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  • Falk Stirkat
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  • 31.08.2016

Einsatz 17

Hallo Freunde,

der Sommer war lang und ich hoffe, ihr konntet euch gut erholen. Denn jetzt geht’s wieder los! Für einige von euch einfach „nur“ mit dem neuen Semester – andere starten vielleicht sogar in einen neuen Lebensabschnitt. Wer sich also gerade für das Medizinstudium eingeschrieben, das Physikum beendet hat oder sogar in wenigen Tagen als frischgebackener Arzt durchstartet, dem wünsche ich richtig viel Erfolg und Spaß! Und natürlich einen langen Atem – den werdet ihr nämlich brauchen.

Für mich war der Sommer leider eher eintönig. Dieses Jahr stand kein Urlaub auf dem Programm, stattdessen waren Arbeit und die Vorbereitungen für mein neues Buch angesagt. Glücklicherweise ist der Sommer bei uns oft einsatztechnisch sehr niedrig frequentiert. Ich nehme an, das liegt daran, dass so viele im Urlaub sind. Jedenfalls gab es Tage ohne einen einzigen Einsatz, was manchmal ziemlich nervig ist. Da ist es gut, dass trotzdem einige ‚Sahnestücke’ dabei waren, von denen ich euch erzählen kann.

Etwas ganz besonders Abgedrehtes erwartete uns, als wir eines Mittags (es war einer dieser richtig fies heißen Julitage) in eine Kirche alarmiert wurden. Die Einsatzmeldung lautete: Bewusstlose Person. Gespannt machten wir uns auf den Weg zum Gotteshaus. Dort wurden wir bereits von ein paar Mitarbeiterinnen und dem Pfarrer begrüßt, die uns den Weg in einen Seitenraum – die Toilette - wiesen. Dort stand ein völlig verwahrloster junger Mann, der mit heruntergelassener Hose versuchte, sich einen Schuss in die Leistenarterie zu setzen. Außerdem stand ein Fläschchen mit Beruhigungsmitteln auf dem Waschbecken. ‚Was ist das denn für ein Geruch?’ wollte eine der Damen wissen. Die Mitarbeiter waren offenkundig besorgt. So sehr, dass sie die Situation am Telefon leicht übertrieben hatten. Bewusstlos war der Mann nämlich keinesfalls – zumindest noch nicht.

‚Das kommt vom Heroinkochen.’ antwortete ich staubtrocken. Die Kinnlade der armen Frau klappte herunter und sie wurde immer blasser. ‚Kann man davon auch high werden?’ fragte sie besorgt. ‚So hat jeder seine Art zu Gott zu finden.’ scherzte der Pfarrer. Ich war überrascht. So viel Humor hätte ich dem Mann gar nicht zugetraut.

Nachdem wir die Situation soweit überblickt hatten, galt es zu überlegen, wie wir weiter vorgehen sollten. Klar war: Solange der Typ da drin mit seiner Nadel herumfuhrwerkte, würde sich keiner meiner Kollegen nähern. Viel zu gefährlich! Auf unsere Versuche, den Mann dazu zu bewegen, seine Aufputschversuche zu beenden, reagierte der lediglich mit einem wütenden Knurren.

Also benachrichtigten wir die Polizei und warteten bis die Kombination aus Benzodiazepinen und Heroin ihr Werk vollbrachte und den Patienten gefügig machte. Mit einer Sauerstoffmaske auf der Nase ging es dann auf schnellstem Wege in Richtung Krankenhaus Dort musste sich der Patient erstmal richtig ausschlafen, um dann am nächsten Tag in die Psychiatrie verlegt zu werden.

Die Mitarbeiterinnen des Pfarramtes waren sichtlich erleichtert, als sich der ganze Trubel legte und Polizei, Rettungsdienst und Drogenjunkie wieder verschwunden waren. Nur der Pfarrer hatte noch den ein oder anderen zynisch-komischen Kommentar auf Lager. Ein sympathischer Typ.

Bis bald,

Euer Falk

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    Falk Stirkat ist Notarzt und erzählt in seinem Blog von besonderen Einsätzen.