß hier relativ zu sehen ist. Blutungen wirken oft sehr stark, obwohl die Patienten am Ende ‚nur’ ein paar hundert Milliliter verloren haben. Aber das reicht auch. Größere Sorgen als der Blutverlust machte mir aber der Geisteszustand der Frau. Sie wusste weder wer sie war, noch wo sie sich befand – und erst recht nicht was passiert war. Helfen lassen wollte sie sich erst recht nicht. Uns blieb nichts anderes übrig, als sie mit einem leichten Beruhigungsmittel, das man über die Nase verabreichen kann, etwas zu entspannen. Wir nennen solche Medikamente auch Meinungsanpasser.

Als unsere Patientin dann im Rettungswagen lag, konnten wir uns einen besseren Überblick über das Ausmaß der Verletzungen machen. Offenbar war nur der Schädel betroffen. Die Frau war auf den Stein geknallt und blutete aus der daraus resultierenden Wunde. Eine kurze Untersuchung legte den Verdacht nahe, dass der unterliegende Knochen zumindest angebrochen war. Hier mussten wir von einer Hirnblutung ausgehen. Weil man so eine Diagnose lediglich als Verdacht äußern kann, bevor man nicht eine CT-Untersuchung des Kopfes vorliegen hat, gingen wir auf Nummer sicher und orderten einen Hubschrauber, der die Verletzte in ein Traumazentrum mit Neurochirurgie flog. Denn obwohl die Verwirrtheit auch durch eine einfache Hirnerschütterung verursacht sein könnte, durften wir kein Risiko eingehen. Was, wenn ich mich für einen Transport in eine Klinik ohne entsprechende Infrastruktur entschieden hätte und dann herausgekommen wäre, dass tatsächlich Blut ungehindert ins Hirn läuft. Nein, ein schneller Flug in ein Traumazentrum war hier unumgänglich.

Glücklicherweise verschlechterte sich der Zustand unserer Patientin nicht weiter, sodass wir um eine Intubation umhin kamen. Die ist bei Verunfallten, deren Wachheit nach dem Unfall immer weiter abnimmt, nämlich wichtig um zu verhindern, dass sie am eigenen Erbrochenen (Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma leiden unter ziemlich starker Übelkeit) ersticken.

Der Transport mittels Hubschrauber lief reibungslos. Es stellte sich heraus, dass keine Hirnblutung vorlag. Trotzdem musste die Frau noch für mehrere Tage auf der Überwachungsstation liegen. Eine schwere Gehirnerschütterung hatte sie sich nämlich allemal zugezogen.

Vielleicht habt ihr euch während des Lesens gefragt, ob unsere Patientin denn keinen Helm getragen hat. Doch hat sie. Und genau das rettete ihr vermutlich das Leben. Denn ohne die, zugegebenermaßen sehr unmodische Schutzschale, wäre die Frau jetzt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Pflegefall.

 

Viele Grüße

euer Falk

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  • Falk Stirkat - Foto: Emotion in Frames

    Falk Stirkat ist Notarzt und erzählt in seinem Blog von besonderen Einsätzen.